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»Panische Angst, dass die mich umbringen«

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Der 71-Jährige aus dem Vogelsbergkreis (l.) - hier mit seinem Verteidiger Frank Richtberg - wird beschuldigt, vor knapp zwei Jahren einen 55-jährigen Wettenberger mit einem Messerstich getötet zu haben. Er sagt, es sei Notwehr gewesen. Vorausgegangen war ein Streit um einen Drohnenflug. Foto: Czernek © Czernek

Der Streit um einen Drohnenflug unterhalb von Burg Gleiberg endet nach einem Messerstich tödlich. Beim gestrigen Prozessauftakt betont der Angeklagte, er habe in Notwehr gehandelt.

Wettenberg. (vb) Ein 55-Jähriger aus Wettenberg ist tot. Er starb an inneren Blutungen durch einen einzelnen Stich ins Herz. Der Mann, der zugestochen hat, sitzt auf der Anklagebank und muss sich wegen Totschlags verantworten. Der 71-Jährige aus dem Vogelsbergkreis - ein ehemaliger Kriminalbeamter - gibt die Tat zu, betont aber, in Notwehr gehandelt zu haben. Das Messer ist verschwunden. Das sind die Grundparameter eines Verfahrens, das am Montag vor der fünften Großen Strafkammer des Landgerichts Gießen begonnen hat. Auslöser der tragischen Vorkommnisse an einem warmen Samstagnachmittag Ende August 2020 war der Flug einer Drohne unterhalb von Burg Gleiberg.

Die Staatsanwaltschaft Gießen hatte den Fall einige Monate nach der Tat eingestellt, da nicht ausgeschlossen werden konnte, dass der Vogelsberger in Notwehr handelte. Die Angehörigen des Opfers wandeten sich daraufhin an das Oberlandesgericht Frankfurt, das entschied, es handele sich bei vorläufiger Bewertung nicht um eine Notwehrlage. Daraufhin erhob die Staatsanwaltschaft Anklage. Das Gericht unter Vorsitz von Regine Enders-Kunze will mit sechs Terminen klären, was sich damals abgespielt hat.

Wechselseitige Faustschläge

»Sie sind angeklagt, einen Menschen getötet zu haben, ohne Mörder zu sein« - mit diesen Worten beginnt Oberstaatsanwalt Thomas Hauburger, als er die Anklageschrift verliest. Der Angeklagte, der in Begleitung eines Freundes war, hatte an dem Nachmittag unterhalb der Burg eine Drohne steigen lassen. Daraufhin kam es zu einer zunächst verbalen, dann körperlichen Auseinandersetzung mit einem damals 62-Jährigen aus Wettenberg, der mit dem späteren Opfer in der Nähe an einem Brunnenhäuschen arbeitete. Es gab wechselseitige Faustschläge und schließlich eine Art »Ringkampf«, wie es der Angeklagte nennt. Als dieser den 62-Jährigen am Boden hatte, sei der 55-Jährige gekommen und habe dem Vogelsberger gegen den Kopf getreten. Als dieser sich wieder berappelt hatte, habe er ein Messer aus der Hosentasche gezogen und zugestochen. Dabei sei unter anderem die rechte Herzkammer des Wettenbergers getroffen worden. Der 55-Jährige starb wenige Stunden später in der Gießener Uniklinik.

Hauburger spricht von einem »zehn bis elf Zentimeter tiefen Stich«. Der Angeklagte behauptet, es habe sich um ein Taschenmesser »von Lidl für drei oder vier Euro« gehandelt. Die Länge der Klinge gibt er mit »neun Zentimetern« an. Er besitze mehrere dieser Messer und habe immer eins dabei.

Der Vogelsberger - dunkler Anzug, schwarzes Hemd, Glatze und auffällige Tattoos auf den Handrücken - schildert in der Folge ausführlich, was sich nach seiner Erinnerung innerhalb von »weniger als vier Minuten« abgespielt hat - vom Streit mit dem 62-Jährigen bis zum tödlichen Messerstich.

Ein Film über die Burg Gleiberg habe ihn angeregt, mit seiner Drohne auch dort zu drehen. Ein Vorstandsmitglied des Gleiberg-Vereins habe ihm dies genehmigt. Die Drohne ließ er von einem Feldweg unterhalb der Burg aufsteigen und in 45 Metern Höhe über ein »ungenutztes Wiesengrundstück« fliegen. Bei der Burg sei eine Höhe von 100 Metern erreicht worden. Der Freund des späteren Opfers habe ihn dann »angeschnauzt«, dass er mit der Drohne seine Pferde scheu mache. Dies habe er bestritten und auf seine Genehmigung verwiesen. Als der Wettenberger ihm angedroht habe, ihm in »die Fresse« zu hauen, habe er gesagt, dass er ein Messer dabei habe, so der Vogelsberger. Auch der Wettenberger habe ein Messer bei sich gehabt. Als dieser ihn mit dem Handy filmen wollte, wurde aus der verbalen eine körperliche Auseinandersetzung. Fäuste flogen, es kam zum erwähnten »Ringkampf«.

»Ein unglücklicher Stich, der mir fürchterlich leid tut«

»Hör endlich auf« habe er mehrfach gebrüllt, als er den Wettenberger am Boden hatte. In dem Moment sei der »fürchterliche Schlag gegen den Kopf« gekommen. »Ich war total benommen«, schildert der 71-Jährige. Als er sich wieder aufrappelte, sah er sich dem 55-Jährigen gegenüber. »Ich hatte panische Angst, dass die mich jetzt umbringen.« Beide Männer seien größer und kräftiger als er. In der Situation habe er das Taschenmesser aus der Hosentasche geholt und mit den Händen eine Abwehrbewegung gemacht, als der 55-Jährige auf ihn zukam. »Ich habe nicht gesehen, wohin ich gestochen habe und hatte keine Ahnung, dass ich ihn so schwer verletzt habe.« Der Mann spricht von einem »unglücklichen Stich, der mir fürchterlich leid tut«. Während das Opfer zu seinem Bekannten zurückging, habe er versucht, die Drohne zurückzuholen und seinen Freund mit Rücksicht auf dessen angegriffene Gesundheit weggeschickt. Gegenüber der Polizei habe er dann behauptet, er sei alleine vor Ort gewesen. Die Begründung: »Wenn ich einen Freund da raushalten kann, ohne mir zu schaden, dann tue ich das.«

In der weiteren Befragung will die Richterin von ihm wissen, welche Verletzungen er erlitten habe. Der Angeklagte spricht von »erheblichen Nackenschmerzen« und der Befürchtung, Halswirbel seien gebrochen oder angebrochen gewesen. Dies war nicht der Fall. Er habe zudem zwei Wochen »fürchterliche Kopfschmerzen« gehabt, sei auf dem linken Ohr komplett taub und leide unter einer posttraumatischen Belastungsstörung. Er habe das spätere Opfer weder getreten, noch geschlagen.

Oberstaatsanwalt Hauburger hakt wegen des verschwundenen Messers nach. »Ich habe keine Ahnung. Warum sollte ich es verschwinden lassen? Ich habe nichts gemacht, um es zu vertuschen«, antwortet der 71-Jährige.

Dass er das Messer dabei hatte. erklärt der Angeklagte so: »Ich lebe auf dem Dorf, da hat jeder ein Messer einstecken.« Er brauche es, um im Garten etwas abzuschneiden oder seinen Hund beim Gassigehen aus Leinen von Weidezäunen zu befreien. »Es ist ein Werkzeug.« Auf Nachfrage von Hauburger bestreitet der Vogelsberger, das Messer seinem Freund übergeben zu haben.

Auf Aufforderung des 62-Jährigen habe er dem 55-Jährigen, der auf dem Boden lag, die Beine hochgehalten. Dieser sei blass gewesen, habe aber geatmet und die Augen seien offen gewesen.

Als der Rettungsdienst am Tatort eintrat, sei das Opfer bewusstlos gewesen, berichtet der Notarzt im Zeugenstand. Kreislauf und Atmung sollten stabilisiert und der Mann so schnell wie möglich ins Uniklinikum gebracht werden. Der Notarzt führte einen Beatmungsschlauch ein und begann mit der Herzdruckmassage. Richterin Enders-Kunze will wissen, ob eine Verletzung des Darms eine Folge der Wiederbelebung sei. Der Notarzt verneint, Verletzungen am Schädel oder Blutergüsse habe er auch nicht festgestellt.

Der Prozess wird am Donnerstag fortgesetzt. Dann soll der Freund des Angeklagten aussagen.

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