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Per Ventilator zu guter Luft im Klassenraum

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Auch ohne Nebelmaschine ließ sich beim Pressetermin die Funktionsweise des Abluftventilatorensystems darstellen, das über dem linken Fenster eingebaut ist. Die Professoren Thomas Steffens (l.) und Hans-Martin Seipp (r.) sind wie der Erste Kreisbeigeordnete Christopher Lipp zufrieden mit dem Pilotprojekt zur Entlüftung von Klassenräumen. © Böhm

Das Abluftventilatorensystem wird nach einer Pilotphase nun in Räume an 23 Grundschulen eingebaut. Dies lässt sich der Landkreis rund 618 000 Euro kosten.

Kreis Gießen (vb/red). Die Nebelmaschine hätte Professor Hans-Martin Seipp eigentlich nicht einsetzen müssen. Nach knapp einer Stunde Pressetermin war der CO2-Gehalt in dem Chemieraum an der Gesamtschule in Hungen so hoch, dass das Lüftungssystem automatisch anging und die Funktionsweise vorgeführt wurde. Ein gekipptes Fenster und ein Abluftventilator, der verbrauchte Raumluft nach außen befördert und gleichzeitig für frischen Sauerstoff im Klassenzimmer sorgt - das Prinzip des von der Technischen Hochschule Mittelhessen (THM) weiterentwickelten Abluftventilatorensystems ist ebenso simpel wie effektiv. Das bestätigt ein Pilotprojekt, das die THM in Kooperation mit dem Landkreis Gießen durchgeführt hat und das nun überzeugende Ergebnisse liefert.

Nach dem mehrmonatigen Test in sieben Klassenräumen an vier Schulen lässt der Landkreis nun 94 Klassen-, Betreuungs- und Fachräume an 23 Grundschulen mit dem System ausstatten. Rund 618 000 Euro stehen zur Verfügung. Das ist viel Geld, aber Lüftungsanlagen kosten ein Vielfaches.

In der Corona-Pandemie ging es um die Frage, wie Klassenräume effektiv belüftet werden können, ohne dass die Kinder dauerhaft bei offenem Fenster lernen müssen oder durch den Geräuschpegel von Lüftungsanlagen gestört werden. Das Abluftventilatorensystem sorgt innerhalb weniger Minuten für einen Luftaustausch. Ein CO2-Sensor überwacht die Luftqualität permanent. Beim Überschreiten eines vorher eingestellten Grenzwertes wird automatisch ein Fenster gekippt und der Abluftventilator startet. Eine Lichtschranke soll Verletzungsgefahren beim automatischen Schließen der Fenster vermeiden und ein Rauchmelder im Brandfall für eine gezielte Entrauchung sorgen. Dieser Aufbau ist inzwischen auch Tüv-zertifiziert.

Erster Kreisbeigeordneter Christopher Lipp (CDU) wies darauf hin, dass das System nicht nur dafür sorge, dass Virenbelastete Luft entfernt werde. Es senke auch die CO2-Belastung, die bei Schülern wie Lehrern zu Müdigkeit, Kopfschmerzen und Konzentrationsschwächen führe. Im Raum gebe es keinen nennenswerten Temperaturabfall und die einströmende frische Außenluft werde auch in Fensternähe nicht als unbehaglich empfunden. Weiterer Vorteil: Die aus einer Handvoll Hauptkomponenten bestehenden Anlagen verursachen nur durch den Stromverbrauch Folgekosten. Es müssen keine Filter ausgetauscht werden. Schulleiterin Alexandra Kuret berichtete von positiven Rückmeldungen der Schüler und Lehrer.

Professor Seipp erläuterte, dass das System den Luftaustausch in drei bis vier Minuten schaffe. Dabei entstehe im Raum kein »Eisluftsee«. Die Messungen hätten gezeigt, dass die Temperatur bei null Grad draußen und 23 Grad innen um 1,5 Grad sinke. Die gleiche Zeit das Fenster zu öffnen, bedeute sechs Grad weniger,

Sein Kollege Professor Thomas Steffens wies auf die geringe Lautstärke das Systems hin. Sechs Dezibel weniger als bei einem mobilen Luftreiniger bedeuteten, dass der Lehrer nicht gegen den Lärm der Lüftung anreden müsse und somit weniger Aerosole verbreite. Die Anlage ermögliche zudem, im heißen Sommer Räume nachts mit kühler Luft zu versorgen.

Die Arbeiten zum Einbau der Abluftventilatorensysteme wurden laut Lipp bereits ausgeschrieben und sollen voraussichtlich vor den Sommerferien beginnen. Pro Raum wird mit Kosten zwischen 5000 und 6500 Euro gerechnet.

Darüberhinaus sind für 2022 weitere Investitionen in Höhe von rund 3,6 Millionen Euro für die Neuinstallation von Lüftungsanlagen an weiteren 15 Schulen vorgesehen. Dafür wurden Fördergelder des Bundes in Höhe von rund 2,7 Millionen Euro beantragt. Förderzusagen über rund 1,95 Millionen Euro liegen vor.

1161 pädagogisch genutzte Räume gibt es im Landkreis. In der Mehrzahl ist deren Belüftung gemäß Kriterien des Umweltbundesamtes unproblematisch. Alle Räume mit eingeschränkter Lüftung seien 2021 mit Lüftungsanlagen, dem Abluftventilatorensystem oder mobilen Luftreinigungsgeräten ausgestattet worden, berichtete Lipp.

Der Termin in Hungen zeigte: Der Verkehrslärm war stärker zu hören als der Ventilator.

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