Prozessauftakt um tödlichen Unfall bei Lich

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LICH - (jem). Fast täglich fährt der 50-Jährige aus Fernwald auf dem Weg zur Arbeit an der Stelle auf der Bundesstraße 457 vorbei, an der er nur mit Glück einen schweren Autounfall überlebte. Noch immer fällt es ihm schwer, über den 28. September 2019 zu reden. So auch, als er als Zeuge vor dem Amtsgericht in Gießen aussagte. Seit Donnerstagnachmittag muss sich hier ein 49-Jähriger verantworten, der unter Einfluss von Cannabis und ohne eine Fahrerlaubnis zwischen Birklar und der Abfahrt nach Nieder-Bessingen mit seinem roten Kia in den Gegenverkehr geriet.

Zwei Menschen kamen hierbei ums Leben, drei weitere - inklusive Unfallverursacher - wurden schwer verletzt und kämpfen noch immer mit dem Trauma.

Warum kam es zu dem Unfall? Diese Frage blieb am Donnerstagnachmittag offen. Laut Sachverständigem könnte der Fahrer eingeschlafen sein oder die Situation Drogen-bedingt falsch eingeschätzt haben. Ein technisches Versagen am Auto sei auszuschließen.

Fest steht: Der Unfall ereignete sich gegen 13.55 Uhr. Es war ein warmer und trockener Spätsommertag, als der Wagen des Beschuldigten in einer leichten Kurve von Gießen Richtung Hungen bei Tempo 95 auf die Gegenfahrbahn geriet. "Ich bin schon etwas zur Seite gefahren, aber ich bin davon ausgegangen, dass er den Wagen wieder gerade zieht", erinnerte sich der heute 20-jährige Zeuge. Doch der Pkw kam völlig auf die Gegenspur. Der junge Mann bremste ab und versuchte weiter auszuweichen, doch der Kia streifte seinen Citroen und touchierte ihn am Heck, sodass dieser sich überschlug und im Graben auf dem Dach landete. Der Fahrer erlitt schwere Prellungen und Schnittwunden. Ein Taubheitsgefühl in den Beinen hielt einige Wochen an. Noch heute habe er manchmal starke Schmerzen. Seine Ausbildung als Metallbauer musste er um ein Jahr verlängern.

"Der Pkw des Beschuldigten war schwerer und deutlich schneller unterwegs", erklärte der Sachverständige dem Schöffengericht, warum der Kia weiter geradeaus fuhr. Da der Airbag des Wagens auslöste, sei es dem Fahrer nach der ersten Kollision auch nicht mehr möglich gewesen, zu bremsen.

Nur 23 Meter - etwa eine Sekunde - später prallte das Auto dann frontal mit einem VW Polo zusammen. Die Wucht des Aufpralls war so stark, dass das Heck von Kia und Polo nach oben stieß. Der hinter dem Polo ebenfalls Richtung Gießen fahrende BMW versuchte zwar zu bremsen, fuhr laut Sachverständigem aber mit bis zu 50 Stundenkilometern auf die Unfallstelle auf. "Als ich den roten Wagen auf uns zukommen sah, da hatte ich mit dem Leben abgeschlossen. Es ging so schnell, aber mir war klar, dass es vorbei ist", sagt der heute 50-Jährige mit wackeliger Stimme. Immer wieder kämpfte er bei seiner Zeugenaussage mit den Tränen. Nur durch Zufall überlebte der BMW-Fahrer schwer verletzt den Unfall.

Zweieinhalb Sekunden

Neben schweren Prellungen sind es vor allem die psychischen Folgen, die den 50-Jährigen heute noch schwer belasten. "Ich habe mich monatelang gefragt, ob ich eine Teilschuld habe, weil ich zu schnell gefahren oder zu nah aufgefahren bin." Erst das Ergebnis des Gutachtens konnte ihm zumindest das Gefühl nehmen. Zweieinhalb Sekunden - so viel Zeit verging zwischen dem Zeitpunkt, als der Beschuldigte von der Fahrbahn abkam, bis er mit dem VW kollidierte. "Bremsen, mehr war nicht möglich", erklärte der Sachverständige.

Nach dem Aufprall war der Fernwalder zunächst ahnungslos, wo er war. Er wusste nur, dass es einen Unfall gegeben hatte. "Alles war voller Rauch und ich befreite mich aus dem Auto." Das erste, was er sah, war der Wagen des Unfallverursachers. Er machte die Tür auf und sah den stark blutenden Mann, der nicht ansprechbar war und am ganzen Körper zitterte. Er blickte zurück zu seinem Auto und bemerkte erst da, dass sich der vordere Teil seines Autos unter dem Polo befand. Der Kleinwagen war derweil völlig zerstört.

"Die Fahrerin war ansprechbar. Dann sah ich den Beifahrer und wusste sofort, dass es nicht gut aussah." Der Fernwalder ging auf die andere Seite, versuchte, den Puls zu fühlen und den Mann anzusprechen. Immer wieder verlor dieser das Bewusstsein. Es blieb ihm nichts anderes, als seine Hand zuhalten. "Die Frau fragte mich, wie es ihrem Vater ging. Ich sagte, dass alles gut ist." Noch heute tue es ihm weh, dass er sie anlog.

Der 84-jährige Beifahrer erlag noch an der Unfallstelle seinen schweren inneren Verletzungen. Seine Tochter kam ins Krankenhaus, wo sie einige Tage später ebenfalls verstarb.

Selbst etwas zu dem Vorfall sagen, konnte oder wollte der Beschuldigte nicht, der während der gesamten Verhandlung auf den Boden blickte und dem immer wieder Tränen kamen. Dass er aber die völlige Schuld auf sich nimmt, das machte sein Rechtsanwalt bei seiner Einlassung klar. "Es ist auch für ihn der schlimmste Tag seines Lebens. Eine ganz schlimme Tragödie, die einzig und allein er zu verantworten hat", betonte Rechtsanwalt Carsten Marx. Sein Mandant wisse, dass er die Schuld nie mehr gutmachen könne. Damals sei er in der "dunkelsten Phase seines Lebens" gewesen.

Erst seitdem er wegen einer anderen Sache in Frankfurt in Haft sitzt, sei er nicht nur frei von Drogen, sondern habe auch die Hoffnung, irgendwann einmal ein geordnetes Leben zu führen, "wohl wissend, dass er überlebte, während seinetwegen zwei Menschen starben". Eine Entschuldigung brachte der Mann ebenfalls nicht zustande. "Ich habe keine Wut. Was passiert ist, kann keine Entschuldigung ändern. Ich brauche die nicht", erklärte der 50-jährige Zeuge dazu vor dem Schöffengericht.

Die Verhandlung wird am Montag, 18. Januar, ab 14 Uhr fortgesetzt.

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