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»Putin muss niemand retten«

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Während eines russischen Angriffs 2015 wurde der Flughafen in Donezk und gleich nebenan eine Wohnung der Yashchenkos zerstört. © dpa

Der Anzeiger sprach mit Kreistagsmitglied Vyacheslav Yashchenko über den Ukraine-Konflikt

Kreis Gießen . Vyacheslav Yashchenkos Vater wohnt in Donezk. Dort herrschen die Russland zugewandten Separatisten schon lange. Explosionen gehören für den 64-Jährigen, dessen Sohn Kreistagsabgeordneter ist, seit acht Jahren zum Alltag, seitdem die Krim verloren ging. Der Rentner schüttelt den Kopf, wenn er von seinem Sohn hört, welche Diskussionen jetzt in Europa geführt werden - der ehemalige Pilot kennt es nicht anders, den Kriegszustand. Seit der Krim ist es so. Der Anzeiger spracht mit seinem Sohn über den Ukraine-Konflikt.

Der 34-Jährige, der seit 2003 im Kreis lebt und heute in Reiskirchen wohnt, hält engen Kontakt zum Vater. Er ist Abgeordneter für die europäische Partei Volt, die in Fraktionsgemeinschaft mit »Der Partei« unter dem Namen »Vraktion« auftritt.

Es ist nicht so, dass der Krieg an der Familie vorbeigegangen wäre. Eine zweite Wohnung lag direkt am Flughafen der Millionenstadt, der fünfgrößten in der Ukraine.

Bereits in den ersten Monaten des damals noch auf den Donbass begrenzten Konflikts, vor acht Jahren, wurde das neunstöckige Haus von den Russen in Schutt und Asche gelegt, erinnert sich der gebürtige Ukrainer, der die deutsche Staatsbürgerschaft annahm.

Was für den einen ein Stück Heimat, ist für andere ein Kollateralschaden. Das würden Militärexperten emotionslos erklären. So funktioniert Krieg.

Einfach Pässe verteilt

In Donezk und den anderen Donbass-Gebieten gibt es mittlerweile viele russische Staatsbürger. Die meisten sind allerdings Ukrainer, denen kurzerhand von den neuen Machthabern russische Pässe aufgezwungen wurden, sagt Yashchenko junior. Wer einen hat, wird besser behandelt. So habe Putin nach Gutsherrenart behaupten können, dass die Region Donbass russisch sei. Doch das reichte wohl nicht.

Yashchenko weiß von diesem von Russland bereits in anderen Gebieten praktizierten Strategie und anderen, denn seine Heimat hat er nie vergessen. Nachdem er mit der Mutter und Opa aus familiären Gründen in den Westen gezogen war, verbrachte er viel Zeit in der Ukraine, bis zum Jahr 2015. Schon damals begann der Krieg, allerdings nur auf den Donbass begrenzt.

Heute ersetzen Whatsapp-Nachrichten und Skype-Telefonate den direkten Kontakt. Viele seiner Freunde sind schon damals aus dem Randgebiet Europas geflohen, in die unbesetzten Gebiete seines Heimatlandes oder nach Russland selbst. Nun müssen die aus der Region Donbass mit dem Krieg konfrontierten Menschen, die innerhalb der restlichen Ukraine Schutz gefunden haben, erneut die Flucht ergreifen, denn inzwischen ist das ganze Land nicht mehr sicher.

Wie weit soll das alles noch in Europa gehen, fragt der 34-Jährige. »Warten wir darauf, dass vielleicht Bomben in Polen explodieren?« Waffenlieferungen und militärisches Eingreifen der EU-Staaten in seiner Heimat, um Putins Armeen zurückzudrängen? Der 34-Jährige sieht keine andere Lösung. »Ich erinnere mich gut daran, dass es 2015 in einem in offiziellen Statements hieß, dass Russen, die im Donbass in Uniformen und mit Gewehren ausgestattet auf der Seite der Separatisten kämpften, »sich dort verlaufen« oder »dort freiwillig Urlaub« machen würden.« Warum nicht auch bewaffnete Nato-Truppen oder Armeen der EU-Staaten heutzutage Urlaub im noch unberührten Teil der Ukraine machen lassen, fragt er sich. »Putin würde sich das noch einmal mehr überlegen, bevor er auf das gesamte Land Raketen regnen lässt.«

Wie weit soll Russlands Alleinherrscher noch gehen, erst die Krim, dann die Okkupation der Ost-Ukraine, grübelt Yashchenko. Sein Vater war 2014/2015 für ein halbes Jahr auf der Flucht, bevor er zurückkehren konnte, in seine geliebte Heimatstadt Donezk, in der sich nach der Krim-Annektion eine »Art russischer Regierung« etablierte.

»Mit Sanktionen ist man auf dem falschen Weg. Das Land und die unschuldigen normalen Menschen in Russland, die von ihnen hauptsächlich betroffen werden, tun mir leid.« Für Yashchenko junior steht fest: »Viel näher kann der Krieg nicht mehr kommen. Die Ukraine ist eines der Grenzländer der EU. Es gibt nichts mehr dazwischen.« Wie der ukrainische Botschafter für Deutschland fordert er mehr Initiative. Doch mit welchen Folgen?

Nicht umsonst wurde die Ukraine bisher als Pufferzone behandelt. Stehen die Russen demnächst vor der polnischen Grenze? Oder muss die Ukraine erneut, Scheibchen für Scheibchen, Land abtreten? Wie weit soll das gehen, bis zur Auflösung einer Nation? Jeder stellt sich diese Fragen. Es sind historisch bedeutsame Fragen, denn die Weltmächte mussten bereits in ähnlicher Situation entscheiden. Damals war Deutschland der Aggressor. Könnte es einen dritten Weltkrieg geben? Noch scheint das ausgeschlossen.

Yashchenko hat für sich bereits entschieden, dass sich die EU klar einmischen muss. Die Ukraine, wie er sie gesehen hat, ist Geschichte. »All das, an was ich mich erinnere, ist dem Erdboden gleichgemacht. Das geht mir sehr nahe.« Man versteht ihn.

Besonders sensibel ist der 34-Jährige, wenn es um Gerechtigkeit geht. Ihn verwundert daher, wie mit anderen Geflüchteten in Deutschland umgegangen wird und wie offen man heute seine Landsleute empfängt.

Als ehemaliger Sozialarbeiter in der Erstaufnahmeeinrichtung in Gießen hat er das emotionale Elend der schutzsuchenden Syrier und anderer hautnah mitbekommen. Natürlich freut ihn, wie die Ukrainer behandelt werden. Doch es stimmt ihn nachdenklich, warum das mit anderen Geflüchteten nicht funktioniert.

»Das Leben von Menschen, egal wo, ist gleichwertig, egal aus welchem Kriegsgebiet sie kommen. Es darf keine Filter geben.« Yashchenko möchte den Ausgleich. Das hat den Politik- und Sozialwissenschaftler dazu bewogen, aktiv zu werden. Er sorgte dafür, dass die Angestellten des in der EAEH (Hessische Erstaufnahmeeinrichtung) beauftragen Sozialdienstleisters jetzt eine einheitliche Stimme gegenüber dem Arbeitgeber haben. Heute entwickelt er Software und hat vor, sich als Dolmetscher für seine Landsleute zu engagieren.

Als 2015 zur Hochzeit des Syrien-Kriegs der Flüchtlingsstrom über das Mittelmeer nicht abriss, fing der damals Mittzwanziger an sich in der EAEH zu engagieren. Er konnte nicht fassen, dass in einem reichen Land Schutzsuchende in Zelten ohne Boden mehrerer Wochen verbringen mussten, Frauen wie Männer keine Privatsphäre hatten. »Wie kann das sein, dass h Leute auf der Straße leben?« Er stellte sich selbst die Frage »Kann man das nicht besser machen?« Da einer nur wenig ändern kann, engagierte er sich bald in der Partei Volt, denn »viele können etwas bewegen«, ist er sich sicher, auch im Ukraine-Konflikt.

Die Krim verloren, im Donbass sich einem Bürgerkrieg unter russischem Einfluss entgegengestemmt, das Land aktuell gegen Invasoren verteidigend, »kein anderes Land hat so einen hohen Preis bezahlt, um ein Teil Europas zu sein«, denkt der 34-Jährige.

Seit 2014 sei die Ukraine »ein gutes Beispiel für Demokratie« geworden. »Selenskyj ist kein Traumpräsident, aber wie er sich gerade verhält, wie er unser Volk in dieser Zeit moralisch unterstützt. Das verdient allen Respekt.« Im Übrigen sei Putins Propaganda unverständlich, eine Entnazifizierung der Ukraine vornehmen zu wollen, immerhin sei der ukrainische Präsident Jude.

Selenskyj habe dafür gesorgt, dass man sein Land jetzt überall kennt: »Bisher habe ich immer erklären müssen, was die Ukraine ist. Dass die Klitschko-Brüder aus der Ukraine kamen, sich in unserem Land das Atomkraftwerk Tschernobyl befindet und wir in Donezk einen bekannten Fußballverein haben.«

Als der Krieg am 24. Februar verkündet worden sei wie auch in den Tagen davor habe er genau hingesehen und in den politischen Vorbereitungsschritten die Unsicherheit im Umfeld Putins erkannt. Getreue hätten sich verplappert, seien nervös gewesen. Einer habe gesagt, »Wir nehmen die Republiken Donezk und Luhansk auf«. Putin sprach aber immer nur von »beschützen und unterstützen«". Eindeutig sei auch eine falsche Uhrzeit auf den Uhren der Beteiligten zu sehen gewesen. Die Sitzung samt der Abstimmung und Ankündigung war nur inszeniert, sagte Yashchenko.

»Putin hatte den Marschbefehl längst vorher unterschrieben. Persönliche Opfer bringt er nicht, andere Menschen sterben für ihn.« Dabei habe es nie eine Feindschaft zwischen der Bevölkerung beider Länder gegeben. »Mal sind wir für Putin Brüder, mal sollen wir nicht existieren«.

Klar sei jedenfalls, dass es im Falle des Sieges zu einer Russifizierung kommen werde, wie bereits im Donbass vorgelebt. »Die Ukrainer und erst recht die Russen im Osten, die nach Russland wollen, können doch längst nach Russland einreisen. Da muss Putin niemand retten. Putins Argumente sind alle fadenscheinig.«

Yashchenko erinnert sich noch gut an die Einflussnahme der Russen in Georgien und Tschetschenien um die Jahrtausendwende. »Wie oft hat die Nato Länder überfallen, wie oft hat Putin das getan?« Man muss sich erst einmal ausmalen, was dann geschieht. Ich will keinen Schuss auf EU-Boden sehen.« Er plädiert dafür, die Ukraine in die EU aufzunehmen.

Es bringe offensichtlich etwas, Waffen zu liefern, denn Putin schaffe die Besetzung nicht auf konventionellem Weg, betont Yashchenko. Er habe wie jeder andere vor dem Überfall der Ukraine nur immer wieder Nachrichten gelesen, in denen es hieß, es werde nicht weiter eskalieren. Dann sei es los gegangen, was er und andere nicht erwartet hätten.

Gegenseitigen Respekt gefordert

»Man kommt nur weiter in einer Welt, in der man sich gegenseitig respektiert«, ist seine Botschaft an all die, die für ihn zu vorsichtig sind. »Es muss jedem klar sein, was Putin macht.« Er selbst sei »kein Fan von Symbolpolitik« und habe daher die Resolution im Kreistag nicht mit einer eigenen Rede mitgetragen. Doch Yashchenko sieht auch ein: »Die ukrainische Flagge plötzlich überall auf Social Media und auch draußen zu sehen, da fühlt man sich nicht so alleine.«

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Vyacheslav Yashchenko Kreistagsabgeordneter © Red

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