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Redeschwall vor Gericht gestoppt

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Im Mordprozess ohne Leiche riss der Richterin und dem Staatsanwalt der Geduldsfaden, nachdem einer der Angeklagten fast drei Stunden lang vorweggenommene Beweiswürdigung betrieb.

Kreis Gießen (bcz). Das Verfahren um den Mord an Daniel M. hat sich zu einem für alle Beteiligten quälenden Indizienprozess entwickelt.

Zwei Angeklagte sitzen seit mehr als einem Jahr auf der Anklagebank, verhandelt wird im externen Gerichtssaal am Stolzenmorgen in Gießen. Beiden wird vorgeworfen, gemeinsam Daniel Matysek 2016 nach Hungen gelockt und ihn dort erschossen zu haben.

Wer die Tat begangen hat, das ist ungeklärt, denn beide beschuldigen sich gegenseitig. Die sterblichen Überreste sind bis heute noch nicht gefunden worden. Mittlerweile hat der Vater des Opfers, Herbert Matysek, der auch als Nebenkläger den Prozess verfolgt, eine Belohnung ausgelobt, um eventuell doch noch die sterblichen Überreste seines Sohnes zu finden.

Die beiden Angeklagten, ein 44-Jähriger und ein 40-Jähriger, verhalten geben sich in dem seit mehr als einem Jahr laufenden Verfahren extrem unterschiedlich. So schweigt der 40-jährige Softwarespezialist nahezu komplett während des gesamten Verfahrens. Allerdings verfasste er einige Briefe, in denen er sich extrem abwertend gegenüber dem Gericht, dem Nebenkläger und der Staatsanwaltschaft äußerte.

Ganz anders verhält sich der 44-Jährige. Am gestrigen Verhandlungstag ließ sich der Mathematik- und Physiklehrer stundenlang und wortreich auf die vorangegangenen Verhandlungstage und die geschilderten und dokumentierten Vorgänge ein.

Vorweggenommene Beweiswürdigung

Er ließ nichts unversucht, sich als armen Unschuldigen und Opfer einer perfiden Intrige darzustellen. Dies schilderte er in epischer Breite. Schließlich wies ihn Oberstaatsanwalt Thomas Hauburger darauf hin, dass, wie er sich gerade äußere, weit über den juristisch tragbaren Rahmen hinausgehe.

Auch der Hinweis der Vorsitzenden Richterin Kunze-Enders, dass das Gesagte bereits in den Rahmen der Beweiswürdigung des Gerichts am Ende des Prozesses fiele, hielt ihn nicht auf. So bezichtigte er seinen Mitangeklagten unzählige Male der Intrige und der Lüge und der Einzeltäterschaft. Er hingegen unternahm den Versuch, eine Beweiskette zu knüpfen, die seine Unschuld beweisen sollte. Mit ruhiger Stimme legte er gemachte Aussagen anderer ganz in seinem Sinne aus.

Zudem stellte er noch drei Beweissicherungsanträge, über die das Gericht noch befinden muss.

Nach drei Stunden war die Geduld aller endgültig erschöpft, und die Richterin unterbrach den Redeschwall.

Marathon geht weiter

Sie und der Staatsanwalt baten ihn inständig, seine Einlassung in Absprache mit seinen Verteidigern erneut zu überarbeiten und sie anschließend vorzutragen. Seine Einlassungen finden eventuell noch kein Ende, denn am Montag 8. August, geht es mit dem Verhandlungmarathon weiter, in Anwesenheit des psychologische Gutachter Dr. Rolf Speier, der auch gestern zur Verhandlung gekommen war.

Er hatte bereits ein Gutachten über die Angeklagten verfasst, allerdings noch bevor er die wortreichen Erzählungen und die jüngsten Briefe der beiden Angeklagten mit einbeziehen konnte.

Daher wurde er erneut zu Rate gezogen, um seine Beurteilung gegebenenfalls noch einmal anpassen zu können.

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