Revikon-Umplanung wohlwollend betrachtet

  • schließen

LINDEN - (ww). Was halten die Lindener Parteien von dem umgeplanten Projekt Am Bahnhof mit 130 Wohnungen? Über das Revikon-Vorhaben wird erst am nächsten Dienstag im Ausschuss beraten. In einer Sondersitzung des Gremiums war es aus formalen Gründen abgesetzt worden.

Eine klar anlehnende Haltung hat weiterhin Gudrun Lang (SPD): "Es hat sich nichts Wesentliches verändert. Es sind viele Wohnungen und auch viele kleinere Wohnungen. Ob wir diesen Bedarf haben? Gerade in der Gießener Straße im Forst findet sich viel Leerstand. Wir haben immer noch keine Wohnraum- und Leerstandsanalyse. Wo will Linden eigentlich in Zukunft hin? Wir planen, ohne ein Ziel zu haben." Sie kritisierte konkret die Verkehrsuntersuchung zu Coronazeiten. "Da sind ja nun einmal viele Dinge anders."

Linden braucht kleinere Wohnungen, das betont Thomas Altenheimer (CDU) aus eigener Anschauung. Selbst er habe in der Stadt Schwierigkeiten gehabt, eine kleinere Eigentumswohnung zu finden. Ganz aktuell habe ihm eine Ur-Lindenerin, die ihr Haus verkauft hatte, berichtet, dass es ein dreiviertel Jahr gedauert habe, bis sie eine neue Bleibe im Ort fand. "Das Revikon-Projekt ist in erheblichem Maß verändert worden", betonte er. Der Grüngürtel bleibe jetzt weitestgehend erhalten, was auch die Bürgerinitiative gefordert habe. In Einzelpunkten müsse man sich das Ganze noch einmal anschauen, gerade in Bezug auf das Merkmal parkähnlich, da ja eigentlich die Erhaltung des Grünstreifens im Fokus stand. Die Bebauung sei in jedem Fall sinnvoll. "Wir haben großen Bedarf." Es gehe jetzt darum, die zweite vorgeschriebene Offenlegung der Planungen zu beschließen, bevor Baurecht mit einem Satzungsbeschluss geschaffen werden könne. Auch da erwarte er noch weitere Einwendungen.

Das Verhalten der SPD, die Sondersitzung überraschend zu beenden, "fand ich nicht gut". Die Ältestenratsitzung sei am Tag zuvor harmonisch verlaufen. Man hätte da diskutieren können.

Joachim Schaffer (FW) ärgerte sich ebenfalls über Lang. Man hätte die Angelegenheit im Ältestenrat besprechen können, bevor man einfach fünf Minuten vor der Sitzung ankündige, so vorgehen zu wollen: "Das ist kein Stil." In der Sache habe sie wohl recht. Die Freien Wähler (FW) hätten sich noch keine endgültige Meinung zum Projekt gebildet. "Wenn die Gutachten gut aussehen, gibt es keinen Grund, den Neubau abzulehnen."

Dr. Christof Schütz von den Grünen sprach von offenen Punkten, die nicht abgearbeitet wurden. Es gebe Fragen, wie viel Bäume fallen. Es fehlten noch Aussagen zu Fotovoltaik und Regenwassernutzung. Auch der KfW-Energiestandard 55 passe nicht ganz in die Zeit. In Bausch und Bogen könne man das Projekt aber nicht verdammen. Es gehe darum, sinnvoll Wohnraum zu schaffen. Dabei sei die Innenraumverdichtung vor der Planierung von weiteren Ackerflächen zu bevorzugen. Das Projekt biete gute Ansätze wie die Nähe zum öffentlichen Nahverkehr. Viel Anforderungen habe der Investor jetzt umgesetzt. "Das ist im Prozess gut gelaufen. Wenn uns allerdings später aus Rache das Gebiet ,Nördlich Breiter Weg' zubetoniert wird, dann haben wir mit Zitronen gehandelt." Es gehe jetzt darum, zukünftige Lücken in der Stadtstruktur wieder zu füllen. Hier müsse der Bürgermeister auch auf die älteren Leute in ihren Häusern zugehen.

Lothar Weigel (FDP) betonte: "Wir sind in Linden herum sehr eingeschränkt, im Kessel der Autobahnen. Wir müssen innerorts verdichten. Wir befürworten das Projekt, aber der Altbestand muss bleiben." Natürlich wisse man, dass wegen der Rettungsfahrzeuge und Zulieferer ein paar Bäume gefällt werden, aber im Großen und Ganzen sei der Grünstreifen zu erhalten. "Wenn das so bleibt, können wir mitgehen."

"Ich finde generell, dass mehr Wohnraum sehr sinnvoll ist. Selbst die SPD habe sich für eine Nachverdichtung in Linden ausgesprochen", betonte Nicolas Kuboschek von der AfD. Er sehe nicht, dass bei dem Projekt eine Frischluftschneise abgeschnitten werde.

Seine Ambition sei es gewesen, sich mit der Bürgerinitiative, die gegen das Projekt sei, zusammenzusetzen. Das wäre im Prinzip in der Sondersitzung am Dienstag passiert. "Super ärgerlich ist das mit der Absetzung. Das ist dem Bürger schlecht zu verkaufen und nicht schön gelaufen. Im Übrigen: Die Böschung in der Sudetenstraße ist nicht der Hangelstein." Es sei positiv zu bewerten, wenn jemand Geld in die Hand nehme, um Wohnraum zu schaffen. "Jemand, der dort eine Wohnung bezieht, zieht ja von woanders weg, sodass dort wieder Wohnraum frei wird."

Meric Uludag (Die Linke) kann die SPD mit ihrem erfolgreichen Absetzungsantrag verstehen: "Sämtliche Unterlagen waren nicht, wie es die Geschäftsordnung verlangt, rechtzeitig auf der Bürgerinformationsplattform veröffentlicht worden." Dass es sich um ein Missgeschick und Fehler der Verwaltung handelte, steht für Uludag außer Frage. Das Bauvorhaben sei aber in einer Kleinstadt wie Linden ein massiver Eingriff in bestehende soziale und ökologische Strukturen. Abgesehen davon, dass es sich bei der gigantischen Anzahl an geplanten Ein-Zimmer- Wohnungen (laut Verkehrsuntersuchung 44 von 130, aber auch 64 Zweizimmer-Wohnungen) nicht um notwendige Wohnraumschaffung, sondern vielmehr um die Befriedigung von Renditeinteressen handele, sei dieses Projekt überdimensioniert. Uludag betont, dass die Baugenossenschaft Gießen 1894 in unmittelbarer Nähe auch Sozialwohnungen habe und durch zu viele weitere Sozialwohnungen an diesem Ort eine völlig unbegründete Konzentration entstehe, welche die Erhaltung von sozialen Strukturen gefährden könnte.

Das könnte Sie auch interessieren