RHI Mainzlar: Ende Juni ist der Ofen aus

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MAINZLAR - (dge). Was im vergangenen Jahr zunächst die Gerüchteküche befeuert hatte, ist nun traurige Gewissheit. Der Standort Mainzlar von RHI Magnesita, im Volksmund "Schamott" genannt, wird dichtgemacht. "Trotz der starken Arbeit des Betriebsrates bleibt der Arbeitgeber bei seiner Strategie und will das Werk in Mainzlar zum 30. Juni schließen", teilte Betriebsratsvorsitzender Michael Schwarz mit.

Bei erneuten Verhandlungen mit dem Arbeitgeber habe der Betriebsrat der Unternehmensleitung sein Ein-Ofen-Konzept vorgestellt. Die Unternehmensseite habe indes erklärt, aus strategischen Gründen dennoch an der Schließung des Standortes Mainzlar zum 30. Juni festhalten zu wollen. "Wir haben Bedenken, geäußert, dass die für 2021 geplanten Aufträge ab dem 1. Juli von anderen Werken abgearbeitet werden können. Ferner hat der Betriebsrat die Unternehmensseite darauf hingewiesen, dass der Betriebsrat diese Entscheidung weiterhin nicht nachvollziehen kann", so Schwarz. Der Betriebsrat habe nun eine gute soziale Abfederung für die Beschäftigten gefordert. Diese solle in einem Sozialplan mit sehr guten Leistungen und einer Transfergesellschaft zum Ausdruck kommen. Die Arbeitgeberseite habe mitgeteilt, dass sie im Grundsatz mit der Einschaltung einer Transfergesellschaft einverstanden sei.

Staufenbergs Bürgermeister Peter Gefeller (SPD) zeigte sich überrascht über die neueste Entwicklung in Sachen RHI. "Wir werden mit dem Betriebsrat versuchen, eine Schließung zu verhindern und dafür kämpfen, dass der Standort erhalten wird." Immerhin habe es die Ankündigung schon mehrmals gegeben und trotzdem habe sich die Schließung bislang immer wieder verschoben, gibt er seiner Hoffnung, das Blatt vielleicht doch noch zu wenden, Ausdruck. Sollte eine Schließung aus strategischen Gründen erfolgen, könne man das allerdings nicht wirklich aufhalten.

Umso wichtiger sei aber nun der Beschluss der Stadtverordnetenversammlung im Dezember gewesen, einen Bebauungsplan für das Areal der ehemaligen Didier-Werke aufzustellen. "Damit haben wir jetzt einen Fuß in der Tür", betonte Gefeller. Mit dem "Gewerbepark ehemalige Didier-Werke" könne die Stadt Einfluss auf eine künftige Nutzung respektive die Art der Ansiedlung von Unternehmen nehmen. Er vermute, dass die Unternehmensleitung von RHI Magnesita die Fläche nicht einfach brach liegen lasse, stelle sie doch einen Vermögenswert dar.

Sollte beispielsweise an einen Investor verkauft werden, werde die Stadt versuchen, ihren Einfluss dahingehend geltend zu machen, dass Arbeitsplätze vor Ort geschaffen und nach Möglichkeit produzierende Gewerbebetriebe angesiedelt würden. "So kann man Arbeitsplätze für die ehemaligen Mitarbeiter von RHI und auch für Arbeitnehmer aus dem ganzen Lumdatal schaffen. Zudem kann die Stadt Gewerbesteuereinnahmen generieren." Mit dem Bebauungsplan habe sich die Stadt abgesichert, ein rein auf Logistik ausgerichtetes Unternehmen soll hier ausgeschlossen werden. "Eine ,Langsdorfer Höhe' II brauchen wir in Staufenberg nicht", stellt er klar.

Ein Blick zurück: Seit 1907 wird in Mainzlar feuerfestes Material hergestellt. Rund 150 Mitarbeiter sind aktuell hier beschäftigt. Im Spätsommer vergangenen Jahres hatten sich die Gerüchte um eine Schließung verdichtet. Betriebsrat und Belegschaft wehrten sich dagegen, Unterstützung bekamen sie vom DGB Mittelhessen und der Industriegewerkschaft Bergbau, Chemie, Energie (IG BCE) sowie der Staufenberger Kommunalpolitik. Anfang Dezember gab es eine Kundgebung vor den Werkstoren, im Werk selbst standen Verhandlungen zwischen Betriebsrat und Unternehmensleitung an. Zeitgleich zu einer weiteren Verhandlungsrunde hatte es im Januar Corona-bedingt eine Online-Demo auf Facebook gegeben. Wie Betriebsratsvorsitzender Schwarz zu diesem Zeitpunkt mitgeteilt hatte, war zu Jahresbeginn davon die Rede, dass voraussichtlich mindestens bis Ende Juni oder auch Ende Dezember dieses Jahres zunächst weiterproduziert werden solle. Nun steht fest: Ende Juni macht die "Schamott" dicht.

Weltmarkt gerecht werden

Von der Unternehmensleitung hieß es auf Nachfrage dieser Zeitung nun, dass RHI Magnesita laufend das Produktionsnetzwerk optimiere, um den Änderungen am internationalen Weltmarkt gerecht zu werden. "Da vermehrt in jenen Regionen produziert werden soll, in denen sich die Werke unserer Kunden befinden, investieren wir in die Digitalisierung und Modernisierung bestehender Produktionsstätten oder es kommt zu Verschiebungen von Produktionskapazitäten. Im Falle von unserem lokalen Werk in Mainzlar werden die Kapazitäten verlagert, aus diesem Grund müssen Maßnahmen ergriffen werden", heißt es in der Stellungnahme. Daher sei man gemäß dem deutschen Betriebsverfassungsgesetz in ständigem Dialog mit dem lokalen Betriebsrat und "im höchsten Maße bestrebt, einen guten und konstruktiven Dialog mit allen Beteiligten zu führen". Bezüglich der Nachnutzung des Werksgeländes in Mainzlar sei RHI Magnesita bestrebt, die bestmögliche Lösung für die Stadt zu finden.

Noch im Dezember hatte RHI wie folgt argumentiert: "Die momentane Situation, ausgelöst durch den Ausbruch der Covid-19-Pandemie, hat schwere Auswirkungen nicht nur auf unsere Branche, sondern auf die gesamte Industrie. Unsere oberste Priorität ist es, trotz der massiven Rückgänge im Auftragsvolumen und allgemein schwierigen Weltwirtschaft ein stabiles Unternehmen zu bleiben. Zur Bewältigung der Krise und zur Milderung künftiger schwerwiegender Auswirkungen müssen auch in unserem Werk in Mainzlar Maßnahmen ergriffen werden."

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