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Sachliche Debatte über geänderten Antrag

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Von: Volker Böhm

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SPD und Grüne wollen, dass der FC Turabdin Babylon Pohlheim an der »Neumühle« eine feste Heimstätte bekommt. Foto: Schepp © Schepp

Der Pohlheimer Bauausschuss hat den Antrag von SPD und Grünen zur Nutzung des Sportgeländes »An der Neumühle« mehrheitlich beschlossen.

Pohlheim. Weniger emotional als erwartet hat der Pohlheimer Bauausschuss am Montagabend über die Frage diskutiert, welche Vereine die Sportanlage »An der Neumühle« in Watzenborn-Steinberg künftig nutzen sollen. Mit einem Antrag hatten SPD und Grüne für kontroverse Diskussionen gesorgt. Dass die Ausschussdebatte sachlich verlief, lag auch daran, dass der Antrag überarbeitet worden war. Dort heißt es nun, dass die »Neumühle« dem FC Turabdin Babylon (TuBa) Pohlheim »als Heimspielstätte zur Verfügung gestellt werden» soll. In der ersten Fassung war davon die Rede, das Gelände »in die Betreuung des FC Turabdin Babylon« zu übergeben. Dies hatte vor allem bei Verantwortlichen und Aktiven des FC Gießen und altgedienten »Teutonen« für viel Ärger gesorgt. Das Wort »Annektion« machte die Runde. Horst Briegel (SPD) erklärte den überarbeiteten Antrag damit, dass man so den Diskussionen begegnen wolle. Nach rund einer Stunde gab es für den Antrag sechs Ja-Stimmen (SPD, Grüne und einmal CDU) bei vier Enthaltungen (CDU, Freie Wähler und FDP).

»TuBa-Interessen berücksichtigen«

Wenn auch das Stadtparlament in der nächsten Woche zustimmt, wird der Magistrat beauftragt, »unter Berücksichtigung der rechtlichen und sachlichen Gegebenheiten die Betreuungs- und Nutzungssituation der ›Neumühle‹ neu zu organisieren«. Dabei sollen alle nutzungsberechtigten Vereine einbezogen werden. »Ziel muss sein, die Interessen von TuBa Pohlheim angemessen und gleichberechtigt zu berücksichtigen«, heißt es in dem Antrag weiter.

Bei der Betreuung soll man sich an den Gegebenheiten der anderen Sportanlagen in Pohlheim orientieren. Die Verantwortung zwischen TuBa und anderen nutzungsberechtigten Vereinen zu teilen, sei »ausdrücklich möglich«, wenn die Bedarfe von TuBa nach einem der Vereinsgröße und den Bedingungen für den Spielbetrieb der Spielklasse angemessenen Umfang Berücksichtigung finden. Ziel der Absprache »insbesondere mit dem FC Gießen 1927 Teutonia/1900 VfB« -- dieser war in der alten Antragsfassung nicht erwähnt worden - soll ein »reibungsloser Sportbetrieb« sein.

Konkret geht es dann um vier »Baustellen« auf dem Gelände. Der Kunstrasenplatz soll möglichst bis zum Beginn der Fußballsaison 2023 grundsaniert werden. Die Kosten trägt die Stadt, die aber ebenso wie TuBa Fördergelder eintreiben soll.

Vorgeschlagen wird der Neubau eines Multifunktionsgebäudes auf dem Gelände der Tennisanlage. Der Magistrat soll dies prüfen. Um Größe und Nutzungsanforderungen einschätzen zu können, soll vor allem mit dem TV07 Watzenborn-Steinberg gesprochen werden, aber auch mit anderen Vereinen wie dem Carnevalverein »Die Mollys«.

Das Gebäude soll klimaneutral und größtmöglich barrierefrei sein, über eine verbrauchs- und kostenfreundliche Energieversorgung verfügen und das benötigte Wasser zum Beispiel aus Brunnen oder Zisternen erhalten. Auch hierfür sollen die Stadt und die Vereine Fördergelder einwerben. TuBa soll sich an den Kosten beteiligen.

Zum alten Funktionsgebäude soll der Magistrat die Frage von bestehenden rechtswirksamen Verträgen (zum Beispiel Unterpachtvertrag) klären. Dieser Punkt fehlte in der ersten Fassung des Antrags. Bezüglich des Gebäudes sollen eine Umnutzung als Lager oder alternativ ein Abriss und Neunutzung der Flächen geprüft werden.

Schließlich soll der Magistrat berichten, wann die Laufbahn erneuert wird, für die im aktuellen Haushalt 100 000 Euro zur Verfügung stehen. Die weiteren Punkte sollen im Etat 2023 berücksichtigt werden.

In der Begründung verweisen SPD und Grüne darauf, dass TuBa seit einiger Zeit im regionalen Fußballsport in der Spitze mitspielt. Der Sportbetrieb ist jedoch auf mehrere Spielstätten in Pohlheim verteilt. Die damit verbundenen Schwierigkeiten könnten zwar bewältigt werden, seien aber für die Entwicklung im Breitensport als auch für den regionalen Spitzenfußball »ein Hindernis«. Dass TuBa einen einziges Standort für seinen Spielbetrieb fordert, sei »verständlich und berechtigt«.

»Neumühle« besserer Standort

SPD und Grüne vergleichen die Standorte Watzenborn-Steinberg und Garbenteich - nur dort gibt es Kunstrasenplätze - und kommen zu dem Schluss, dass die »Neumühle« der bessere Standort ist. Argumente sind die Belegung der Sportanlagen, die Frage der Bauleitplanung und die Parkplatzsituation. Der Antrag endet mit einer Selbstverständlichkeit, die aber angesichts des hitzigen Debatte scheinbar betont werden muss: »Beim FC Turabdin Babylon Pohlheim handelt es sich laut Vereinsregister und auch de facto um einen Pohlheimer Verein.«

Kevin Engel (CDU) fand den Zeitpunkt des Antrag »äußerst ungünstig« und sprach von einem »Schnellschuss«. Er erinnerte an das in Arbeit befindliche Sportstättenentwicklungskonzept. Dazu findet nächste Woche die Auftaktveranstaltung statt. Alle Punkte aus dem Antrag gehörten in das Konzept. Deshalb wolle sich die CDU enthalten.

»Das ist sicher kein Schnellschuss. Wir haben uns das reiflich überlegt«, antwortete SPD-Fraktionsvorsitzender Peter Alexander. Am Sportstättenentwicklungskonzept werde schon lange gearbeitet, es fehlten wohl immer noch Antworten von Vereinen. Er rechne nicht vor Sommer, eher Ende 2023 mit einem Konzept. »Wir brauchen mal eine Lösung für TuBa, die Diskussion läuft seit 2017.« Man solle nicht auf das Konzept warten, aber Erkenntnisse daraus in den Prozess einfließen lassen.

»Warum wurde denn nachgebessert, wenn es kein Schnellschuss ist?«, fragte Fabian Schäfer (FDP). Der Antrag komme zur Unzeit und man habe TuBa damit keinen Gefallen getan. Grundsätzlich brauche man bei den Sportstätten die Expertise von außen. Die Vereine könnten das nicht untereinander regeln.

Matthias Kücükkaplan (SPD) verwies darauf, dass der Kunstrasenplatz in der Sommerpause saniert werden müsse. Folglich müsse man jetzt entscheiden. »TuBa wird seit langem benachteiligt«, betonte Kücükkaplan. Schon vor Jahren habe es Gespräche über eine Heimstätte gegeben. Der Antrag richte sich nicht gegen einen anderen Verein.

Reiner Leidich (CDU) plädierte ebenfalls dafür das Sportstättenentwicklungskonzept abzuwarten und dann die einzelnen Punkte abzuarbeiten. Der Fraktionsvorsitzende der Grünen, Simon Hafemann, räumte ein, dass es nach dem Antrag ein »Kommunikationsdesaster« gegeben habe. Vor zwei Jahren habe es schon ein Gespräch mit Vertretern des FC Gießen gegeben, wie TuBa bei der »Neumühle« mitmachen könne. Die Zusammenarbeit der beiden Vereine solle man positiv sehen.

Erich Klotz (FW) forderte, über den Antrag nicht abzustimmen. Er würde zustimmen, wenn die Sanierung des Kunstrasenplatzes für 2023 vorgesehen wäre. Kücükkaplan lehnte dies ab. »Es ist eine Schande, dass wir 2022 immer noch über eine feste Heimstätte für TuBa reden müssen. Die Menschen im Verein haben es verdient, dass das Problem konsequent gelöst wird.« Hafemann betonte, dass man nicht die Platzsanierung von der Grundsatzentscheidung trennen könne.

Aus Sicht von Samuel Gergin (CDU) handelt es sich bei dem Antrag um Hausaufgaben für den Magistrat. Fragen müssten nun geklärt werden. Er werde zustimmen.

Drei Standorte, mobile Toiletten

Schäfer fand es schade, dass Kücükkaplan den Eindruck erwecke, die Sache laufe entweder ganz oder gar nicht. Der SPD-Mann erinnerte daran, dass die TuBa-Kicker ihr Equipment zu drei Standorten mitnehmen müssten und nur über eine mobile Toilettenanlage verfügten. Mit ein bisschen guten Willen müsse es möglich sein, dass zwei Vereine sich das Gelände teilen.

Eine Unsicherheit sind schwierige Eigentumsverhältnisse. SPD-Fraktionsvorsitzender Alexander hatte den Unterpachtvertrag mit dem FC Gießen einsehen können. Das Gelände gehöre der Stadt und der Hessischen Landgesellschaft. Der Kunstrasenplatz sei im Eigentum der Stadt. Der Unterpachtvertrag, der bis 2054 läuft, betreffe das Sportheim und die umliegende Fläche. Es müsse geprüft werden, ob dieser Pachtvertrag rechtsgültig sei.

CDU-Fraktionsvorsitzender Malke Aydin erinnerte abschließend daran, dass das Sportstättenkonzept zu Beginn in der Verwaltung »verschleppt« worden sei.

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