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Schluss mit der Männerwirtschaft

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Wie Priester in der Ukraine ein Vorbild für die römisch-katholische Kirche sein können.

Kreis Gießen . Im Jahr 1596 unterstellten sich sechs ruthenisch orthodoxe Bischöfe der Juristiktion der katholischen Kirche in Rom. Es war die Geburtsstunde der griechisch-katholischen Kirche in der Ukraine. Das Besondere: Der Papst gestattete ihnen nicht nur, ihren byzantinischen Ritus in der Liturgie beizubehalten. Sie dürfen seit dieser Zeit auch verheiratet sein.

»Es geht also«, kommentiert der Hungener Professor für katholische Kirchengeschichte Adolf Hampel knapp. Der 88-Jährige ist zwar längst im Ruhestand, wird aber nicht müde, den Zwang zur Ehelosigkeit für Priester ebenso wie das Ausgrenzen von Frauen anzuprangern.

»Wenn die katholische Kirche am Zölibat festhält, schafft sie sich selber ab«, so Hampels Fazit.

Den Zölibat, der hierzulande viele schreckt, gibt es in der Ukraine nicht. »Anders als bei uns erlebt die katholische Kirche dort seit vielen Jahren großen Zulauf.« Und das trotz Jahrzehnte langer Repressionen während der Sowjetherrschaft. So seien viele der gut 3000 verheirateten Priester in Straflager verbannt worden, denn Religion habe die sowjetische Führung per se als staatsgefährdend angesehen.

Professor Hampel erinnert sich an ein Gespräch mit einem befreundeten ukrainischen Bischof, der von einem Brief aus dem Vatikan berichtete, in dem die Papsttreue der Kirchenmänner in dieser schweren Zeit gelobt wurde. Allerdings habe es ein paar Zeilen weiter geheißen, dass »das päpstliche Ideal« durch die Abkehr vom Zölibat »verdunkelt« werde. »Ein Schlag ins Gesicht der ukrainischen Kleriker, die so viel für ihren Glauben erdulden mussten«, kommentiert Hampel.

Der Wahl-Hungener, der unter anderem am Collegium Russicum im Vatikan studierte und 1969 Professor für Katholische Kirchengeschichte und Moraltheologie an der Justus-Liebig-Universität Gießen wurde, war von Beginn an als Osteuropa-Kenner und Dolmetscher auch in die Kontakte zur Gießener Partner-Uni in Kasan in Russland eingebunden.

Viele Reisen führten ihn nach Osteuropa. Ein Lächeln huscht über sein Gesicht, als er sich an eine heitere Episode erinnert, die sich noch zu UdSSR-Zeiten zutrug, als Hampel bei einer Reise des Deutschen Akademischen Austauschdienstes (DAAD) in Georgien eintraf. Der damalige Dekan der philosophischen Fakultät, Professor Dr. Otari Gabidaschwili, begrüßte den Gast aus Deutschland und stellte sich ganz ernsthaft mit den Worten vor: »Ich bin Professor für wissenschaftlichen Atheismus«. Hampel erinnert sich: »Als ich spontan scherzte, dass ich Professor für »wissenschaftlichen Theismus« sei, mussten wir beide lachen - und das Eis war gebrochen.«

Neue Hoffnung

Die neue Kurienverfassung des Vatikans, die vor wenigen Wochen veröffentlicht wurde, macht Professor Hampel Hoffnung.

Danach soll es auch Laien, und sogar Frauen ermöglicht werden, Spitzenämter innerhalb der Kurie auszuüben.

»Ich denke schon, dass es Papst Franziskus, der sich ja durchaus einen Namen als Reformpapst gemacht hat, ernst meint. Aber es gibt noch viele Kardinäle im Umfeld des Vatikans, die an den alten Strukturen festhalten wollen.« In den vergangenen Jahren habe Franziskus immer wieder auch Frauen in leitende Positionen gebracht. »Das wäre unter seinen Vorgängern undenkbar gewesen,« so der Hungener Moraltheologe.

In Deutschland hat unlängst der Synodale Weg eine Debatte über die Rolle der Frau in der katholischen Kirche angestoßen. Zu den »revolutionären Forderungen«, die während der Dritten Synodalversammlung im Februar in Frankfurt diskutiert und weitgehend auch beschlossen wurden, gehörte etwa, dass eine Ordination von Frauen möglich sein soll.

Ebenso will man homosexuelle Paare segnen und »freiwillige sexuelle Handlungen unter Männer- beziehungsweise Frauenpaaren« sollen nicht länger als »Sünde gelten«. Schließlich will man endlich auch verheiratete Männer zum Priesteramt zulassen.

Seit der Gründung der Kirche bis ins 12, Jahrhundert hinein galt die Ehelosigkeit unter Priestern als Idealvorstellung, nicht mehr und nicht weniger. Erst unter Papst Innozenz II. wurde 1139 auf dem zweiten Lateran-Konzil beschlossen, den Zölibat für christliche Priester verpflichtend zu machen.

Apostel waren verheiratet

»Wie uns die Bibel berichtet, waren selbst einige der Apostel verheiratet«, weiß Kirchenhistoriker Hampel. Er betrachtet den Zeitgeist und folgert: »Der Zölibat und die Rolle der Frau sind zentrale Fragen, die erheblichen Sprengstoff bergen.« Schließlich spiele in der öffentlichen Wahrnehmung der Zwang zur Ehelosigkeit auch bei den Missbrauchsskandalen in der katholischen Kirche eine zentrale Rolle.

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