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Schutz am Tag schwerer realisierbar

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Die Tagesalarmbereitschaft der Feuerwehren macht dauerhaft Sorgen. Es wurden bereits Schutzgemeinschaften gebildet. © Wißner

Der Schutz am Tag wird immer schwerer realisierbar, denn in zehn Minuten soll die Feuerwehr vor Ort sein. Das ist meist nur mit der Hilfe von Nachbarwehren möglich.

Kreis Gießen (twi/ww). Die 87 heimischen Feuerwehren wurden im vergangenen Jahr zu 3294 Einsätzen gerufen. Gegenüber 2020 waren es 110 Einsätze mehr, die von den 2746 Brandschützern zu erledigen waren.

Wie Kreisbrandinspektor Mario Binsch in seinem Rechenschaftsbericht ausführt, handelte es sich bei den Einsätzen um 1206 Brände, 1367 Hilfeleistungen, 592 Rettungsdienste und 128 Brandschutzdienste. Diesen Bericht wird Binsch am Freitag zur 74. Verbandsversammlung des Kreisfeuerwehrverbandes Gießen erstatten. Sie findet um 19 Uhr in der Sport- und Kulturhalle Burkhardsfelden statt. Im Mittelpunkt stehen neben einem Rückblick auf das 75-jährige Verbandsjubiläum in diesem Jahr Vorstandsneuwahlen, wobei Verbandsvorsitzender Michael Klier (Staufenberg) für eine weitere Amtszeit kandidieren wird. Auch die Vergabe der Verbandsversammlung und des Kreisfeuerwehrtages 2024 sollen erfolgen.

Wie Binsch mahnend mitteilte, sind lediglich 30 Prozent der 87 Ortsteilfeuerwehren eigenständig in der Lage gemäß der Alarm- und Ausrückeordnung (AAO) während der Tagesalarmbereitschaft zwischen 6 und 18 Uhr innerhalb von zehn Minuten sechs Einsatzkräfte, davon eine Führungskraft und vier Atemschutzgeräteträger zu stellen. Vor dem Hintergrund, dass 63 Prozent aller Einsätze zwischen 6 und 18 Uhr und nur 37 Prozent in der Nacht zwischen 18 und 6 Uhr stattfinden, ist das eine bedenkliche Entwicklung.

Binsch betonte auf Anfrage des Anzeigers, dass die Hilfsfrist am Tage bisher ohne Weiteres eingehalten werden könne, allerdings bei 70 Prozent der Wehren nur durch die Zusammenarbeit mit den Kollegen aus Nachbarorten. Das Problem sei nicht ganz neu, es habe bereits vor zehn Jahren bestanden, allerdings noch in abgeschwächter Form. Feuerwehrleute, die freiwillig ihren Dienst nach Feierabend versehen, müssen ihren Lebensunterhalt tagsüber mit normaler Arbeit verdienen und das meist vom Einsatzort weiter weg.

1,5 Minuten mehr nach Holzheim

Beispielhaft nannte Binsch den südlichsten Pohlheimer Stadtteil Holzheim, für den die Hilfsfrist, die in Hessen bei zehn Minuten liege, nicht eingehalten werden könne, auch nicht über Nachbarfeuerwehren. Das sei aber speziell dokumentiert. Die Holzheimer brauchen aber keine Angst zu haben. Pohlheims Stadtbrandinspektor Bernd Schöps gibt Entwarnung: »Statistisch gesehen sind es 11,5 Minuten tagsüber. Im Ernstfall kommen wir schneller.«

Andernorts werden die Probleme mit einem Regelwerk gelöst, sagt Binsch. Die Kommunen Staufenberg und Allendorf/Lda. hätten Verträge geschlossen, dass sich die Allendorfer Wehr um den benachbarten Staufenberger Stadtteil Treis mitkümmere. Der Lindener Oberhof sei für die Feuerwehren in Linden nicht schnell genug erreichbar, sodass die Stadt Gießen hier im Ernstfall zunächst aushelfe. Wann zukünftig die Gefahr bestehe, dass die Hilfsfrist kreisweit am Tage nicht mehr eingehalten werden könne, dazu eine Aussage zu treffen, sei Glaskugelmalerei, meint Binsch.

Es gebe letztlich mehrere Möglichkeiten, um diesem Szenario vorzubeugen. Ab Eintritt könnte Hauseigentümern verordnet werden, einen zweiten Rettungsweg zu schaffen, was auch Otto-Normalverbraucher mit seinem zweistöckigen Wohnhaus treffe. Pflichtfeuerwehren wie im Osten seien zudem denkbar und nicht zuletzt könne der hessische Gesetzgeber die Hilfsfristen erhöhen. Binsch wies daraufhin, dass in Mecklenburg-Vorpommern 17 Minuten ausreichend seien, in Nordrhein-Westfalen wären es nur acht Minuten. Die Ländern fordern jedenfalls Zahlen nach den Einsätzen ein und wie diese gewertet werden, das steckt im Detail. Es werde in Hessen zwischen der Hilfsfrist von Rettungsdiensten und der der Brandschützer formal unterschieden. Bei den Rettungsdiensten würde nach der Erstalarmierung einfach eine Minute für die Statistik abgezogen, bei den Feuerwehren nicht. Auch die Anforderungen an die Einhaltungsrate der Hilfsfrist sei anders. An die Feuerwehren werde als Maßstab 100 Prozent angelegt, bei den Rettungsdiensten seien es nur 90 Prozent, obwohl diese 120 Einsätze täglich im Kreis hätten.

Während es im Kinder- und Jugendbereich steigende Zahlen gebe, habe die Anzahl der Mitglieder in den Einsatzabteilungen erneut abgenommen, stellte Binsch fest. Früher waren in Reiskirchen 15 Feuerwehrmännern tagsüber im Einsatz, jetzt seien es nur noch zwölf.

2746 Brandschützern zum Jahresultimo bedeutet dies einen personellen Aderlass von 30 gegenüber 2021. Der Rückgang an Engagement in der Feuerwehr setzt sich seit einigen Jahren fort. Waren 2008 noch 3050 Brandschützer in 106 Feuerwehren aktiv, so gibt es aktuell lediglich noch 87 Ortsteilfeuerwehren, zu denen noch die Feuerwache der Berufsfeuerwehr und zwei Werksfeuerwehren hinzuzählen.

Gab es 2009 133 Einsatzkräfte im Alter von 19 Jahren, so waren von diesen im vergangenen Jahr noch 83 aktiv, was einem Rückgang von 38 Prozent entspricht. 2021 gab es 71 Brandschützer mit 19 Jahren. »Bei einem gleichen Verlust würde dies bedeuten, dass in den nächsten zwölf Jahren im Jahre 2033 nur noch 44 davon aktiv wären«.

Erfreulich sei dagegen die Bilanz im Nachwuchsbereich. In den Kindergruppen (6 bis 10 Jahren) waren im vergangenen Jahr 819 Sprösslinge aktiv, was gegenüber 2013 einen Anstieg von 26 Prozent bedeute. In 2020 waren es noch 788 Kinder, sodass im Coronajahr trotz weniger Angebote ein Zugang von 31 Kindern verzeichnet werden konnte. Der Mädchenanteil liegt hier bei 35 Prozent.

Bei den Jugendfeuerwehren (10 bis 17 Jahre) sind 1098 Jugendliche und damit 53 mehr als noch 2020 aktiv. Allerdings gibt es einen Rückgang von 13 Prozent in den vergangenen zehn Jahren zu verzeichnen, waren es doch 2012 noch 1265 Jugendliche in den Nachwuchsgruppen.

In die Einsatzabteilungen wechselten im vergangenen Jahr 59 Jugendliche, darunter 16 Mädchen. Im Jahre 2006 wechselten noch 130 Jugendliche, sodass hier eine Verminderung um 45 Prozent zu Buche schlägt. Es wurden außedem 156 »Quereinsteiger« gezählt. Foto: Wißner

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