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Schwerer Raub nicht nachweisbar

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Kreis Gießen (bcz). Die zweite große Strafkammer des Landgerichts Gießen hat zwei Iraker zu einem Jahr und vier Monaten beziehungsweise zu zehn Monaten Haft verurteilt. Für beide gelten eine Bewährungszeit von drei Jahren und weitere Auflagen wie negative Drogentests und der Besuch einer Drogentherapie. Die Angeklagten waren ursprünglich wegen schweren Raubes angeklagt.

Allerdings konnten die Tatmerkmale nicht bewiesen werden. Die Staatsanwaltschaft änderte den Strafvorwurf auf Sachbeschädigung, Diebstahl und Nötigung.

Jede Tat hat ihre Vorgeschichte, allerdings blieben hierbei einige Punkte unbeantwortet. Der 27-jährige Angeklagte und der Geschädigte wohnten in einem Mehrfamilienhaus in der Gießener Straße in Leihgestern, der zweite Angeklagte lebte in der Nähe. Man kannte sich gut, man trank, kiffte und nahm weitere Drogen zusammen. Nach einer durchzechten Nacht mit viel Alkohol und diversen Drogen beschlossen die Angeklagten morgens, ihrem Opfer einen Besuch abzustatten - allerdings nicht in friedlicher Absicht.

Zuvor hatte es zwei Vorfälle gegeben, die das Opfer allerdings nicht angezeigt hatte. Zum einen hatte der ältere Angeklagte ihn im Januar 2021 im Disput die Treppe heruntergestoßen, was einen komplizierten Beinbruch zur Folge hatte. Zum anderen hatten die Angeklagten ihm einige Tage vor der Tat Ende März 2021 schon einen unfreundlichen Besuch abgestattet.

Grund genug für den Geschädigten, die Tür nicht zu öffnen. Daher stach der 27-Jährige mehrmals mit dem Messer darauf ein, schaffte es schließlich, ein Loch zu schneiden, um so in die Wohnung zu gelangen. Anschließend kam es zu einem Gerangel, bis die Polizei dazukam.

Über die wahren Hintergründe machten alle Beteiligten höchst blumige Angaben. Der Geschädigte gab bei der Polizei an, dass man ihm sein Handy und 160 Euro gestohlen habe. Außerdem erlitt er eine leichte Verletzung am Finger. Bei der Aussage vor Gericht ließ er jedoch über den Dolmetscher ausrichten, dass man ihn wohl falsch verstanden habe und dass er sich wohl an einem Türsplitter verletzt habe.

Aufgrund dieser Wendung hegte das Gericht berechtigte Zweifel, ob überhaupt Geld gestohlen wurde, und ließ daher diesen Tatvorwurf fallen. Bei allen Taten stand der Hauptangeklagte unter erheblichem Drogen- und Alkoholeinfluss, wie er selbst zugab. Allerdings sei sein Erinnerungsvermögen eingetrübt. Mittlerweile ist er aus dem Landkreis weggezogen, hat einen festen Job und nach eigenem Bekunden nichts mehr mit Drogen zu tun. Zudem stellte er sich der Polizei, nachdem er per Haftbefehl gesucht worden war.

»Seit 21. September 2021 haben Sie alles richtig gemacht«, bescheinigte ihm der Richter. Für den Tatzeitpunkt attestierte der Gutachter ihm eine verminderte Schuldfähigkeit, die auch das Gericht bei der Strafzumessung würdigte. Für die Justiz ist der 27-Jährige kein unbeschriebenes Blatt. Die Liste seiner Einträge im Strafregister umfasst das Fahren ohne Führerschein, kleine Diebstähle, Drohungen, Beleidigungen und Sachbeschädigung, geschehen meist unter Einfluss von Alkohol, Cannabis oder anderen Drogen, die er, seit er 2015 nach Deutschland kam, regelmäßig und in immer höheren Dosen konsumierte.

Der zweite Angeklagte, der seit 2016 in Deutschland lebt, spielte bei dem Geschehen eine untergeordnete Rolle. Er handelte auf Anweisung des anderen Angeklagten, unternahm aber auch nichts dagegen. Daher wurde er der Beihilfe für schuldig gesprochen. Auch er hat schon einige Delikte im Bereich der Klein- und Beschaffungskriminalität begangen und auch ihm bescheinigte der Sachverständige einen vermehrten Drogenkonsum und damit eine verminderte Schuldfähigkeit. Der Richter schätzt seine Prognose etwas kritischer ein, hofft jedoch, dass er aus der Untersuchungshaft etwas für sein Leben gelernt habe. »Bei Verstoß gegen die Bewährungsauflagen oder wenn Sie erneut eine Straftat begehen, kann die Berufung widerrufen werden und Sie wandern ins Gefängnis«, sagte er abschließend.

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