Schwerer Unfall bei Lich: Zwei Jahre und drei Monate Haft

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LICH - (jem). Es sei einer der Fälle, in denen das Strafrecht an seine Grenzen stößt, sagte der Vorsitzende Richter Dr. Dietrich Claus Becker am späten Donnerstagnachmittag vor dem Gießener Amtsgericht. Ein milder Strafrahmen stehe einer Tat mit schwerwiegenden Folgen gegenüber. Zwei Jahre und drei Monate - so lautet das Urteil für den Mann, der am 28.

September 2019 auf der B 457 unter Drogeneinfluss in den Gegenverkehr geriet. Zudem wurde dem Mann, der keinen Führerschein hat, eine Fahrerlaubnissperre von fünf Jahren auferlegt. "Sie sollten jedoch überlegen, ob Sie jemals einen Führerschein machen sollten", betonte Becker.

Bei den Kollisionen starben zwei Menschen, zwei weitere und der Verursacher selbst wurden schwer verletzt. Heute überwiegen bei allen drei vor allem die psychischen Folgen des schweren Unfalls, wie sich in den zwei Prozesstagen zeigte.

Es war ein trockener Samstagmittag, als der damals 40-Jährige mit seinem roten Kia von Gießen nach Hungen kommend in einer leichten Kurve auf die Gegenfahrbahn geriet. "Es sah aus, wie von Geisterhand gezogen. Es zog gerade auf die Gegenfahrbahn", erinnerte sich eine Zeugin des Vorfalls.

Weder konnte ein technisches Versagen des Autos festgestellt worden, noch war der Fahrer vom Handy oder schlechten Witterungsverhältnissen abgelenkt. Eine spätere Untersuchung zeigte jedoch, dass er acht bis zehn Stunden vor der Fahrt Cannabis und Methadon konsumiert hatte.

Ein damals 19-Jähriger in einem Citroen konnte dem Geisterfahrer zwar noch ausweichen, kollidierte jedoch an der Seite mit ihm und überschlug sich mit seinem Auto, das im Straßengraben auf dem Dach liegen blieb. Die Fahrerin eines hinter dem Citroen fahrenden VW Polo konnte Kia nur eine Sekunde später nicht mehr ausweichen und stieß frontal mit dem Fahrzeug zusammen, wobei sie schwere Verletzungen erlitt. Ihr 84 Jahre alter Vater, der als Beifahrer im Auto war, erlag noch am Unfallort seinen Verletzungen. Die schwer verletzte Frau verstarb später im Krankenhaus.

Ein ebenfalls in Richtung Gießen fahrender BMW raste ungebremst in die Unfallstelle. Der Fernwälder wurde ebenfalls schwer verletzt. Er verdeutlichte während des ersten Prozesstages am eindruckvollsten die damalige Situation: Von seiner Todesangst, als er das rote Fahrzeug auf ihn zurasen sah, von dem Gefühl, als er kurz nach dem Unfall seine Beine nicht spürte, von dem Zeitpunkt, als der Rauch im Wagen aufstieg und er befürchtete, in seinem Auto zu verbrennen, und auch vom Moment, als er es aus dem Auto herausschaffte, zum VW Polo ging, den Beifahrer im Sterben sah und der Fahrerin die Hand hielt.

"Sie haben schwere Schuld auf sich geladen", sagte Becker bei der Urteilsverkündung zum Unfallverursacher, der sich wegen fahrlässiger Tötung, fahrlässiger Körperverletzung, fahrlässigen gefährlichen Eingriffs in den Straßenverkehr und des Fahrens ohne Fahrerlaubnis schuldig machte.

Der Richter hielt dem Mann zu Gute, dass er über seinen Rechtsanwalt bereits zu Beginn die völlige Schuld eingestanden hatte und die Tat sichtlich bereute. "Dass Sie sich zudem beim Unfall selbst sehr schwer verletzten, kurze Zeit im künstlichen Koma lagen und in die Psychiatrie eingewiesen werden mussten, weil die Sorge bestand, dass Sie sich selbst wegen Ihrer Schuldgefühle etwas antun, zeigt, wie es Sie belastet. Aber es macht das Leid der anderen nicht ungeschehen."

Der Lebensweg des heute 41-Jährigen sei ohnehin gesäumt von Vorfällen dieser Art, wie der Auszug aus seinen Vorstrafen zeigte. 1998 versuchte der Mann vergeblich, seinen Führerschein zu erlangen. Seither wurde er von der Polizei immer wieder ohne Fahrerlaubnis geschnappt und war in drei Fällen auch in glimpfliche Unfälle mit leichten wirtschaftlichen Schäden verwickelt. Zudem wurde der Gießener seit 2000 in mehreren Fällen verurteilt, unter anderem wegen räuberischem Diebstahl, Betrug, Handeln und Besitz von Drogen, Urkundenfälschung und Körperverletzung. Zuletzt wurde der Mann zu einer knapp zweijährigen Fahrerlaubnissperre verurteilt und sitzt derzeit in Frankfurt in Haft, weil er eine Geldstrafe nicht begleichen konnte.

"Wer Sie an den beiden Prozesstagen erlebt hat, so niedergeschlagen, völlig unfähig zu sprechen, jemanden, dem die Schuld so bewusst ist, der versteht nicht, wie genau dieser Mann so ein Leben zulässt", verdeutlichte Becker.

Rechtsanwalt Carsten Marx betonte, dass die Haftstrafe seinem Mandanten derzeit sehr guttue, weil das "enge Korsett seinem Leben endlich wieder die Struktur gibt, die es vor allem wegen seiner Drogenabhängigkeit schon seit Jahren nicht mehr hat". Der Gießener wolle für seine Kinder sein Leben ordnen und drogenfrei bleiben.

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