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Schwieriger Zeuge im Prozess um tödlichen Streit

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Die Befragung des Bekannten des Angeklagten dauerte am zweiten Tag des Prozesses um den tödlichen Verlauf eines Streits zu einem Drohnenflug mehr als zwei Stunden. Archivfoto: Mosel © Red

Im Verfahren zum tödlichen Ausgang eines Streits um einen Drohnenflug sagte ein Bekannter des Angeklagten mehr als zwei Stunden aus. Viele Fragen blieben offen.

Wettenberg. (vb). Wie schwer das Verfahren für die Witwe ist, kann man sich nur vorstellen. Die zierliche Frau ist Nebenklägerin, sitzt neben ihrem Anwalt Dietmar Kleiner und muss sich auch am zweiten Verhandlungstag vor der Schwurkammer des Landgerichts Gießen in diversen Schilderungen anhören, wie es dazu kam, dass ihr Mann vor knapp zwei Jahren ums Leben kam. Ein 71-jähriger ehemaliger Kriminalbeamter aus dem Vogelsbergkreis ist angeklagt, den damals 55-jährigen Wettenberger nach einem Streit um einen Drohnenflug an der Burg Gleiberg mit einem Messerstich in die Brust so schwer verletzt zu haben, dass dieser wenige Stunden später in der Gießener Uniklinik starb. Der Angeklagte argumentiert, er habe in Notwehr gehandelt. Am Donnerstag steht die Aussage des Bekannten des Angeklagten im Mittelpunkt. Dieser war vor Ort, griff aber in die Auseinandersetzung nicht ein und wurde vom Angeklagten nach dem Messerstich - angeblich mit Rücksicht auf dessen angegriffene Gesundheit - weggeschickt. Die mit Unterbrechungen über zweistündige Befragung erweist sich als zähe Angelegenheit.

Zeitweise steht im Raum, ob der Mann, ein 71-jähriger Pensionär aus dem Vogelsbergkreis, vereidigt werden soll. Es wird darauf verzichtet. Die Vorsitzende Richterin Regine Enders-Kunze weist ihn wie alle Zeugen darauf hin, dass eine unwahre Aussage auch ohne Vereidigung eine Straftat ist.

»Ich weiß es nicht«

Der Zeuge, der offensichtlich ein Hörproblem hat, versteht manche Fragen akustisch und/oder inhaltlich nicht. »Ich weiß es nicht«, ist eine häufige Antwort. Früher gegenüber der Polizei gemachte Aussagen werden wahlweise bestätigt oder dementiert. Auch die Frage, was er von seinem Standort an einer Bank an dem Weg unterhalb der Burg sehen konnte, wird nicht vollumfänglich aufgeklärt. Als er mit Hilfe von Oberstaatsanwalt Thomas Hauburger und dem Verteidiger des Angeklagten, Frank Richtberg, nachstellen soll, wie die beteiligten Personen kurz vor dem Messerstich standen, widerspricht dies der Darstellung, die er bei einer Begehung des Tatorts wenige Wochen nach dem tödlichen Streit gegeben hatte. Ungeklärt bleibt auch die Frage, wie es neben dem Messerstich zu Kopf- und Bauchverletzungen des Opfers kam. Richtberg und Hauburger weisen den Mann an verschiedenen Stellen der Befragung auf die Bedeutung seiner Aussage für das Verfahren hin.

Der Bekannte des Angeklagten schildert zunächst die Vorgänge an dem Samstagnachmittag Ende August 2020. Vor einem Treffen mit Freunden in Wißmar wollte der Angeklagte mit seiner Drohne die Burg Gleiberg filmen. Wenige Minuten später sei dann ein Mann »sehr aggressiv« auf sie zugekommen und habe gefordert, die Drohne zurückzuholen. Der Angeklagte habe auf seine Genehmigung durch den Vorsitzenden des Gleiberg-Vereins verwiesen und darauf, dass er eh gleich fertig sei.

Der Mann, ein damals 62-jähriger Wettenberger, habe dann mit seinem Handy gefilmt, woraufhin der Angeklagte dessen Arm weggedrückt habe. Beide Männer hätten sich ihre Messer gezeigt. Dann habe der Wettenberger dem ehemaligen Polizeibeamten einen Faustschlag versetzt und ein Ringkampf sei entstanden. Schnell sei der Wettenberger aber von dem Vogelsberger überwältigt worden. Dann habe ein anderer Mann - das spätere Opfer - mit »Anlauf und gestrecktem Fuß« gegen den Kopf des Angeklagten getreten. Dieser sei nach ein paar Sekunden wieder aufgestanden, woraufhin der 55-Jährige mit Fäusten auf ihn eingeschlagen habe. Dann kam es zum Messerstich und die Männer gingen auseinander.

Enders-Kunze will anschließend diverse Punkte noch einmal detaillierter geschildert haben. Aus dem Faustschlag des Wettenbergers wird auf Nachfrage ein versuchter Faustschlag. Er wisse nicht, ob sein Bekannter getroffen wurde, erklärt der Zeuge. Nachdem der Angeklagte den Wettenberger niedergerungen habe, habe dieser auf dem anderen gelegen. Der Angeklagte hatte am Montag ausgesagt, neben dem Mann gekniet zu haben.

Einsilbig sind die Antworten zum Messer. Er habe weder gewusst, dass der Angeklagte es dabei hatte, noch habe er es gesehen. Der Angeklagte habe das Messer nach dem Kampf nicht in der Hand gehabt und er habe die Tatwaffe nicht mitgenommen.

Nach der Tat ließ sich der Mann scheinbar ohne Widerspruch von seinem Bekannten wegschicken. Die Begründung mit dessen Herzproblemen sei erstmals im Prozess angeführt worden, betont der Anwalt der Witwe, Dietmar Kleiner. »Davon ist in der ganzen Akte nie die Rede.«

Nach der Marathon-Befragung sind schließlich noch zwei Polizeibeamte als Zeugen geladen. Der eine hatte den Angeklagten vor Ort verhaftet und gab als Eindruck wieder, dass dieser »sich nicht bewusst war, worum es hier geht«. Von einem »fürchterlichen Unfall« und »Notwehr« sei die Rede gewesen. Der zweite Beamte gab Auskunft über die Vernehmung des Angeklagten sowie des Bekannten, dessen Haus ohne Erfolg nach dem Messer durchsucht wurde.

Vor der Befragung der Zeugen stehen noch die Situation kurz vor der tödlichen Eskalation und der Verbleib des Messers im Mittelpunkt. Hauburger will vom Angeklagten wissen, ob dieser keine Möglichkeit zur Flucht gesehen habe. »Ich bin kurzatmig und herzkrank. Nach dem Ringkampf mit einem 40 Kilo schwereren Mann ringen Sie nach Luft und rennen nicht weg. Wenige Sekunden, nachdem ich aufgestanden war, stürmte der andere auf mich zu.« Das Messer habe er bei ausgestrecktem Arm in der linken Hand gehalten.

Dass die Tatwaffe unauffindbar ist, liegt Hauburger »schwer im Magen«. »Ich habe es nicht weggeschmissen und weiß nicht, wo es ist«, beteuert der 71-Jährige. Am Richtertisch werden zwei Vergleichsstücke begutachtet, die Verteidiger Richtberg übergeben hat. Auch das Messer des Begleiters des Opfers wird vorgezeigt.

Keine Erkenntnisse durch Drohnenvideo

Zu Beginn des Tages betrachten die Prozessbeteiligten Videos und Fotos, die die Drohne des Angeklagten an dem Nachmittag gemacht hatte. Das Gerät kreiste im Automatikmodus um die Burg. Schemenhaft seien Personen zu erkennen, nicht aber der Tatverlauf, berichtet Hauburger auf Nachfrage. Das zehnminütige Video beginnt mit dem Aufstieg der Drohne und endet mit einer stark verwackelten Landung - so hatte es der Angeklagte auch am ersten Tag ausgesagt.

Der Polizeibeamte, der das Video ausgewertet hat, hatte schriftlich zu Protokoll gegeben, dass beim Landeanflug mehrfach das am Boden liegende Opfer zu sehen ist. Als das Flugobjekt landet, ist der Angeklagte mit Rötungen im Gesicht zu erkennen.

Die Zuschauer und Pressevertreter konnten das Video nicht sehen. Richterin Enders-Kunze entschuldigt sich dafür. »Das ist zwar der größte Saal, aber der technisch am schlechtesten ausgestattete.«

Das Verfahren wird heute fortgesetzt. Dann sollen die Rettungssanitäter und weitere Polizeibeamte aussagen.

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