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Seit fünf Jahrzehnten eng verbunden

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Von: Frank-Oliver Docter

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Der Jugendaustausch spielt bei den Partnerschaftsbeziehungen seit jeher eine wichtige Rolle. Foto: DFG Wettenberg © DFG Wettenberg

Wettenberg und Sorgues in Frankreich unterhalten vielfältige Beziehungen, die bis auf die private Ebene reichen. Die Deutsch-Französische Gesellschaft Wettenberg hat daran einen großen Anteil.

Wettenberg/Sorgues . Genau 976 Straßenkilometer Entfernung liegen zwischen Wettenberg und seiner Partnergemeinde Sorgues im Süden Frankreichs, nahe Avignon. Doch für die engen freundschaftlichen Beziehungen im Rahmen der seit nunmehr fünf Jahrzehnten existierenden Partnerschaft spielt das keine große Rolle. Regelmäßige gegenseitige Besuche, Kontakte zwischen Sport- und Kulturvereinen, Schüleraustausche und noch so einiges mehr sorgen seit jeher dafür, dass die Partnerschaft mit Leben gefüllt und gepflegt wird. Und das auf deutscher Seite vor allem von den Aktiven der Deutsch-Französischen Gesellschaft (DFG) Wettenberg, einem 1977 gegründeten Verein, der rund 250 Mitglieder zählt.

Die Freundschaft zeigt sich auch im jeweiligen Ortsbild. Während es in Wettenberg vor dem Gebäude der Gemeindeverwaltung schon seit circa 40 Jahren den »Sorguesplatz« gibt, ist ein solcher Ort auch in der 19 000-Einwohner-Stadt Sorgues zu finden. Dort trägt seit 1984 der Bahnhofsvorplatz den Namen »Place Wettenberg«. Neu hinzugekommen sind jetzt ein Straßenschild mit der Aufschrift »Wettenberg 976 km«, eine Europa-blaue Ruhebank - auf DFG-Bitte hin gefertigt durch die Seniorenwerkstatt Wettenberg - ein Ahornbaum sowie eine Infotafel, welche die kommunale Partnerschaft beziehungsweise den Platz als Teil des »Historischen Wanderwegs Sorgues« ausweist, des »Parcours Patrimoine«.

Gegenbesuch

Bei der Einweihung im vergangenen Oktober war eine vielköpfige Wettenberger Delegation zugegen. An deren Spitze Bürgermeister Marc Nees, mit dabei zudem dessen Amtsvorgänger Günter Feußner und Gerhard Schmidt. In diesem Jahr ist ein Gegenbesuch der Freunde aus Sorgues in Mittelhessen geplant, unter dem Motto »50 plus 1«, erzählt der DFG-Vorsitzende Norbert Schmidt im Gespräch mit dem Anzeiger. »Voraussichtlich zu Christi Himmelfahrt« (18. Mai) soll es soweit sein, kündigt er an. Nees habe hierzu eine Einladung ausgesprochen. Nun müssten am Sorguesplatz im Dialog mit den französischen Freunden die Planungen präzisiert werden.

»Sorgues ist Teil der Wettenberger DNA«, betont Schmidt. Umgekehrt sieht man das offenbar ähnlich. So sei beim jetzigen Besuch in der französischen Partnerstadt »von den 75 Teilnehmern nahezu die Hälfte bei Privatleuten einquartiert« gewesen, berichtet er. Eine Partnerschaft zwischen Gemeinden mache es »einfacher, hinter die Haustüren und den Menschen nahe zu kommen«, hebt Schmidt als Vorteile hervor. Nicht selten gebe es auch auf privater Ebene gegenseitige Besuche unter anderem bei Familienfeiern. Die engen Beziehungen zeigen sich ebenfalls im öffentlichen Leben: »Der Franzosen-Stand auf dem Krämermarkt in Wißmar ist eine Institution«, nennt er hierfür ein Beispiel.

Auch bei den Einwohnerzahlen - dort 19 000, hier 13 000 - sowie der Regionalstruktur gibt es Ähnlichkeiten: »So wie wir im Dunstkreis von Gießen liegen, ist es bei Sorgues und Avignon.« Eines hat die französische Partnergemeinde dann aber doch zu bieten, von dem die Wettenberger nur träumen können: »Kommt man dort west- und ostwärts aus der Stadt heraus, steht man gleich inmitten von Weinbergen«, erzählt der DFG-Vorsitzende. Umgekehrt dürfte so mancher Einwohner von Sorgues neidisch auf die imposante Burg Gleiberg sein.

Als weiteren Erfolgsfaktor nennt Schmidt, dass »wir immer versucht haben, die Schulen einzubinden«. Das wird auch künftig notwendig sein, denn von den »Treibern der Gründung« seien die ältesten mittlerweile »hoch in den 80«. Daher müsse man den Nachwuchs »immer wieder mit einbeziehen«, sei dies eine der wichtigsten Aufgaben der Zukunft. Kein Zufall war es daher, dass im Herbst auch 26 Schülerinnen und Schüler der Gesamtschule Gleiberger Land mit fünf Lehrkräften den Weg in die Provence angetreten hatten. Zudem habe man sich vorgenommen, dass »der Sport wieder eine stärkere Bedeutung bekommen soll«.

Der offizielle Gründungstag der Gemeindepartnerschaft ist der 1. Oktober 1972, als in der Krofdorfer Turnhalle die Partnerschaftsfeier stattfand. Doch genau genommen sind es zwei Gründungstage, denn die Rückverschwisterung erfolgte am 29. April 1973 in Sorgues. All dem ging jedoch eine turbulente Vorgeschichte voraus. Denn beide Seiten mussten sich überhaupt erst einmal finden - und das in einer Zeit, in der Kontaktmöglichkeiten wie Smartphone, E-Mail oder Facebook noch lange nicht existierten.

Drehen wir die Uhr zurück ins Jahr 1958: Obwohl die Gräuel des Zweiten Weltkriegs in den Köpfen der Menschen noch immer sehr präsent waren, unternahmen Franzosen und Deutsche erste Versuche, einander wieder näherzukommen. So entstand damals auch eine Städtepartnerschaft zwischen Avignon und Wetzlar, das bis 1976 und zur Gebietsreform die Krofdorf-Gleiberger Kreisstadt war. Dem wollte man dann auch im heutigen Wettenberger Ortsteil nacheifern und machte sich im Nachbarland auf die Suche. Die erste Wahl fiel auf die Ortschaft Calvisson in der Nähe von Nîmes. 1964 besuchten sich wechselseitig Jugendliche aus beiden Orten, zwei Jahre später sollte die Partnerschaft offiziell beginnen. Doch einige Unwägbarkeiten und ein Bürgermeisterwechsel in Calvisson zerstörten 1968 diese Hoffnungen.

Die Verantwortlichen in Krofdorf-Gleiberg mit Bürgermeister Günter Feußner an der Spitze gaben jedoch nicht auf und fanden zwei weitere Kandidaten: L’Isle sur la Sorgue östlich von Avignon und Vaison-la-Romaine am durch die »Tour de France« berühmten Mont Ventoux. Erneut scheiterten alle Bemühungen. Der Zufall wollte es dann, dass sich 1971 eine kleine Delegation aus Sorgues anmeldete, um im Umland von Wetzlar potenzielle Partnerschaftskandidaten zu begutachten. Deren Besuch beim Herbstball des Gesangvereins 1842 Krofdorf am 30. Oktober 1971 auf der Burg erwies sich rückblickend als eigentliche Geburtsstunde der Beziehungen.

Aussöhnung

Die Gäste waren offenbar so von Krofdorf-Gleiberg, der Umgebung und den Menschen hier angetan, dass sie darauf verzichteten, wie ursprünglich geplant auch Waldgirmes und Burgsolms in Augenschein zu nehmen. Man vereinbarte, dass die örtlichen Vereine beider Seiten der Grundstock für Partnerschaft und Aktivitäten sein sollten. Die Tischtennisspieler gehörten hierbei zu den Ersten. Außerdem wurde ein regelmäßiger Jugendaustausch beschlossen. Ebenfalls einen großen Anteil am Zustandekommen der Partnerschaft haben Kriegsteilnehmer und Hinterbliebene vom VdK-Ortsverband und der »Anciens combattants« aus Sorgues, die einander die Hand zur Aussöhnung reichten.

Über die Aktivitäten des Deutsch-Französische-Gesellschaft Wettenberg e.V. kann man sich im Internet auf www.deutschfranzosen.de auf dem Laufenden halten.

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Beim Besuch im Oktober werden in Sorgues ein Straßenschild und eine Infotafel eingeweiht. Foto: DFG Wettenberg © DFG Wettenberg

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