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Selbstbehauptung in einer feindlichen Welt

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Sie ziehen sich am eigenen Schopf aus der Misere: die vier Tänzerinnen (von links) Emma Jane Howley, Maja Mirek, Luana Rossetti und Rose Marie Lindstrøm. Foto: Lena Bils © Lena Bils

Ein intensives Tanzstück der Kubanerin Maura Morales feierte im Kleinen Haus des Stadttheaters seine umjubelte Uraufführung.

Gießen. Es beginnt verhalten, mit einem fast unmerklichen Zuckern der Schulterblätter. Dann folgen erste tastende Bewegungen, bevor sich der zusammengerollte, nur spärlich verhüllte Körper aufrichtet. Es ist eine Art Bewusstseinswerdung, die Tänzerin Maja Mirek da zu sanften Elektroklängen zeigt. Doch daraus entwickelt sich in den folgenden 55 Minuten ein ungemein intensives, energetisches Stück, in dem sich insgesamt vier junge Frauen mit Kraft und Eleganz gegen eine bedrohliche Außenwelt zur Wehr setzen. Es ist das neue Stück der kubanischen Choreografin Maura Morales, das unter dem Titel »My body a stranger that protects me that kills me« am Freitagabend im Kleinen Haus des Stadttheaters uraufgeführt und vom Publikum begeistert aufgenommen wurde.

Die in Düsseldorf lebende Morales zeigt auf der weitgehend schwarzen, zusammen mit Lukas Noll entworfenen Bühne die Abstraktion einer dystopischen, kalten und abweisenden Welt. Nur ein paar im Raum verteilte und Neonlicht verströmende Schnüre sorgen für etwas Aufhellung, während das Tanzquartett Emma Jane Howley, Rose Marie Lindstrøm, Luana Rossetti und Maja Mirek die ersten suchenden Bewegungen vollführt. Zunächst müssen sich diese Figuren alleine im weiten Raum zurechtfinden, später schließen sie sich auch zu Paaren zusammen, die sich bisweilen eng umschlingen. Und während sich diese Annäherungen vollziehen, ändert sich auch die Klanguntermalung - und damit die gesamte Tonlage des Stücks. Die Einspielungen von Komponist Michio Woirgardt, dem langjährigen musikalischen Begleiter und Mitgründer ihrer zeitgenössischen Tanzkompanie »Cooperativa Maura Morales«, haben zu diesem Zeitpunkt ihren sanft knarzenden und pluckernden Begleitmodus längst hinter sich gelassen. Nun sind es harte, bisweilen aggressive elektronische Klangflächen, die mit tiefen Bässen dröhnen und eine zutiefst abweisende, gar feindliche Atmosphäre entstehen lassen.

Doch die vier Frauenfiguren erweisen sich als widerständig - immer wieder ziehen sie ihre Haare in die Höhe, wie um sich am eigenen Schopf aus der Misere zu befreien. Hinzu kommen Körperbilder von höchster Intensität. Die Tänzerinnen springen durch die Luft, verteilen zu Kampfschreien Tritte in alle Richtungen und rollen sich danach auf dem Boden ab, wie ein Stuntman, der im Kinofilm über eine Motorhaube segelt.

»In meiner Arbeit sind Intention und Motivation wichtiger als Form. Es geht mir um die Authentizität der Bewegung: das Nachspüren der Verwandlung, die sich erst physisch und zunehmend psychisch vollzieht«, sagte Choreografin Morales zu einem im Sommer in Münster von ihr gezeigten Bühnenstück. Gleiches ist auch in der neuen Arbeit zu entdecken. Darin werden weiblichen Schicksale im Kampf um ihre Selbstbestimmtheit inszeniert. Es ist ein Ringen, das den vier Tänzerinnen alles abverlangt, wie diese Choreografie am Ende bewusst ausstellt. Sie liegen auf dem Boden, den Blick fest ins Publikum gerichtet, während sie ob der zuvor vollbrachten Anstrengungen gleichzeitig hörbar flach atmen und um Luft ringen. Ob sie ihr Körper schützt oder tötet - wie es der Titel andeutet -, das ist nach dieser knappen Stunde beeindruckenden zeitgenössischen Tanzes noch nicht ausgemacht.

Die nächsten Vorstellungen: 29. und 30. Oktober, 5., 10. und 27. November.

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