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»Sie wollen nicht mehr weg«

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Klaus Michalak und Reinhild Schmidt haben Faten Basheer geholfen, vom ersten Deutsch-Kurs an bis zur erfolgreich abgelegten Ausbildung. © Wißner

Kreis Gießen . »Es war ein Wendepunkt in meinem Leben. Es war wie ein Traum. Man kann es nicht glauben.« Faten Basheer hat diesen Satz an einem Mittwoch im Oktober 2018 in ihrem Tagebuch auf dem Smartphone verewigt. Damals begann die Irakerin ihre Ausbildung, die sie jetzt mit der Note »gut« beendete. Basheer ist medizinische Fachangestellte (MFA).

»Ich war die Oma damals in der Klasse, 37 Jahre alt, meine Mitschüler in der Willy-Brandt-Schule maximal 22 Jahre«, blickt sie zurück und findet lobende Worte: »Alle versuchten mir zu helfen, mich zu ermutigen, meine Gefühle zu verstehen und im Gegenzug wollte ich ihre Sprache lernen, um zu verstehen, warum sie uns helfen.«

Ende 2015 kam die Irakerin nach Deutschland, aus einem Land, in dem die Kämpfer des Islamischen Staats (IS) immer mehr Fuß fassten und erst später wieder zurückgedrängt wurden.

Besondere Hilfe hat sie bei dem schweren Weg, die Heimat zu verlassen, von zwei Lindenern erhalten, die sich in der Flüchtlingshilfe engagieren.

Reinhild Schmidt hat die Irakerin wie auch Klaus Michalak in dieser Zeit begleitet. Sie arbeiteten als Geflüchtetenhelfer in der großen Leichtbauhalle in Leihgestern, einer der ersten größeren Unterkünfte für die vielen Neuankömmlinge im Kreis. In den Räumen der einstigen Lindenschule fanden Sprachkurse statt - hier begegneten sich Schmidt und Basheer erstmals.

Die Irakerin war mit ihrem Ehemann und ihren beiden Kindern über den Balkan nach Deutschland geflohen. Im Februar 2016 landeten sie im Provisorium in Leihgestern.

»Guten Morgen« waren die einzigen Worte, die sie auf Deutsch herausbrachte. Als Fünfjährige hatte sie diese beim Großvater aufgeschnappt, der einst nach Deutschland gereist war, um ein Auto zu kaufen.

Dem Wahnsinn entflohen

In Mossul, wo die Familie lebte, wurden die Grausamkeiten extrem, nachdem 2014 der IS die Stadt vereinnahmt hatte. Die Familie beschloss, diesem Wahnsinn zu entfliehen. Heute ist Mossul zwar befreit, aber zugleich ein Trümmerfeld. Von Heimat keine Spur mehr.

Vom Flüchtlingszelt in Leihgestern führte der Weg die Familie in eine feste Unterkunft in Großen-Linden. Unter einem Dach lebte ihre Familie zusammen mit der Familie ihrer Schwester, zehn Personen.

Basheer hat einen Schulabschluss gleich dem Abitur und kam so bereits im Irak in Berührung mit lateinischen Buchstaben im Englischunterricht. Beste Voraussetzungen, um auch Deutsch zu erlernen. Doch erst einmal musste ein Kurs gesucht werden, viele wollten lernen. Dafür gab es Räumlichkeiten in der ehemaligen Lindenschule, einer Förderschule. Hanebüchene Gerüchte verbreiteten sich unter den unsicheren und ängstlichen Geflüchteten, dass, wer dort nicht vorstellig würde, abgeschoben werde.

Im Übrigen hatten Syrer und Afghanen Unterrichtsvorrang vor den anderen Kulturen, erinnert sich Basheer. Daher setzte sich die Familie an einem Unterrichtstag einfach auf eine Treppe und wartete - bis Reinhild Schmidt kam und die Tür öffnete. »Sie standen da wie eine Schulklasse«, war der erste verwunderte Eindruck, den Reinhild Schmidt hatte. Die achtjährige Tochter Basheers und auch der 13-jährige Sohn konnten die Schule noch nicht besuchen und wollten die Sprache auch lernen. »Dann kam Frau Schmidt«, sagt Basheer und weiß heute: »Wir hatten einfach Glück«.

Unbeschreibliche Gräuel gesehen

Damals ging es nicht nur um das Lernen in einer fremden Welt, sondern auch um die Bewältigung der Traumata, der Aufarbeitung der unbeschreiblichen Gräuel in Mossul, Gedanken an tote Kinder am Straßenrand und standrechtlichen Erschießungen. »Meine Kinder habe ich hinter Gardinen im Haus versteckt.« Doch das Leben und Überleben sei immer schwieriger geworden, sodass man sich zur Flucht entschlossen habe.

Basheer wurde auf ihrem Weg jedwede Hilfe zuteil, ob sprachlich, sozial oder psychologisch. Sie hat es geschafft, sich eine Existenz aufzubauen, die allerdings ohne ihren eisernen Willen, voranzuschreiten, schwer umsetzbar gewesen wäre. »Ich war eigentlich am Ende und die Angst war immer, dass einem die Erlebnisse in Deutschland nicht geglaubt werden.« Vier Jahre lang erhielt sie professionelle Hilfe, die Schrecken zu verarbeiten; die immerwährende Angst vor Augen, Familienmitglieder könnten von einer Sekunde auf die andere Opfer des Terrors werden.

Ein Schlüsselerlebnis gab der Irakerin jedoch besondere Kraft, als sie erkannte, dass ihre Geschichte ähnlich von anderen bereits erlebt worden war: »Frau Schmidt hat mir ihren Ausweis gezeigt.« Später trug die Irakerin in ihr Tagebuch ein: »Wie kann das sein, da heißt jemand Schmidt und ist ein Flüchtling«. Die in Stargard in Westpommern geborene ehemalige Deutsch- und Französischlehrerin Reinhild Schmidt besitzt noch ihren »Ausweis für Vertriebene und Flüchtlinge«, den sie ihren Schülern zeigte.

Dieses Hineinversetzen erfuhr Basheer an anderer Stelle nicht. Noch 2017 vermittelte ihr eine Mitarbeiterin der Arbeitsagentur bei der Suche nach einem Sprachkurs ein ganz anderes Bild: »Sie bleiben eh nicht hier. Ihr braucht kein Deutsch lernen«.

Zwar hatte sie als technische Zeichnerin gearbeitet, doch das, wie auch ihr Schulabschluss, werden in Deutschland nicht anerkannt.

Famillie nur geduldet

Auch das Asylverfahren gestaltete sich schwierig. Die Familie genießt seit 2019 subsidiären Schutzstatus. Das heißt, ihre Mitglieder sind weder als Flüchtlinge anerkannt noch haben sie eine Asylberechtigung. Basheers werden aufgrund ihres Herkunftslandes, in dem ihnen ein ernsthafter Schaden droht, nur geduldet. »Das ist keine Sicherheit, es war nicht genug«, stellte die Mutter zweier Kinder fest und suchte sich einen Beruf aus.

Erforderlich für die angestrebte medizinische Ausbildung war ein Kurs auf B2-Sprachniveau, doch einen solchen finanzierte ihr das Jobcenter nicht. 210 Euro musste sie aufwenden, um an der Kreisvolkshochschule eine externe Prüfung zu absolvieren. Wer auf dem Niveau B2 einen Kurs bestehen will, der muss deutsche Grammatikregeln beherrschen, die nicht einmal jeder Abiturabsolvent kennt.

Keine Angebote für Ältere

Praktika in der Jugendwerkstatt in Gießen, bei einem Orthopäden in Wetzlar und auch bei Lahnau Akustik folgten. Verschickte Bewerbungsunterlagen kamen zurück. Nicht einmal angesehen wurden diese, denn wie lässt es sich sonst erklären, dass bei einer Frau die Absage mit »Sehr geehrter Herr….« beginnt. »Da war ich so deprimiert, weil ich gerne etwas lernen wollte. Die Sprache und einen Beruf lernen - und es gab keine Möglichkeit. Meine Kinder besuchten die Schule, sprachen nur noch Deutsch mit mir und meinem Mann, aber für ältere Flüchtlinge zwischen 25 bis 45 Jahre gab es nichts. Am Abend habe ich geweint und dies in mein Tagebuch geschrieben.« Unterstützung erhielt sie letztlich vom Bildungswerk der hessischen Wirtschaft in Heuchelheim und vom Zentrum für Arbeit und Umwelt Gießen (Zaug) ZAUG und den Tipp: »Geh hin, die müssen Dich sehen!«.

Einfach vorgestellt

Basheer fasste allen Mut zusammen und stellte sich bei einem Lindener Allgemeinmediziner einfach vor. »Ich bin keine Patientin, ich möchte mich bewerben.« Das kam an. Ohne auf die Bewerbungsunterlagen zu schauen, fragte der Mediziner, ob sie drei Tage Probearbeiten könne.

Danach gab es den Ausbildungsvertrag. »Das ist Anerkennung, wenn jemand sagt, wir brauchen Dich hier. Das hat so einen Wert, dies zu hören. Und ich kann das immer noch nicht vergessen. Die Ausbildung hat so viel Spaß gemacht.« Als Basheer begann, drohte sie zunächst die Vergangenheit einzuholen, denn der Umgang mit Blut und Wunden rief Erinnerungen wach. »Aber es geht. Wenn ich Menschen helfe, fühle ich mich besser«.

Ihre Muttersprache hilft ihr im Klinikum, in dem sie jetzt arbeitet. Hier gibt es Landsleute als Patienten, die kein Deutsch können. Sie übersetzt für Ärzte und Kollegen.

Es hat sich für sie ausgezahlt, morgens früh um fünf aufzustehen und zu lernen, bevor die Kinder für die Schule geweckt werden mussten. Ihr Mann arbeitet mittlerweile als Busfahrer.

Und in all der schweren Zeit gab es für die Familie stets Unterstützung durch Reinhild Schmidt und Klaus Michalak. Nun hofft Basheer auf eine Weiterbeschäftigung im Klinikum. Und wieder muss sie kämpfen, hat große Schwierigkeiten mit ihrem Einbürgerungsantrag. Dafür werden Dokumente aus einem zerbombten Mossul benötigt, Originale, die es wohl nicht mehr gibt und die auch nicht einfach beantragt und dann zugeschickt werden können. Ihre Pässe hat sie mitgebracht, doch diese sind mittlerweile abgelaufen.

Neue Hürden

Hürden um Hürden gilt es zu nehmen, doch Basheer traut man es zu, es zu schaffen, so wie einst die Vertriebenen. In Linden gefiel es der Familie von Anfang an, bereits im Flüchtlingszelt, dann in einer Flüchtlingswohnung und nun in ihrer eigenen.

Und Klaus Michalak sagt am Ende eines langen Gesprächs mit dem Anzeiger: »Die Flüchtlinge wollen nicht mehr weg. Daran hat man nicht gedacht«.

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Ein Dokument, das Faten Basheer erstaunte und ihr Auftrieb gab: Reinhild Schmidts »Ausweis für Vertriebene und Flüchtlinge«. © Thomas Wißner

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