1. Startseite
  2. Kreis Gießen
  3. Kreis Gießen

»Signale klar auf grün gestellt«

Erstellt:

Von: Debra Wisker

gikrei_3108_dge_RHI6_310_4c
Anita Schneider, Michael Schneider, Peter Gefeller und Birgit Bellgardt-Dolc (v.l.) schauen sich den Gleiskörper an. Die kleine Lokomotive scheint schon einsatzbereit. Foto: RHI © RHI

Für den Weiterbetrieb von RHI Magnesita Mainzlar ist der Gleisanschluss unabdingbar. Die Chancen dafür sehen sehr gut aus.

Staufenberg . (dge). Als Mitte Juni die Nachricht kam, dass bei RHI Magnesita in Mainzlar weiterproduziert werden soll, hatte die Geschäftsleitung damit schon ein »Bömbchen« platzen lassen. Standen zuvor doch zwei Jahre Verhandlungen wegen einer geplanten Schließung an. Das ist jetzt Schnee von gestern, die Erleichterung bei Betriebsrat und Belegschaft groß.

»Es soll weitergehen, wir wollen aber auch ausbauen«, verkündete nun Tim Steenvoorden vom Vorstand des Unternehmens bei einem Treffen mit dem Betriebsratsvorsitzenden Michael Schwarz, Matthias Körner (Geschäftsführer DGB Mittelhessen), Gewerkschaftsvertretern von DGB und IG BCE, Produktionsleiter Michael Schneider, Maja Nizamov und Betty Lauerbach (Pressesprecherinnen RHI), Birgit Bellgardt-Dolc (Werksgruppenleiterin für vier Werke in Europa) sowie Landrätin Anita Schneider und Staufenbergs Bürgermeister Peter Gefeller.

75 000 Tonnen

Steenvoorden sprach auch sogleich eine Grundvoraussetzung für den Weiterbetrieb des Standorts Mainzlar an: Den Gleisanschluss der Strecke Lollar-Mainzlar. »75 000 Tonnen müssen über den Gleistransport gehen.« Diese Menge ist das Ziel, dass man sich für 2025 gesetzt hat. Zuvor kalkuliert man laut Michael Schneider mit rund 25 000 Tonnen für die Jahre 2022 und 2023 und rund 42 500 Tonnen für das Jahr 2024. Diese Mengen sollen über die Schiene transportiert werden. Das sei ein Aspekt der Nachhaltigkeit, die sich auch die RHI-Unternehmensleitung auf die Fahne geschrieben habe, ergänzt Steenvoorden.

Alle zwei Wochen zwei Züge, die mit 30 Stundenkilometern unterwegs sind - so wird bei einer Menge von 75 000 Tonnen gerechnet. Vorstand, Die Kosten für die Wiederinbetriebnahme des Gleiskörpers benannten die Beteiligten mit rund 1,2 Millionen Euro. Bürgermeister und Landrätin bekräftigten, dass man auf einem guten Weg sei, die Gespräche mit der hessischen Landesregierung bewerteten sie als positiv. Der Gleiskörper ist im Eigentum der DB-Netz AG, die Strecke betreiben würde die Hessische Landesbahn (HLB).

Die Landrätin wies darauf hin, dass der Erhalt von Arbeitsplätzen in der Region ein großes Anliegen des Landkreises sei. Zudem habe man sich dem Klimaschutz verschrieben. So führe die Reduzierung des Schwerlastverkehrs durch den Transport per Bahn zu einer besseren CO2-Bilanz.

Nicht nur Gefeller freute sich, dass der Mainzlarer Traditionsbetrieb weitergeführt wird, Michael Schneider erklärte, er sei ein »Urgestein« des Betriebs, seit 42 Jahren auf der »Schamott« tätig. Menschen aus 14 Nationen arbeiteten in dem Unternehmen, viele in der zweiten oder dritten Generation. »Wir sind hier wie eine kleine Familie. Und jetzt werfen wir wieder den Blick in die Zukunft.«

Ein »Vorzeígewerk für ganz Europa« solle der Standort Mainzlar werden, so Tim Steenvoorden. Man solle die Feuerfest-Produkte, die hier hergestellt werden, nicht unterschätzen, ohne die gehe fast nichts. »Ohne sie sind wirwieder in der Steinzeit zurück.« Man wolle, dass es vorangehe.

Irreführend ist übrigens der im Volksmund gerne verwandte Name »Schamott«. Wie Michael Schneider erklärte, sei seit der Entdeckung des Quarzitvorkommens und der Werksgründung 1907 kein einziges Schamott-Produkt hergestellt worden.

Firmengeschichte

Schneider warf einen kurzen Blick in die Firmengeschichte: Das Unternehmen Scheidhauer & Gießing AG aus Bonn legte den Grundstein und errichtete in Mainzlar eine Produktionsanlage zur Verarbeitung des Quarzitvorkommens zu feuerfester Keramik. Ein Argument für den Standart war damals der schon seit 1902 bestehende Gleisanschluss, der eine Verbindung zu der Main-Weser-Bahn bei Lollar herstellte.1932 erfolgte die Fusion mit Didier, der 1996 eine weitere Fusion mit Veitsch-Radex folgte. Ab 2010 war laut Michael Schneider das Werk eine einhunderprozentige Tochter der Didier AG, 2018 folgte der Zuammenschluss mit RHI und die Gründung von RHI Magnesita.

Doch zurück in die Gegenwart: Neu in der Produktpalette ist, neben Magnesitprodukten, Dolomit, diese Erweiterung war mit ein Aspekt, der schließlich zum Weiterbetrieb geführt hat. In Mainzlar wird dieser Rohstoff nun ebenfalls zu feuerfestem Material für die weiterverarbeitende Industrie verarbeitet. Birgit Bellgardt-Dolc sagte, dass man damit das RHI-Werk in Frankreich unterstützen wolle. Auch sie betonte, dass der Gleisanschluss dafür unabdingbar sei.

Hier kommt die Politik ins Spiel. Sowohl Bürgermeister Peter Gefeller als auch Landrätin Anita Schneider hätten hier ihre Kontakte genutzt und »Türen geöffnet«, so Steenvoorden. »Wir haben alle gemeinsam das gleiche Ziel, den Standort zu erhalten und den Gleisanschluss zu reaktivieren. Die Hürden dafür sind meines Erachtens jetzt nicht mehr so hoch«, fasste Gefeller zusammen und fügte an: »Die Signale sind klar auf grün gestellt«. Bis zum Jahresende wolle man die vertraglichen, rechtlichen und technischen Möglichkeiten, die zur Umsetzung notwendig sind, unter Dach und Fach haben.

Lumdatalbahn

Anita Schneider schlug den Bogen zur Lumdatalbahn, hob dabei jedoch hervor, dass man die beiden Vorhaben strikt getrennt betrachten müsse. Dennoch: Die Reaktivierung der Teilstrecke Lollar-Mainzlar werde auch die Kosten-Nutzen-Analyse zur Reaktivierung der Lumdatalbahn beeinflussen. »Der Nutzen wird immens steigen, wenn die Strecke auch für den Güterverkehr genutzt wird. Aber die Reaktivierung der Lumdatalbahn wird noch ein paar Jahre dauern«, lautet Schneiders Prognose.

Betriebsratsvorsitzender Michael Schwarz sprach davon, dass die Mitarbeiter angesichts der neuen Lange »einfach nur dankbar« seien. »Nach sechs anvisierten Schließungsterminen haben wir die Fortführung geschafft.«

Wie Michael Schneider erläuterte, seien bereits ehemalige Mitarbeiter zurückgekommen, doch man suche noch Arbeitskräfte.

Auch interessant