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So feiert man in der Ukraine

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Sie erzählten von traditionellen ukrainischen Osterbräuchen (v. l.): Elena (2. v. l.), Georgi, Svetlana, Gisela Straßheim und Inna (hinten). © Rieger

Drei erwachsene Geflüchtete erzählen von den Osterbräuchen und -traditionen in ihrer Heimat.

Kreis Gießen . »Die Sträucher mit bunten Ostereiern daran finde ich so lustig, die habe ich gleich fotografiert und meinen Verwandten in der Ukraine geschickt. Diesen Osterbrauch kennen wir bei uns nicht«, erzählt Elena. Sie sagt es auf Ukrainisch, denn vor wenigen Wochen flüchtete sie vor dem Krieg mit ihren beiden Söhnen, die 13 Jahre und 15 Monate alt sind, nach Deutschland.

Auch Inna und Georgi sind aus demselben Grund mit ihren vier Söhnen im Alter von sechs bis 17 Jahren erst vor wenigen Tagen in Dornholzhausen eingetroffen. Viel mitnehmen konnten sie alle nicht. Eines haben sie aber sozusagen »im Gepäck«: ihre Erinnerungen und ihre Kultur. In den Tagen vor Ostern bereiten sich in normalen Zeiten auch die Menschen in der Ukraine auf ein christliches Fest vor, an dem die Familie zusammenkommt und das sogar noch wichtiger als Weihnachten ist. Im Gespräch mit dem Gießener Anzeiger berichten die drei Erwachsenen von den Osterbräuchen in ihrer Heimat.

Möglich machte dieses Treffen Gisela Straßheim aus Dornholzhausen, die Elena und ihre Söhne bei sich zu Hause beherbergt. Die Familie Straßheim engagiert sich seit vielen Jahren beim CVJM und der Evangelischen Gemeinschaft Dornholzhausen. Über eine Initiative der »Allianz Mission« mit Sitz in Dietzhölztal/Ewersbach kam der Kontakt zu Elena zustande. Sie stammt genau wie Inna und Georgi, die Freunde von ihr sind, aus der Nähe von Mykolajiv im Südosten der Ukraine, rund 100 Kilometer von Odessa entfernt. Diese Region ist schwer umkämpft. Besonders Inna und Georgi, die erst am Tag vor dem Pressegespräch mit dem Zug nach mehrtägiger Reise in Gießen ankamen, sind die Strapazen, aber auch die große Erleichterung, hier in Sicherheit zu sein, anzumerken. Swetlana, die schon lange in Dornholzhausen lebt, übersetzt das Gespräch.

Holztafel

Sie hat ein Gastgeschenk für die frisch eingetroffene Familie mitgebracht. Es ist eine kleine bunt bemalte Holztafel, die eine junge Frau in ukrainischer Tracht mit einem traditionellen Osterkorb darstellt, in dem bunt bemalte Eier und ein ukrainisches Osterbrot liegen. »Damit haben Inna, Georgi und die Kinder etwas, was in die Zeit passt und sie an ihre Heimat erinnert«, sagt Swetlana.

Die sechs wohnen im Haus der Evangelischen Gemeinschaft, wo im Souterrain binnen kurzer Zeit ein ehemaliger Gruppenraum zu einer Dreizimmerwohnung umgebaut wurde. Ernst Förster, Vorstandsmitglied der Evangelischen Gemeinschaft und dort Koordinator der ehrenamtlichen Ukrainehilfe, hat dies federführend mit vielen Helfern und inklusive der Möblierung verwirklicht. So sieht tätige Nächstenliebe aus.

Gisela Straßheim hat einige Mitbringsel von ihren Reisen nach Russland mitgebracht. Ein kleiner Samowar, bunt bemalte Holzschalen und Löffel und einige Ikonenbilder stehen auf dem Tisch. Seit 1996 besucht sie gemeinsam mit Mitgliedern des Kreisverbands des CVJM Wetzlar/Gießen regelmäßig die Partnerstadt in der Nähe von Moskau. »Dabei habe ich ganz viel osteuropäische Kultur kennengelernt. Das hat meinen Mann und mich jetzt auch sehr schnell dazu gebracht, die Menschen zu unterstützen und Elena und ihre Söhne bei uns wohnen zu lassen.«

Traditionen

Mit den kleinen Holzlöffeln werden nicht nur Speisen aus Schüsseln geschöpft, sie dienen auch - ähnlich wie die spanischen Kastagnetten - als Musikinstrumente. Elena kann das perfekt vorführen. Denn viele Traditionen in Russland und der Ukraine ähneln sich.

Doch heute sollen Osterbräuche der ukrainisch-orthodoxen Kirche im Mittelpunkt stehen. Hier ist Inna Expertin. Sie erzählt, Swetlana übersetzt: »Ostern in der Ukraine richtet sich nach dem Julianischen Kalender. Meistens feiern wir das Fest deshalb später als in Deutschland, in diesem Jahr ist es am 24. April, also eine Woche nach dem Termin hier. Der Gründonnerstag heißt bei uns ›Sauberer Donnerstag‹, denn dann wird das ganze Haus geputzt, und die Menschen duschen und baden.«

Am Karfreitag werden die Eier gekocht und gefärbt, und die Festtagsspeisen werden vorbereitet. Ukrainisches Osterbrot und die Quarkspeise »Paska«, die das Kreuz darstellen soll, sind bei traditionsbewussten Ukrainern dabei ein Muss. »Vieles ist ähnlich wie in Deutschland. Was es hier nicht gibt, ist eine besondere Ikone, die am Karfreitag und Karsamstag in den Kirchen der Ukraine gezeigt wird. Sie stellt den Sarg Jesus‹ dar.« Die Menschen gehen in die Kirchen und in die Gottesdienste, um diese Ikone oben und unten zu küssen, damit küssen sie symbolisch die Hände und die Füße von Jesus. Der Samstag vor Ostern ist dem Kirchenbesuch vorbehalten, »zu Hause ist Ruhetag«. Die kirchlichen Feierlichkeiten zum Ostersonntag beginnen bereits am Samstagabend um 17 Uhr.

Dann gehen die Gläubigen in die Kirche und viele bleiben dort bis zum Sonnenaufgang am Sonntag. »Wenn die Sonne aufgeht, geht die ganze Gemeinde dreimal um die Kirche herum und grüßt sich mit dem traditionellen Ostergruß ›Christus ist auferstanden‹, der beantwortet wird mit ›Wahrhaft ist er auferstanden‹«.

Eine sehr wichtige Tradition ist auch die Weihe von Wasser, das die Menschen aus Brunnen oder von zu Hause mitgebracht haben. Nachdem der Priester es geweiht hat, wird es über die Ostertage getrunken. Ihm wird heilende Wirkung nachgesagt.

Geweihtes Wasser hat eine große Bedeutung, das ganze Jahr über. Im Ostergottesdienst wird Weihwasser vom Priester mit einem großen Pinsel reichlich verspritzt. »Wenn man vorne sitzt, kann man dabei schon recht nass werden«, weiß auch Gisela Straßheim aus Erfahrung. Es werden auch Essenspenden an Obdachlose, die sich in Osteuropa meist in der Nähe der Kirchen aufhalten, gegeben.

Ende der Fastenzeit

Nach dem Ostergottesdienst geht es nach Hause, wo dann sehr üppig gegessen wird. Schließlich endet an Ostern die »bei uns richtig strenge Fastenzeit«, wie Inna berichtet. Da biege sich der Tisch mit Fisch, Fleisch, Wurst, Salaten und Backwaren, und die ganze Familie trifft sich mit Freunden, Verwandten, oft wird gegrillt. Ganz besonders wichtig sind an diesem Tag die Osterkörbe, die eine lange Tradition haben. Es sind meistens geflochtene Körbe, die vor Ostern mit allerlei Lebensmitteln, darunter gefärbte Ostereier, Würste, Schinken und - das darf auf keinen Fall fehlen - dem selbst gebackenen Osterbrot gefüllt sind. Sie werden am Ostersamstag und am Ostersonntag in den Gottesdiensten vom Priester gesegnet. »Die Körbe stehen dann in der Kirche alle in einem bestimmten Bereich. In jedem Korb sind Kerzen, die während des Gottesdienstes angezündet werden. Das ist dann ein richtiges Lichtermeer«, erzählt Inna. Den Kerzen, die auch gesegnet werden, wird ebenfalls Heilwirkung nachgesagt. Sie werden übers Jahr angezündet, »wenn jemand krank oder etwas Schlimmes passiert ist«.

Eierklopfen

Ein lustiger Brauch ist das Eierklopfen: Dabei klopfen sich zwei Personen gegenseitig ein gekochtes buntes Ei an die Stirn und es werden die beiden traditionellen Ostergrüße dabei gesprochen.

Für uns Hessen sicherlich kurios: In der Ukraine kennt man keinen Osterhasen und auch nicht die Tradition mit Schokoladenhasen. Auch der Brauch, wie Elena eingangs schon erzählte, bunte Eier an die Sträucher zu hängen, ist dort unbekannt.

Am Ostersonntag wird die Evangelische Gemeinschaft Dornholzhausen zu einem Frühstück mit anschließendem Gottesdienst einladen. »Wir werden etwas typisch Ukrainisches beisteuern, vielleicht gibt es Muffins mit Rosinen«, verraten Inna und Gisela Straßheim. Sicherlich aber werden die Gedanken und Gebete der beiden Familien und ihrer Gastgeber an den Feiertagen ganz besonders oft bei den Verwandten und Freunden in der Heimat sein, verbunden mit dem innigen Wunsch, dass dort bald wieder Frieden einkehrt.

Das Rezept

Wer nun Lust bekommen hat, selbst einmal ukrainisches Osterbrot zu backen, kann sich an nachfolgendem Rezept versuchen:

Zutaten: 500 Gramm Mehl, 275 Milliliter Milch, drei Eier, 250 Gramm Zucker, ein Päckchen Trockenhefe, ein Päckchen Vanillezucker, 50 Gramm Rosinen. Für den Guss: ein halbes Päckchen Puderzucker, etwas Schlagsahne oder Milch.

Zubereitung: Die Eier mit Zucker und Vanillezucker schaumig schlagen. Mehl, Milch und Hefe dazugeben und einen Hefeteig herstellen, zum Schluss die Rosinen unterheben. Den Teig abgedeckt in warmer Umgebung stehen lassen, bis er sein Volumen deutlich vergrößert hat. Backform einfetten (der Teig reicht etwa für ein Muffinblech), den Teig einfüllen und bei 200 Grad (Umluft 180 Grad) etwa 20 bis 30 Minuten backen. Den Puderzucker mit etwas Schlagsahne oder Milch verrühren und den Guss auf die erkalteten Kuchen streichen, traditionell wäre die Kreuzform. Gegebenenfalls mit buntem Zuckerzeug verzieren.

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Diese Figur zeigt eine junge Frau in ukrainischer Tracht mit einem traditionellen Osterkorb. © Rieger

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