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»Speiseölversorgung gesichert«

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Noch vor wenigen Tagen leuchteten die Rapsfelder rund um die Grüninger Warte weithin sichtbar knallig gelb. Foto: Kächler © Kächler

Kreis Gießen . Der Regen der vergangenen Tage hat die letzten knallgelben Rapsblüten abgewaschen. »Nun kommt die spannende Zeit, in der der Raps seine pechschwarzen Körner ausbilden muss«, erklärt Daniel Seipp, im Gespräch mit dem Gießener Anzeiger. Eigentlich, so der Vorsitzende des Bauernverbands Gießen/Wetzlar/Dill, stelle der Raps keine besonderen Ansprüche an den Boden.

Nur Trockenheit und Temperaturen über 35 Grad machten ihm zu schaffen. »Am besten ist es, wenn tagsüber die Sonne scheint und es einmal pro Woche nachts ordentlich regnet«, scherzt Seipp.

»Der Raps ist eine wertvolle Kulturpflanze«, hebt der Landwirt aus Muschenheim den Stellenwert der Ölfrucht hervor. Neben der Blüte, die Bienen als beliebte Nahrung diene, biete das Rapsöl vielfältige Einsatzmöglichkeiten in der Küche. Als Abfallprodukt bei der Aufbereitung als Biodiesel falle außerdem Glycerin an, das in der Kosmetikindustrie Verwendung finde.

Der Ölgehalt der Rapssaaten betrage etwa 40 bis 44 Prozent. Übrig bleibe der sogenannte Extrationsschrot, der wegen seines hohen Eiweißgehalts als Futtermittel geschätzt werde und eine hervorragende gentechnikfreie Alternative zum importierten Soja-Futter biete.

Einen weiteren Pluspunkt sieht Seipp in der Bodenverbesserung. Raps bilde eine kräftige Pfahlwurzel aus und sorge durch eine starke Verästelung für eine gute »Bodengare«. Seipp weiter: »Die Rapspflanzen reichern Stickstoff an und bedecken elf Monate den Boden, wodurch dieser vor Erosionen und Nährstoffauswaschungen geschützt wird.«

Die Pflanze habe außerdem einen hohen »Vorfruchtwert« und gelte als Gesundungsfrucht in getreidereichen Fruchtfolgen, so Seipp. So sei bei Weizen, der klassischerweise in der Fruchtfolge nach dem Raps angebaut werde, in der Regel eine signifikante Ertragssteigerung festzustellen.

Wertvollstes Produkt beim Rapsanbau ist aber nach wie vor das Öl. Etwa 40 Prozent der Rapsernte werden zu Speiseöl oder Biodiesel verarbeitet, bilanziert der Hessische Bauernverband. Das Rapsöl stehe damit hierzulande mit einem Marktanteil von 40 Prozent auf Platz 1 der Speiseöle, gefolgt von Sonnenblumenöl (29 Prozent) und Olivenöl (16 Prozent).

Besondere Brisanz erhalten diese Zahlen durch den russischen Angriffskrieg in der Ukraine, durch den die weltweit größten Exporteure für Sonnenblumen und Raps derzeit weggebrochen sind. Rapsöl ist jedoch ein guter Ersatz für Sonnenblumenöl. Die Marktversorgung mit Speiseöl in Deutschland sei dadurch laut Union zur Förderung von Öl- und Proteinpflanzen gesichert.

So füllen sich die wochenlang verwaisten Ölregale in den Supermärkten langsam wieder, Speiseöl ist aber teuer wie nie.

Wie der Präsident des Hessischen Bauernverbandes Karsten Schmal bekundet, sei es erfreulich, dass der Rapsanbau in den vergangenen Jahren wieder deutlich zugelegt habe. Wegen der langen Trockenheit hatte sich die Anbaufläche 2019 im Vergleich zum Vorjahr auf 27,5 Hektar halbiert. 2020 lag die Zahl bereits wieder bei 45,4 Hektar, im Folgejahr stieg sie leicht auf 45,8 Hektar.

Gerade im Zusammenhang mit Lieferengpässen bei Eiweißfuttermitteln aufgrund des Ukraine-Krieges habe der Raps in Deutschland eine wichtige Funktion, erklärte Schmal. Nach Angaben des Bauernverbandes werden von einem Hektar Raps ab Ende Juli durchschnittlich rund 4000 Kilogramm Rapskörner geerntet. Diese bestehen zu 40 Prozent aus einem hochwertigen Pflanzenöl und zu 60 Prozent aus eiweißhaltigem Rapsschrot. In den Ölmühlen werden etwa 1600 Liter Rapsöl oder Biodiesel und aus dem Pressrückstand 2400 Kilogramm hochverdauliches Rapsschrot gewonnen,

Wie Schmal beteuert, könnten die Landwirte trotz hoher Preise nicht mit mehr Gewinn rechnen, denn die Produktionskosten würden sich in gleichem Maße erhöhen.

Auf die Frage, ob die Landwirte durch die aktuelle Entwicklung noch mehr Raps anbauen werden, antwortet Seipp: »Das ist schwer zu sagen, denn aufgrund der Fruchtfolge kann es sein, dass gar nicht so viele freie Flächen zur Verfügung stehen.« Mindestens drei Jahre sollten zwischen einem erneuten Anbau auf dem gleichen Acker liegen. Und wegen des trockenen Sommers wurde 2018 deutlich weniger Raps ausgesät. Das könnte sich jetzt rächen.

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