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Sprungbrett in die Selbstständigkeit

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Landrätin Anita Schneider (l.) mit Akteuren und Bewohnern der Azubi-WG: Einrichtungsleiter Alexander Thys (l. hinten), Pädagogin Christine Thunecke-Schütz (3. v. l.), Neugeselle I. Fornah, der stellvertretende Leiter Ole Dircks, Uwe Happel von der Stabsstelle Wirtschaftsförderung des Kreises, Sozialdezernent Hans-Peter Stock und Harald Scherer. Foto: Weißenborn © Weißenborn

Zwei Gesellen - Anfang 20 - ziehen jetzt in die weite Welt hinaus. In Langgöns werden junge Erwachsene bei ihrer Ausbildung begleitet und bekommen obendrauf noch eine Wohngelegenheit.

Langgöns (ww). Landrätin Anita Schneider (SPD) denkt weit in die Zukunft. Ein Azubi-Campus in Pohlheim ist ihre Vision, als Nachfolgenutzung in einer Geflüchtetenunterkunft, die erst in diesem Jahr entsteht. Der Kreis lässt fünf Modulbauten, die immerhin rund drei Millionen Euro pro Stück kosten, demnächst in verschiedenen Kommunen, darunter die Limesstadt, aufstellen. Bei einer solchen Investition wird bereits jetzt daran gedacht, wer später einmal in eine solche Behausung zieht, wenn sie nicht mehr dem eigentlichen Zweck dienen kann. Eine Idee ist, dort Unterkünfte für Auszubildende zu schaffen. Dazu hatten sich die Verantwortlichen des Kreises vor längerem ein Projekt in Fulda angeschaut.

Dieser Wunsch kommt nicht von ungefähr. In Langgöns gibt es seit 2019 als eine Art Grundstein eine Azubi-Wohngemeinschaft (WG), die jetzt erste Früchte trägt.

Frischgebackene Gesellen

Jüngst wurde Zweien aus der Gemeinschaft in der Moorgasse die Gesellenbriefe überreicht. Die Elektroanlagenmonteure Fornah und Urschler, beide Anfang 20, schlossen ihre Ausbildung mit einer glatten Eins ab und sind bereits in einem Unternehmen auf dem freien Markt untergekommen. Jetzt werden sie letztmals pädagogisch bei der Wohnungssuche begleitet.

Das Duo absolvierte seine Ausbildung im gemeinnützigen Zentrum für Arbeit und Umwelt Gießen, der Zaug gGmbh. Gesellschafter des Zentrums sind der Kreis mit seinen 18 Kreiskommunen.

Die beiden Gesellen wohnen nur noch kurze Zeit in der Einrichtung des Gießener Vereins Franz-Naumann-Haus in Langgöns, dem Kooperationspartner des Kreises. Harald Scherer, eher bekannt als Rechtsanwalt und Kreistagsabgeordneter der Liberalen, ist Vorsitzender der Institution. Er freute sich zusammen mit Einrichtungsleiter Alexander Thys über die Fortsetzung der Partnerschaft mit dem Kreis. Der stellte 50 000 Euro für weitere drei Jahre zur Verfügung. Die Landrätin und Sozialdezernent Hans-Peter Stock (FW) übergaben den Bescheid Ende vergangener Woche.

Vor dem Hintergrund, dass ein Drittel aller Ausbildungen in Deutschland abgebrochen werden, entstand vor über drei Jahren die Idee, jungen Menschen im Lernprozess beiseite zu stehen. Thys sieht drei Hauptgründe für das Scheitern in der Ausbildung: Ärger mit Ausbildern oder an der Ausbildungsstelle, das häusliche Umfeld und Wohnungsmangel. Derzeit werden vorwiegend junge Erwachsene noch aus den Reihen des Zaug rekrutiert, aber das Projekt ist grundsätzlich offen auch für den ersten Ausbildungsmarkt, wenn die Anwärter aus dem Kreis Gießen stammen. Es geht letztlich um den Kontext Hilfestellungen für Kinder und Jugendliche. Die Verantwortlichen sehen das Projekt für die Teilnehmer als »Sprungbrett« in die Selbstständigkeit. Damit der Absprung gelingt, wirkt Christine Thunecke-Schütz als pädagogische Fachkraft in der WG. Hier geht es zu wie im studentischen Pendant. Es müssen Miete und Lebensmittel gezahlt werden. Jeder bewohnt ein Einzelzimmer, aber es stehen auch Aufenthaltsräume und eine zentrale Küche zur Verfügung, in der gemeinsam gekocht werden kann. Und nach wie vor ist es so, dass von Hand gespült werden muss, schmunzelt Thys. Abgeneigt wäre der Verein sicher nicht über eine Spülmaschinen-Spende.

Erstmals junge Frau unter den Sieben

Ganz neu im Kreis der Langgönser Sieben ist eine junge Frau, die Beiköchin lernt. Mehr als ein Septett wird es in der Moorgasse nicht werden, denn der Platz ist beschränkt. Dafür geht hier sehr familiär zu.

Wenn die Landrätin ihre Vision umsetzen kann, würden in Pohlheim mittelfristig weitere Plätze entstehen. Schneider stellt sich vor, dass Unternehmen das Angebot später mitfinanzieren. Sie suchen bekanntlich händeringend gut ausgebildeten Nachwuchs, der mit einer eigenen Wohngelegenheit sicher gelockt werden könnte. Uwe Happel von der Stabsstelle Wirtschaftsförderung des Landkreises Gießen ist neben der Landrätin Ansprechpartner.

Schneider unterstrich, dass sich der Landkreis das Ziel »Keiner geht verloren« gesetzt habe. Mit jungen Menschen müsse frühzeitig über spätere Berufsaussichten gesprochen werden. Zaug biete Bewerbertraining und eigene Ausbildungsplätze an. Die Zusammenarbeit mit dem Verein Friedrich-Naumann-Haus sei ein weiterer Baustein, um das Wohnen während der Ausbildung zu gewährleisten. »Immerhin hat das Projekt einen Demografie-Preis 2020 erhalten. Es gilt im ländlichen Raum als funktionierend«, sagt die Landrätin.

Kreissozialdezernent Stock freute sich darüber, dass die Selbstständigkeit der Jugendlichen in Langgöns eingeleitet wird. »Hier ist das Geld gut investiert«. Die Landrätin rief in Richtung der jungen Menschen: »Ihr seid unsere Zukunft.«

Der Verein Friedrich-Naumann-Haus, nicht zu verwechseln mit der Stiftung, möchte junge Menschen fördern. Damit dies gelingt, werden individuelle Hilfen für Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene angeboten. Eine Wohngruppe existiert in Gießen, in der Jungen ab zwölf Jahren willkommen sind. Angegliedert an die Wohngruppe in Gießen ist eine Verselbstständigungs-Wohngruppe mit drei Plätzen.

In einer weiteren Wohngruppe in Lohra-Kirchvers werden Mädchen ab sechs Jahren aufgenommen. Ein betreutes Einzelwohnen bietet Jugendlichen ab 16 Jahren die Möglichkeit, ihre bereits hohe Selbstständigkeit zu festigen und weiter auszubauen. Es stehen acht Appartements in Gießen zur Verfügung. Das Angebot »Jump-Erziehungsbeistand« bietet Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen eine ambulante Unterstützung im eigenen Wohnbereich oder aber in der Familie. Der Verein hat 20 Beschäftigte. (ww)

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