1. Startseite
  2. Kreis Gießen
  3. Kreis Gießen

Strom vom eigenen Balkon

Erstellt:

gikrei_2506_solar_vb_250_4c_1
Auch Mieter können die Kraft der Sonne nutzen, um Strom zu produzieren. Eine Balkon-Solaranlage macht es möglich. Symbolfoto: indielux/dpa-tmn © DPA Deutsche Presseagentur

Mit Stecker-Solaranlagen können auch Mieter etwas für die Umwelt tun. Der Langgönser Bürgermeister Marius Reusch plant eine Unterstützung der Bürger durch die Kommune.

Kreis Gießen. (imr) . »Jede reale Umsetzung der Energie- und Wärmewende ist sinnig und zu begrüßen, zumal wir uns im Hinblick auf den Klimawandel kein ›Schau’n wir mal‹ mehr leisten können.« Das sagt Andreas Wöll von der LandesEnergieAgentur (LEA) Hessen zum Thema Balkon-Solaranlagen. Sie sind flexibel und unkompliziert einsetzbar. Dadurch haben sie das Potenzial, die dezentrale Energieversorgung voranzutreiben und Bürgern, die zur Miete wohnen, die Möglichkeit zu geben, günstigen Strom mit Sonnenkraft selbst zu produzieren. Dadurch wird außerdem die Umwelt geschont und das Klima geschützt.

Viele Menschen haben von Balkon-Solaranlagen noch nie gehört. Aber der Markt für diese Stecker-Solargeräte entwickelt sich momentan hochdynamisch. Nach einer Studie der Hochschule für Technik und Wirtschaft (HTW) Berlin sind aktuell rund 200 000 solcher Systeme an Wohnhäusern installiert, allein 2021 gingen 80 000 in Betrieb. »Für das Erreichen der Pariser Klimaschutzziele muss der Anteil der Solarenergie an der Energieversorgung deutlich gesteigert werden. Stecker-Solargeräte können hierzu einen Beitrag auf dezentraler Ebene leisten. Sie haben zumeist eine Leistung von 300 bis 600 Watt (ein bis zwei Module) und können ohne großen technischen Aufwand auf Balkonen, Flachdächern, Gärten und anderen Orten mit geeigneter Sonneneinstrahlung und einer verfügbaren Steckdose aufgestellt bzw. montiert werden«, heißt es in der Studie.

Bisher eine Marktnische

Der Markt für Stecker-Solargeräte galt bisher als Nische des Ausbaus der erneuerbaren Energien. Dies scheint sich gerade zu ändern: Mit einer Balkon-Solaranlage wird Solarstrom erzeugt, der direkt verbraucht werden kann. Sie kann ohne größere technische Anpassungen oder einen weiteren technischen Dienstleister weitestgehend eigenständig angeschlossen werden. Vorteil: Der eigene Solarstrom ist deutlich günstiger als der Strom von Energieversorgern. Die Anschaffungskosten liegen bei einem Modul von 300 Watt Leistung bei rund 500 Euro brutto, zwei solcher Module sind sinnvoll. Im Schnitt können die Stromkosten damit um 50 bis 100 Euro im Jahr gesenkt werden. So macht sich die kleine Solaranlage nach fünf bis zehn Jahren bezahlt. Die Module können 20 Jahre und länger Strom produzieren. In dieser Zeit werden rund zweieinhalb Tonnen CO² eingespart.

Was ist zu beachten? Wer zur Miete wohnt, sollte zunächst seinen Mietvertrag prüfen, ob die Anschaffung einer Stecker-Solaranlage erlaubt ist. Die Zustimmung des Vermieters oder der Eigentümergemeinschaft ist erforderlich. Die Steckdose muss berührungssicher sein. Hier kann ein Elektriker eine sogenannte Wieland-Steckdose montieren oder er sichert eine Schuko-Steckdose zusätzlich ab. Eine Wieland-Steckdose ist auf jeden Fall nötig, wenn mehr als 600 Watt oder mehr als ein Modul angeschlossen werden sollen. Das Balkonsolar muss dann noch dem Netzbetreiber gemeldet und im sogenannten Marktstammdatenregister der Bundesnetzagentur registriert werden.

Sobald man den Stecker in die Steckdose stöpselt, ist das Fotovoltaik-Modul mit dem Hausnetz verbunden. Es erzeugt Strom, sobald Licht darauf fällt. Nach der Wandlung in Wechselstrom fließt dieser ins Hausnetz und versorgt die Geräte, die gerade Bedarf haben. Der Strom wird nicht gespeichert, es sei denn, man schafft sich noch einen kleinen Batteriespeicher an. Ansonsten fließt der nicht benötigte Strom ins öffentliche Netz ab.

Hierzu heißt es im Edison-Magazin, einer Zeitschrift, die sich mit Elektromobilität beschäftigt: »In der Regel wird der Strom aus einer Mini-Solaranlage sofort verbraucht. Der konstante Strombedarf in einem Haushalt macht etwa 20 Prozent des gesamten Stromverbrauchs aus. Dieser konstante Strombedarf wird Grundlast genannt. Sie liegt nach Messungen der HTW Berlin in der Regel zwischen 80 und 120 Watt. Er sollte nicht stärker von der maximalen Leistung des Solarmoduls abweichen, wenn Sie kaum Strom ins Netz einspeisen wollen.« Gegebenenfalls muss der Stromzähler ausgetauscht werden. Ist dies der Fall, darf der Netzbetreiber bei einer Anlage mit weniger als 1000 Watt Leistung dafür aber keine Kosten berechnen.

Wie und wo sollte man sein steckerfertiges Solarmodul idealerweise aufstellen? Möglichst sonnig selbstverständlich. Eine südliche Ausrichtung bringt in der Regel den höchsten Ertrag, denn so können im Laufe des Tages die meisten Sonnenstrahlen von den Modulen aufgenommen werden. »Es wird zudem mehr Strom produziert, wenn das Modul nicht vertikal an der Wand oder am Balkongeländer befestigt ist, sondern schräg auf einem Gestell liegt«, heißt es bei Edison. Neigungen von 30 bis 35 Grad bringen den höchsten Ertrag. Die meisten Module werden auf Balkonen, Terrassen oder im Garten auf dem Boden aufgestellt. Dies hat eine Befragung durch ein Marktforschungsinstitut ergeben.

Wie hoch ist die Wirtschaftlichkeit einer Mini-Solaranlage? Die Verbraucherzentrale kalkuliert bei einer maximalen Leistung von 300 Watt unter idealen Bedingungen mit etwa 200 Kilowattstunden Strom pro Jahr. Das entspricht etwa dem jährlichen Verbrauch eines Kühlschranks und einer Waschmaschine in einem Haushalt mit zwei Personen. Bei einem durchschnittlichen Strompreis von knapp 0,36 Euro bringe das eine jährliche Ersparnis von rund 72 Euro.

Noch gibt es keine bundesweite Förderung für Balkonkraftwerke. »Lokal sollte man auf jeden Fall nachfragen, ob die Kommune oder der Energieversorger ein Förderprogramm aufgelegt hat, um die Anschaffung eines Stecker-Solargerätes noch zusätzlich zu unterstützen«, empfiehlt Andreas Wöll von der LandesEnergieAgentur. So übernimmt die Stadt Darmstadt 50 Prozent der Anschaffungskosten von bis zu 600 Watt starken Balkonanlagen. Maximal können es 200 Euro sein.

Reusch plant Unterstützung

In der Region sehen beispielsweise der Langgönser Bürgermeister Marius Reusch und seine Klimaschutzmanagerin Susanne Müller das Thema Balkonsolar sehr wohlwollend. Am Rande der kürzlich durchgeführten Energieeffizienzmesse in Langgöns sagte Reusch: »Das ist sehr spannend und interessant, ich möchte das demnächst in den gemeindlichen Gremien thematisieren.« Er kündigte an: »Wir möchten als Kommune die Bürger unterstützen.«

Die Stadtwerke Gießen haben derzeit noch keine Balkon-Solaranlagen oder Förderungen dafür im Portfolio, das gleiche gilt für Ovag und EAM.

Wer seinen überzähligen Solarstrom ins öffentliche Netz eingespeist, hat Anspruch auf die Einspeisevergütung. Sie beträgt aktuell rund sieben Cent pro Kilowattstunde. Hier sind aber weitere bürokratische und technische Pflichten zu beachten, so muss man unter anderem beim Finanzamt ein Gewerbe anmelden und den Gewinn auch versteuern.

Die LEA bietet zum Thema unter www.lea-hessen.de umfangreiches Material an.

Auch interessant