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Suche nach einem verlorenen Ort

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Flure und Flurnamen am oberen Mennerkleebach. © Rieger

Die Oberkleener Heimatforscher Erwin Glaum und Hans Gerhard Stahl beschäftigen sich in ihrem letzten Heimatheft mit der Wüstung Gebertshausen-Gottfriedshausen.

Langgöns . Alte Geschichten über verschwundene Siedlungen üben seit jeher eine Faszination auf die Menschen aus und werden oft über Jahrhunderte mündlich überliefert. Wer kennt nicht die vielen Legenden um das sagenumwobene Atlantis? Die wenigsten Menschen wissen, dass es auch in unserer Region unzählige Orte gibt, an denen sich einstmals Siedlungen befunden haben, wo sich heute aber auf den ersten Blick oft keinerlei Spuren mehr finden lassen. Alte Flurnamen erinnern manchmal noch an solche frühere Siedlungslagen, die als »Wüstungen« bezeichnet werden, so auch in der Oberkleener Gemarkung.

Erwin Glaum und Hans Gerhard Stahl, beide gebürtig aus Oberkleen und dort im Heimat- und Geschichtsverein (HGO) sehr engagiert, kennen die Geschichten um das Nachbardorf Gebertshausen-Gottfriedshausen seit ihrer Kindheit.

Im jüngsten Oberkleener Heimatheft beschäftigen sich die beiden Heimatforscher mit diesem Thema. Das 89 Seiten umfassende Büchlein ist das achte und letzte in der Reihe, die der HGO auflegte, und trägt den Titel »Gebertshausen-Gottfriedshausen. Das Dorf Gebertshausen wurde Wüstung«. Es untersucht und dokumentiert die Geschichte des ehemaligen Dorfes. Die kleine Siedlung lag vermutlich nahe der Straße nach Oberwetz, gut zwei Kilometer von Oberkleen entfernt.

Vieles bleibt im vagen

In dem Heimatheft nähern sich die beiden Autoren ihrem Forschungsgegenstand auf verschiedenen Wegen. Sie haben historische Akten und andere Quellen studiert und dabei viel Interessantes aus alter Zeit herausgefunden und dokumentiert. Nicht alles brachte sie aber zu näheren Erkenntnissen hinsichtlich ihres eigentlichen Forschungsgegenstandes.

So bleibt bei der Intention, mehr historisch belegtes Wissen über das ehemalige Nachbardorf von Oberkleen, seine Bewohner und das dörfliche Leben dort zusammenzutragen, vieles immer noch im vagen.

»Hauer mache mer ean Geawertshause Fricht ab!« (Heute machen wir in Gebertshausen Frucht ab), diesen Satz in Oberkleener Dialekt hat Hans Gerhard Stahl als Kind im Spätsommer oft gehört. »Die Flurbezeichnung im aktuellen Liegenschaftskataster heißt Olbertsecke. Das hat uns erstaunt, denn diese Flur hieß bei uns daheim immer Gebertshausen«, erinnert sich Stahl. Auch in der Flurkarte aus dem Jahre 1873 stehe »Olbertsecke«.

Die Bezeichnung ziele auf einen Familiennamen. Andere Flurnamen in der Nähe wie »Gottfriedhausen« oder »Am Gerichtshaus« erinnern aber noch an die ungefähre Lage eines Dorfes, das möglicherweise schon vor 800 nach Christus bestand und nach dem 30-jährigen Krieg (1618-48) von seinen Bewohnern aufgegeben wurde. »Die Gründe dafür sind uns nicht bekannt«, sagt Erwin Glaum. Hungersnot, die Pest und/oder Kriege könnten dafür ausschlaggebend gewesen sein.

Der Oberkleener Heimatkundler Bernhard Reuter gibt in seinem Heimatbuch von 1974, das 2009 vom HGO neu aufgelegt wurde, wichtige Hinweise zu möglichen archäologischen Fundstätten in den Fluren am »Höllköppel« und »Am Gerichtshaus«. So soll in dem heutigen Waldstück am oberen Mennerkleebach eine kleine Kirche oder ein Turm gestanden haben, der zu dem aufgegebenen Ort Gebertshausen gehört hat.

Erwin Glaum stellt fest: »Es gab nur eine Ortschaft. Für sie standen die Namen Gottfriedshausen, Gebertshausen oder auch Gebardeshausen. Die Höfe standen einzeln und beanspruchten daher eine größere Fläche.«

Auf der Suche nach einem geeigneten Siedlungsgebiet sei die Lage im Quellgebiet des Kleebachs und die gute Bodenqualität sicherlich ausschlaggebend gewesen. Die Siedlungsgründung sei in der Regel durch einen Grundherrn erfolgt, der nicht unbedingt in der Siedlung leben musste. Über die tatsächlichen Besitzverhältnisse in Gebertshausen haben die beiden Heimatforscher keine verlässlichen Unterlagen gefunden.

Über 200 Personen wohnten dort einst

Nach Einschätzung von Glaum wohnten etwa 200 bis 250 Personen in rund 20 bis 25 Gehöften in der Siedlung. Es gab eine kleine Kirche, der eine Holzkonstruktion zugrunde lag.

»Als Junge habe ich an dieser Stelle Steine ausgemacht, die möglicherweise aus dem Fundament der Kirche stammten. Die Höfe gruppierte man großzügig um die Kirche.« Auch einen Friedhof gab es. Bis heute wurden allerdings keine Maßnahmen ergriffen, um die Lage des Friedhofs genauer zu ergründen.

Auf der Suche nach historischen Unterlagen stießen Glaum und Stahl auf eine Akte aus dem Jahre 1608, die im Hessischen Hauptstaatsarchiv in Wiesbaden gelistet ist. Dort werden 37 Männer genannt, die vermutlich mit ihren Familien in Gebertshausen/ Gottfriedshausen gelebt haben und dort Grundbesitz hatten.

Auch Friedrich Kilian Abicht (1788 - 1855) beschäftigte sich mit der Wüstung. »Abicht war Pfarrer in Oberkleen und Heuchelheim und im heimischen Raum ein Heimatforscher mit Gewicht«, informiert Hans Gerhard Stahl.

Abicht verweist auf die Urkunde Nummer 3040 im Lorscher Codex, die nach seiner Meinung auf Gebertshausen zielt und ordnet den in der Urkunde genannten Namen »Garuuardeshusen« (11. Mai 886 Ersterwähnung) eindeutig Gebertshausen zu. Er vermutete, dass der Ort, ähnlich wie Oberkleen, bereits zu Zeiten Karls des Großen (748-814) bestanden hat.

Als Folge der Bezugnahme von Abicht durchsuchten die beiden Autoren die aktuelle Ortsliste des Lorscher Codex nach den beiden Namen. Sie tauchen dort jedoch nicht auf. Daraufhin wiesen Glaum und Stahl das Hessische Staatsarchiv in Darmstadt auf diese Diskrepanz hin. »Dankenswerterweise hat der Leiter des Staatsarchivs geantwortet: Warum sich die im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts stattgefundenen Forschungen nicht auf Abicht stützen, konnte nicht geklärt werden und würde weitere Nachforschungen notwendig machen.«

Nach 1608 aufgegeben

Im Datenbanksystem Arcynsys der Hessischen Staatsarchive findet man unter dem Stichwort »Gottfriedshausen« eine Vielzahl von Akten aus der Zeit zwischen 1529 und 1812, darunter auch zwei Protokolle zu Grenzbegehungen, die Erwin Glaum transkribiert hat. Historische Flurnamen können auch heute noch zugeordnet werden. Erwin Glaum hat herausgefunden, dass Gebertshausen-Gottfriedshausen nach 1608 und vor 1676 Wüstung wurde. Im Jahre 1810 schließlich wurde die »Vogtei Gottfriedshausen« von der Nassauischen Regierung offiziell aufgelöst.

Beide Autoren haben mit dem Erscheinen des Heftes 8 ihre Arbeiten am Format »Oberkleener Heimathefte« beendet. Erwin Glaum hat als Autor sämtlicher Heimathefte maßgebend die Geschichte Oberkleens aufgearbeitet. Zukünftige Geschichtsforschungen für Oberkleen werden an diesen Heften gemessen werden.

Das Heft Nummer 8 hat 89 Seiten und enthält 48 Abbildungen. Es kann zum Preis von 17 Euro bei Hans Gerhard Stahl (Telefon 06447/88051) oder bei HGO-Kassenwart Thorsten Friedrich (Telefon 06447/7522) erworben werden. Bestellen kann man unter stahl-hg.de/ Publikationen im Internet.

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