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Superstar im Sportunterricht

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Der ehemalige spanische Handballstar Carlos Prieto Martos leitet den Sportunterricht an der Burgschule Großen-Linden und will mit seinem Programm »Share & play« Kinder zu mehr sportlicher Aktivität motivieren. © Wißner

Carlos Prieto Martos ist ein ehemaliger Handballstar aus Spanien. Der 2,03 Meter große Hüne setzt an drei Schulen in Linden und Gießen ein besonderes Förderprogramm um.

Kreis Gießen (twi). Im Fernsehen wird jedes Jahr ein musikalischer »Superstar« gesucht und das Format begeistert vor allem junge Leute. Für 350 Mädchen und Jungen an drei Schulen in Linden und Gießen hat sich die Suche nach einem sportlichen Superstar erledigt, denn von so einem werden sie unterrichtet: Carlos Prieto Martos. Der 42-Jährige gewann als Handballer mit der spanischen Nationalmannschaft Bronze bei den Olympischen Sommerspielen in Peking 2008, war Champions League-Sieger 1998, 1999 und 2006, wurde Europäischer Pokalsieger der Pokalsieger 2003 und 2009 und darüber hinaus vier Mal spanischer Meister und zwei Mal spanischer Pokalsieger. Für die Nationalmannschaft bestritt er 96 Länderspiele, in denen er 111 Tore erzielte. Von Oktober 2013 bis November 2015 spielte er für die HSG Wetzlar und nach Beendigung seiner Profikarriere 2016 in der Saison 2017/18 in der Landesliga für die HSG Lollar/Ruttershausen. Nach Ende seiner Profikarriere ist seine Mission, Kinder zu mehr sportlicher Aktivität zu motivieren.

Sportwissenschaft und Mathematik studiert

Bereits während seiner Handballerlaufbahn nahm der Spanier an Führungs- und Sportkonferenzen teil und arbeitete als Sportberater. Prieto ist Mitglied des EHF Scientific Specialist Network, studierte Sportwissenschaften und Mathematik und lernte über den TV Hüttenberg Sabine Wagner, die Leiterin der Burgschule in Großen-Linden, kennen. Genau vor einem Jahr begann er dort sowie an der Anne-Frank-Schule in Linden und am Landgraf-Ludwigs-Gymnasium (LLG) in Gießen mit dem Unterricht.

Es ist die Mission des 42-Jährigen, Kinder zu ermutigen, gesünder und körperlich aktiver zu sein und dadurch besser qualifizierte Sportler aufzubauen. So ganz nebenbei vermittelt er auch noch etwas Mathematik. Beim Sportunterricht ragt Prieto allein schon wegen seiner Körpergröße von 2,03 Metern heraus. Er ist nicht Zuschauer, der nur eingreift, wenn es erforderlich erscheint, sondern stets aktiv mit dabei.

Das Spiel mit dem Ball in allen Varianten liegt dem Spanier ganz besonders am Herzen. Wenn er den Schülern den Umgang mit dem Ball vermittelt, ihnen zeigt, wie sie diesen am besten beherrschen oder fangen - dann ist er in seinem Element. An der Burgschule hat er mit den vierten Klassen begonnen, während an der Anne-Frank-Schule für die Schüler der fünften Klassen Handball stattfindet. »Zusammenarbeit, Kommunikation, viel Respekt und die Verbindung mit Mathematik«, nennt der Spanier im Gespräch die Grundlagen für seinen Unterricht. Und diesen schätzen die Schüler, auch wenn sie nicht wissen, was für einen echten Superstar sie da vor sich haben. Neben den drei Schulen im Landkreis Gießen betreut Prieto auch im Lahn-Dill-Kreis die Gesamtschule Schwingbach in Rechtenbach und die Grundschule Steindorf-Albshausen sowie die Grund- und Werkrealschule Ostheim in Stuttgart.

»Share & Play«

Zwei Trainer in Stuttgart wie auch hier in Hessen unterstützen ihn bei der Umsetzung seines »Share & Play«. Dieses Programm hat der Spanier nach seiner Sportkarriere 2017 gegründet und dies zuvor während eines halbjährigen Pilotprojektes in Dutenhofen getestet. Entwickelt wurde es von der gemeinnützigen Organisation »Athletes inspire children«. Bei »Share & Play« handelt es sich um ein Programm, das Jugendlichen erlaubt, sich mannschaftssportspezifische Werte durch die Teilnahme am Handballtraining anzueignen. Gleichzeitig werden kognitive Fähigkeiten in verschiedenen Bereichen wie Mathematik und Erdkunde gefördert. »Teamwork, Respekt, Interaktion und gesunde Lebensweise«, nennt Prieto die erklärten Ziele.

Neben ihm sind fünf weitere sogenannte »Boardmembers« im Einsatz und zu den beiden »Botschaftern« zählen Deutschlands vierfacher »Handballer des Jahres« und Bronzemedaillengewinner von Rio 2016, Uwe Gensheimer, und die brasilianische Handballerin Alexandra Nascimento. Als Partner unterstützen etwa die Europäische Handballföderation (EHF), die EHF Competence Academy & Network sowie auch das Deutsche Rote Kreuz (DRK) und der DRK-Kreisverband Wetzlar das Projekt.

Wie Prieto erläutert, nutzt die »Share & Play«-Methodik die Sportwerte aus einer ganzheitlichen Perspektive. »Erstens wendet sie die Prinzipien des Mannschaftssports an, die von der professionellen Ebene inspiriert sind. Zweitens konzentriert sie sich auf drei Kompetenzbereiche: Sport, Kommunikation und theoretisches Wissen. Drittens ermöglicht es mehreren Beteiligten, ihre Kräfte zu bündeln.«

Das Programm ermöglicht Jugendlichen bei viel Spaß den Austausch über gemeinsam gemachte Erfahrungen. Durch das ganzjährige Trainieren und Spielen findet somit eine stetige Persönlichkeitsentwicklung statt. Weiter haben Teilnehmer bereits in jungen Jahren die Chance, sich wichtige Werte und Interaktionsfähigkeiten anzueignen, wie sie professionelle Handballspieler besitzen. Durch »Share & Play« haben Kinder die Möglichkeit, zahlreiche physische und kognitive Fähigkeiten in einer frühen Phase ihres Lebens zu entwickeln. So werden sie gut vorbereitet sein für zukünftige Herausforderungen und Gruppenarbeiten. »Durch die Teilnahme an dem Programm und der Einhaltung unserer Gesundheitsempfehlungen wird außerdem das Risiko für Übergewicht im Kindesalter signifikant reduziert, was in Folge zu Einsparungen staatlicher Gesundheitsausgaben führt«, betont der 42-Jährige.

»Tollen Anschluss« an die Laufbahn

Dass auch andere ehemalige Profisportler zu »Share & Play«-Trainern werden können, hält er für einen »tollen Anschluss« an die Laufbahn. Gerade Handballer könnten von Millionengehältern wie im Fußball nur träumen, weshalb vielen nach der aktiven Karriere die Arbeitslosigkeit drohe. »Share & Play« biete einen Ansatz zur Bekämpfung dieses Problems.

Das Programm ermögliche es ehemaligen Athleten, ihre vorhandenen und während ihrer Karriere gesammelten Fähigkeiten zu ergänzen, zu erweitern und zertifizieren zu lassen. Es sei eine pädagogische und wirtschaftliche Chance nach der Beendigung der Profikarriere.

»Wir können einen Unterschied im Leben von Jugendlichen ausmachen«, betont der Spanier. Möglich sei ein gesünderer und aktiverer Lebensstil durch die Kombination von sportlichen und schulischen Aktivitäten. Bei den Mädchen und Jungen würden soziale Kompetenz, Kommunikationsfähigkeit, kognitive Fähigkeiten, Problemlösungskompetenzen, Mathematik, Strategie, Entscheidungsträger und natürlich auch handballerische Fähigkeiten gefördert.

Während des Trainings werden Themengebiete wie Mathematik, Erdkunde und Gesundheit angesprochen und der Handballsport dient als Instrument, diese Werte zu vermitteln. »Wir implementieren verschiedene Spiele mit speziell ausgewählten Regeln, um die Integration, Inklusion und das Teamwork zu fördern. Jede Spielart hat ein anderes Ziel, wodurch Kinder stets gefordert sind, sich zu verbessern und sich an neue Situationen anzupassen. Jede Session beinhaltet insofern soziale Gesichtspunkte, da Jugendlichen die Verantwortung übertragen wird, zusammenzuarbeiten und Entscheidungen als Einheit zu treffen. Den Trainern kommt eine Schlüsselrolle innerhalb des Programms zu, da sie für die Weitergabe von Werten und der Leidenschaft gemeinsam Sport auszuüben verantwortlich sind«, berichtet Prieto.

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