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Tendenz: Lebensmittel teurer

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Priska Hinz © Hessisches Umweltministerium / Sabrina Feige

Kreis Gießen. Putins Krieg gegen die Ukraine hat Folgen für unsere Energieversorgung. Aber hat er auch Auswirkungen auf unsere Lebensmittelversorgung und unsere Lebensmittelpreise? Immerhin gilt die Ukraine als Kornkammer Europas. Diese Fragen beantwortet Priska Hinz (Grüne) im Interview mit dieser Zeitung. Die Herbornerin ist hessische Umweltministerin und in dieser Position auch für die Themen Landwirtschaft und Verbraucherschutz zuständig.

Wenn es um die Folgen von Putins Krieg für die Verbraucher geht, ist meist die Rede von der Energieversorgung. Wie steht es mit der Lebensmittelversorgung?

Es ist genug zu essen für alle da. Allerdings sind die Preise für Nahrungsmittel angezogen. Das liegt hauptsächlich an den höheren Energiepreisen und auch an den gestiegenen Kosten für Getreide, Milch und Fleisch. Für die Bauern haben sich die Preise für Düngemittel teilweise verdreifacht bis verfünffacht. Teilweise sind Düngemittel auch gar nicht zu haben, da in einigen europäischen Ländern die Produktion vermindert wurde und Russland und China Exportverbote für Düngemittel verhängt haben. Das wird sich auf die Getreideerzeugung bei uns auswirken.

Die Ukraine gilt als Kornkammer Europas. Welche Mengen an Getreide werden dort produziert?

Am Beispiel der Weizenproduktion erkennt man, dass die Ukraine ein wichtiges Erzeugerland ist: Von der Weltproduktion von rund 750 Millionen Tonnen werden rund 28 Millionen Tonnen allein in der Ukraine geerntet. Die EU kommt auf 140 Millionen Tonnen und Deutschland erntet rund 21 Millionen Tonnen Weizen pro Jahr.

Und welche Agrarprodukte beziehen wir aus Russland, die nun durch Wirtschaftssanktionen wegfallen?

Russland und die Ukraine haben mittlerweile einen Anteil am weltweit gehandelten Weizen von rund 30 Prozent. Vor 15 Jahren waren beide Länder noch Netto-Importländer. Da beide Länder über das Schwarze Meer vermarkten, liegen die Hauptabnehmerländer in Nordafrika und dem Nahen Osten. Direkte Lieferungen in EU-Länder und damit auch nach Deutschland finden so gut wie nicht statt. Das liegt auch daran, dass wir in Europa den Verbrauch an Nahrungsmitteln bei fast allen Produkten durch inländische Erzeugung decken können.

In welchen Lebensmitteln in unseren Supermärkten stecken Getreide und andere Agrarprodukte aus diesen beiden Ländern?

Einfuhren von Lebensmitteln aus diesen beiden Ländern sind äußerst selten.

Droht dennoch eine Lebensmittelknappheit in Deutschland?

Die Lebensmittelversorgung ist weiterhin gesichert. Wir leben sogar im Überfluss: Zwölf Millionen Tonnen Lebensmittel werden in Deutschland jährlich einfach in den Müll geworfen. Die Bekämpfung der Lebensmittelverschwendung leistet damit auch einen wichtigen Beitrag zur Schonung unserer Ressourcen.

Werden unsere Lebensmittelpreise steigen?

Derzeit sind sämtliche Agrar- und Nahrungsmittelmärkte erheblichen Turbulenzen ausgesetzt. Die weiteren Entwicklungen aufgrund der Ereignisse in der Ukraine sind nicht absehbar. Tendenziell kann man davon ausgehen, dass die Preise für unsere Lebensmittel ansteigen werden, insbesondere aufgrund steigender Energie-, Dünger- und Rohstoffpreise.

Was bedeuten diese Turbulenzen für andere Regionen in der Welt, welche Länder sind da betroffen?

Getreide wird heute weltweit gehandelt. Die Preise steigen daher in allen Regionen der Welt gleichermaßen. Dies dürfte vor allem für Länder mit geringer Kaufkraft Probleme mit sich bringen.

Sollte oder muss Deutschland mit Exporten helfen?

Das werden die Länder mit dem Bund auf der nächsten Agrarministerkonferenz Ende März besprechen.

In der Diskussion um russisches Gas heißt es, Deutschland müsse unabhängiger, autarker werden. Gilt das auch für Agrar-Importe?

Der Welthandel ist wichtig, aber wir müssen unabhängiger werden im Agrarbereich. Gerade jetzt müssen wir unsere Anstrengungen verstärken und eine regionale, nachhaltige und ökologische Landwirtschaft ausbauen, die weniger auf Dünge- und Pflanzenschutzmittel angewiesen ist. Die Stärkung regionaler Verarbeitungs- und Vermarktungsstrukturen sorgt ebenfalls für mehr Unabhängigkeit. Sowohl für den Ausbau der nachhaltigen Landwirtschaft als auch für die Stärkung der regionalen Marktstrukturen bieten wir zahlreiche Fördermöglichkeiten an. Wir sind auf einem guten Weg in Hessen.

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