Themenwoche Forensik: Individuell, aber nie allein

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GIESSEN - Das Puzzle fügt sich zusammen, die einzelnen Mosaikteilchen ergeben ein klar erkennbares Bild eines oder mehrerer Verdächtigen. Eine Woche lang haben die Volontäre und Jungredakteure unserer Zeitungsgruppe in der Themenwoche "Stille Zeugen" das schwer greifbare Thema der Forensik mit seinen vielen Facetten durchleuchtet. Dazu gehören die saubere Spurensicherung und Spurenarchivierung der Polizisten am Tatort.

Und - im Falle eines Mordes - die Obduktion der Gerichtsmedizin, die die genaue Todesursache feststellen kann. Auch die Blutspurenmusteranalyse, die millimetergenau nachweist, wo und wie Blut geflossen ist, trägt ihren Mosaikteil dazu bei, den Tathergang noch besser rekonstruieren zu können. Genauso wie der DNA-Analytiker, der "Cold Cases" (ungeklärte Mordfälle) auch Jahre nach der eigentlichen Tat noch versucht aufzuklären und dabei mit dem Auge nicht zu erkennende DNA-Stücke untersucht.

Sie alle tragen ihre Expertise und Akribie zur Verbrechensaufklärung bei. Stets ermöglicht vom wissenschaftlichen und technischen Fortschritt, den die Forensik in ihrer langen Historie erzielt hat. Angefangen mit dem ersten dokumentierten und mittels objektiven Beweismitteln aufgeklärten Mordfall 1789 bis zur rasanten Entwicklung in den letzten 30 Jahren. "1991 brauchten wir - bildlich gesprochen - einen Eimer voller Blut, um überhaupt Spuren mittels DNA-Analyse typisieren zu können. Dank immer neuerer, verbesserter Technologien ist es heute möglich, anhand einer einzelnen Zelle einen Täter zu überführen", machte DNA-Analytiker Dr. Harald Schneider deutlich.

Dabei ging und geht es meist - aber eben nicht nur - um "Mord- und Totschlag". Es sind auch Vergewaltigungen, Misshandlungen und Körperverletzungen, zu deren Aufklärung alle in der vergangenen Woche aufgezeigten Untersuchungsmethoden ihren Teil beitragen. Was treibt einen Menschen an, sich mit menschlichen Abgründen und deren Folgen zu beschäftigen? Gerechtigkeitssinn? Morbide Faszination? Sich stets mit dem technischen Fortschritt mitzuentwickeln? Als "Grottenneugierig" bezeichnet sich die Usinger Blutspurenanalystin Silke Brodbeck. Für DNA-Analytiker Schneider ist sein Beruf vielmehr Berufung. Allen ist gemein, dass sie zwar auf ihre Art und Weise und in ihrem Metier "ein Haufen ziemlicher Individualisten" sind, wie es Prof. Reinhard Dettmeyer, Institutsleiter der Gießener Rechtsmedizin, umschrieb, allerdings stelle die Forensik "keine Bühne für Solotänzer" dar, so Brodbeck. Individuelle Stärke muss jeder mitbringen, Platz für Egoisten gibt es aber nicht. Denn die Zusammenarbeit zwischen Polizei, Staatsanwaltschaft, Gerichtsmedizin und Spezialisten wie Brodbeck oder Schneider ist für die Ermittlungen unerlässlich und erstreckt sich mittlerweile, wie im Falle der DNA-Datenbank, über ganz Europa.

Den einfachen Weg zur Aufarbeitung und letztlich zur Aufklärung einer strafrechtlich relevanten Tat gibt es dabei nicht - das machten alle Protagonisten stets deutlich. Kein allwissender Professor Boerne, der im ARD-Tatort ohne Auftrag und damit auf eigene Faust mit sämtlichen zur Verfügung stehenden technischen Hilfsmitteln einen Fall in kürzester Zeit löst. Kein "Dexter" Morgan, der mittels Blutspuren den Fall alleine löst und gleichzeitig noch alle vermeintlichen Tricks der ermittelnden Kollegen kennt, um selbst mehrfach den "perfekten Mord" zu begehen. Boerne und Dexter bleiben ein Konstrukt der fiktiven Film- und Fernsehwelt.

Der "perfekte Mord" wird durch die Arbeit der Spezialisten mehr und mehr zum Mythos. Denn in der Realität fügen Polizisten, Gerichtsmediziner, Blutspurenanalysten und DNA-Analytiker genauso wie Kriminalbiologen, forensische Ballistiker, digitale Forensiker und forensische Linguisten mit ihrer Arbeit die Mosaikteilchen in das Große und Ganze ein - geben mit ihrer Arbeit den "Stillen Zeugen" eine Stimme und verschaffen diesen auf der Spur zum Täter und im Gerichtsverfahren Gehör.

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Sprachliche Feinheit

Im Fall des im Vogelsbergkreis entführten Milliardärssohn Markus Würth wurde ein Tatverdächtiger mit Hilfe der forensischen Linguistik ermittelt. Bei dem Versuch, Lösegeld zu erpressen, hatten Spezialisten Telefonat-Mitschnitte angefertigt. Die Auswertung dieses Sprachgutachtens sei für den Fahndungserfolg mitentscheidend gewesen. "Seine Stimme ist unser zentrales Beweismittel. Sie gehört mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit dem Beschuldigten", so Daniel Muth von der Kriminaldirektion Osthessen gegenüber dpa. Die forensische Linguistik beschäftigt sich laut Sprachprofiler Raimund Drommel sowohl mit der Identifikation von Stimmen als auch mit der Auswertung von Texten (Bekennerschreiben, Abschiedsbriefen bei Suizid, Droh- und Erpresserbriefen). Sprachliche Besonderheiten können den Täterkreis aber lediglich eingrenzen, weil sie sich nicht völlig eindeutig einer Person zuordnen lassen. Außerdem sei Sprache im Gegensatz zu einem Fingerabdruck veränderbar, ein Stimm- oder Sprachabdruck ist daher kein eindeutiger Beweis. (cdc)

Verbrechen im Netz

Die Spurensuche und -analyse bei der Verbrechensaufklärung beschränkt sich nicht nur auf die reale Welt. Spuren hinterlassen Täter auch im digitalen Raum. Diese auszuwerten, ist bei der hessischen Polizei Aufgabe der sogenannten digitalen Forensiker. Sie sind laut Kriminaloberrätin Madlen Weyhrich vom hessischen Landeskriminalamt dort seit mehr als 20 Jahren etabliert. Sowohl Polizeibeamte als auch Informatiker üben diesen Beruf aus und werden durch die Teilnahme an Speziallehrgängen und Fortbildungen stetig auf den neuesten Stand der Technik (Betriebs- und Dateisysteme, Internet-Artefakte) gebracht oder gehalten und zudem in speziellen Anwendungen zur Datenträger- und Mobilfunkauswertung geschult. Ihre Aufgaben erstrecken sich über die Sicherung von Datenträgern, die Aufbereitung und gegebenenfalls die Wiederherstellung bis hin zur Analyse dieser Daten. Auch sie ermitteln nie "auf eigene Faust", sondern werden erst bei einem Verdacht auf Antrag der Polizei oder der Staatsanwaltschaften und den Gerichten tätig. (ija/tig)

Krabbelnde Hinweise

Auch Insekten können bei der Verbrechensaufklärung helfen, geben beispielsweise Auskünfte zur Leichenliegezeit. Mark Benecke, einer der bekanntesten deutschen Kriminalbiologen, hat sich mit dem Thema ausführlich beschäftigt und festgestellt, dass Leichen in verschiedenen Verwesungsstadien von bestimmten Insekten besiedelt werden. Denn verschiedene Insektenarten werden nur von bestimmten Stadien des Leichenzerfalls angezogen und besiedeln einen Toten deshalb nur eine begrenzte Zeit. Selbst dann, wenn eine Leiche vollständig in Müllsäcke verpackt und mit Klebeband verschnürt gelagert wird. Dabei hinterlassen die Insekten ganz charakteristische Muster. Anhand ihrer unterschiedlichen Entwicklungsstadien lassen die Tiere Rückschlüsse darauf zu, wie lange die Leiche an dem Ort gelegen haben muss. Daher sei es, so Benecke, für Forensiker wichtig, die Wachstumsraten der entsprechenden Insekten zu kennen. Diese können je nach Umweltbedingungen variieren. Selbst Drogen oder Gifte können in den Körpern der Tiere auch dann noch nachgewiesen werden, wenn das Gewebe des Menschen lange schon zersetzt ist. (inf)

Schützenjäger

Um Verbrechen, bei denen eine Schusswaffe zum Einsatz kam, besser aufklären zu können, beschäftigt das Hessische Landeskriminalamt in Wiesbaden speziell ausgebildete forensische Ballistiker. Sie können anhand von Munitionsteilen sagen, ob eine Waffe als Tatwaffe infrage kommt. Außerdem können Ballistiker anhand der Spuren am Tatort den Standort des Schützen, die Schussentfernung, die Schussrichtung sowie die Geschossbahn bestimmen. (atm)

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