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Tötungsabsicht nicht feststellbar

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Weil er bei einem Polizeieinsatz in seiner Wohnung eine Armbrust abgefeuert hat, war ein Mann aus dem Kreis Gießen wegen versuchten Totschlags angeklagt. Nun gab es das Urteil.

Kreis Gießen (jmo). Fünf bis zehn Sekunden - länger dauerte das Geschehen nicht. Am Ende wurde ein Armbrustpfeil abgefeuert, vermutlich gen Zimmerdecke. Gespannt und entsichert hatte den Bogen ein 47-Jähriger aus einer Kreisgemeinde, als im September 2021 ein Polizeiaufgebot vor seiner Wohnungstür stand.

Vor dem Landgericht Gießen musste sich der Mann nun wegen versuchten Totschlags verantworten. Doch von dem Anklagevorwurf blieb letztlich wenig übrig. Wegen des Widerstands gegen Vollstreckungsbeamte und Verstoßes gegen das Waffengesetz verhängte die Schwurgerichtskammer am Mittwoch eine Freiheitsstrafe von zwei Jahren und drei Monaten. Zuvor hatte die Staatanwaltschaft in ihrem Plädoyer noch den Tötungsvorsatz des Angeklagten bejaht, die Verteidigung hingegen eine Bewährungsstrafe gefordert. »Dass er den Schuss bewusst ausgelöst hat, ist nicht mit der erforderlichen Sicherheit feststellbar«, sagte die Vorsitzende Regine Enders-Kunze in der Urteilsbegründung. Eine große Rolle spielte demnach die Angststörung des Mannes, der zuletzt in völliger sozialer Isolation lebte.

Seit rund anderthalb Jahren habe der 47-Jährige niemanden mehr in seine Wohnung gelassen und sich komplett abgeschirmt. Die Angst vor Menschen war bereits vorher ein ständiger Begleiter, 40 Mal musste der Mann seine Arbeitsstelle wechseln. Zuhause lebte er eine recht konträreSammelleidenschaft aus. »Das Sammeln von Waffen und Teddybären sollte Schutz und Geborgenheit geben«, fasste die Richterin zusammen. Dass er am Tattag mit gezückter Armbrust samt Laser-Zielvorrichtung die Tür aufriss, hatte dem geständigen 47-Jährigen zufolge mit einem früheren Vorfall zu tun. Eine Verwandte sei von Einbrechern ermordert worden, schrieb er in einem Brief an die Vorsitzende.

Der psychiatrische Sachverständige konnte nicht ausschließen, dass in diesem Moment die Steuerungsfähigkeit des Mannes zum Teil aufgehoben war. Enders-Kunze führt außerdem an, dass der 47-Jährige von den Beamten sekundenschnell zurückgedrängt und überwältigt wurde. Vor diesem Hintergrund sei »mehr als fraglich«, dass er die Kontrolle über die Waffe behalten habe. »Sie haben ein Gerät eingesetzt, das zu lebensgefährlichen Verletzungen führen kann«, so die Richterin in Anlehnung an das Waffen-Gutachten eines LKA-Spezialisten. »Mit dieser Schuld würden Sie nicht leben wollen.«

Die Staatsanwaltschaft argumenmtierte, der Angeklagte habe durch sein Verhalten den Tod eines Menschen billigend in Kauf genommen. »Er wollte schießen, um die Wohnungsdurchsuchung zu verhindern«, hieß es im Schlussvortrag - verbunden mit der Forderung nach einer Haftstrafe von drei Jahren und acht Monaten.

Am Tattag sollten sechs Polizeibeamte einen Gerichtsvollzieher in die Wohnung des Angeklagten begleiten, da es bei vorherigen »Besuchen« bereits zu Problemen gekommen war. Eine zunächst angenommene Zugehörigkeit zur Reichsbürgerszene bestätigte sich in dem Prozess nicht.

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