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Toxische Beziehung

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Vor dem Landgericht wird die Tötung der Ehefrau in Harbach verhandelt. Archivfoto: dpa © Red

Ein 65-Jähriger ist des Mordes angeklagt. Jetzt sprachen seine Stieftöchter über die toxische Beziehung zwischen ihrer Mutter und ihm.

Kreis Gießen (bcz). Als sich die 48-jährige Mutter am 29. Dezember 2021 kurz nach 19 Uhr von ihrer 27-jährigen Tochter verabschiedet, ahnten beide nicht, dass sie sich zum letzten Mal lebend sehen würden. Wenige Stunden später wurde die 48-Jährige mit einer Maschinenpistole von ihrem Noch-Ehemann erschossen. Der steht jetzt wegen Mordes vor Gericht. In der gleichen Nacht stellte sich der Täter der Polizei.

Als Tatmotiv nimmt die Staatsanwaltschaft an, dass der Ehemann die Trennung nicht akzeptieren wollte. Ein 65-jähriger gebürtiger Kasache mit deutschem Pass muss sich daher wegen Mord aus niederen Beweggründen und wegen des Verstoßes gegen das Kriegswaffenkontrollgesetz und dem unerlaubten Waffenbesitz vor der Fünften Strafkammer des Landgerichts Gießen verantworten.

Gestern kamen die beiden Töchter der Getöteten zu Wort. Sichtlich bewegt, manchmal mit den Tränen kämpfend, schilderte die 27-Jährige wie sie die letzten Stunden mit ihrer Mutter verbrachte. Sie standen sich sehr nahe, wurde in der Aussage der Tochter deutlich, die selbst Kinder hat. Fast täglich habe man sich gesehen, telefoniert oder über WhatsApp kommuniziert.

Sie bezeichnete das Verhältnis zwischen ihrer Mutter und ihrem Stiefvater als toxisch. Die Getötete hatte insgesamt drei Kinder aus einer früheren Ehe. Nach der Scheidung lebten die beiden Mädchen bei der Mutter, der Sohn blieb beim Vater. Als Scheidungsgrund nannte die 29 Jahre alte Schwester Alkoholprobleme des Vaters.

2005 habe die Beziehung zu dem späteren zweiten Ehemann begonnen. Sie seien alle zu ihm nach Reiskirchen gezogen. Doch die Beziehung stand wohl von Anfang an unter keinem guten Stern. »Er ist wegen jeder Kleinigkeit explodiert«, unterstrich die Jüngere. Beide Frauen berichteten unisono immer wieder von Gewalt gegen die Mutter. Einmal sei sie mit einem blauen Auge von einem Wochenendtripp nach Hause gekommen. Auf Nachfrage habe sie geantwortet, dass sie ausgerutscht sei.

Geschlagen und gewürgt

Erst viel später hätte sie ihren Töchtern die Wahrheit gebeichtet, der Angeklagte hatte ihr ins Gesicht geschlagen. Ein anderes Mal ging die ältere Tochter bei einem Streit dazwischen. Die Mutter sei am Hals gepackt und an die Wand gedrückt worden.

Daraufhin lief die andere verängstigte Tochter zu Nachbarn, die wiederum die Polizei verständigten. Die Ermittlungen verliefen im Sande, weil die Mutter die Anzeige zurückzog. 2016 zog die Frau, die als Altenpflegerin arbeitete, mit der jüngeren Tochter von zu Hause aus, mietete für sich und ihre jüngere Tochter eine eigene Wohnung in Reiskirchen. »Das hat er nicht akzeptiert, hat sie regelrecht verfolgt, auch bis zu ihrer Arbeitsstelle«, sagte eine der Töchter.

In dieser Wohnung habe er ihr auch den Heiratsantrag gemacht. Ihre Mutter habe aus Angst Ja gesagt, weil er ein »Nein« nicht akzeptiert hätte. »Er hat wohl alles schöngeredet«, ergänzte die 27-Jährige. »Wir haben immer befürchtet, dass einmal etwas passieren würde. Dass er jedoch im Stande ist, sie umzubringen, das haben wir nicht geglaubt«, betonte die Ältere vor Gericht. Er sei sehr eifersüchtig gewesen und habe entsprechend aufbrausend reagiert, wenn ihre Mutter nur einmal zu jemand anderem hingeschaut habe.

»Da war aber nie etwas«, versicherten beide, auch verneinten sie die Frage nach einer möglichen Beziehung nach der Trennung im Juli 2021.

Über die Hintergründe zu der endgültigen Trennung 2021 wusste die 27-jährige Tochter nur zu berichten, dass der Angeklagte auf einmal begonnen habe, sie komplett zu ignorieren und ihr auszuweichen. Er sei tage- und wochenlang überhaupt nicht mehr nach Hause gekommen. Sie hätten lange Zeit überhaupt nicht gewusst, wo er eigentlich wohnen würde.

Die Mutter wollte irgendwann die Gewalttätigkeiten nicht mehr ertragen. Im November 2021 kam es erneut zu einem Vorfall, den die Frau zur Anzeige brachte und aufgrund dessen das Amtsgericht ein Kontaktverbot aussprach, an das sich der Angeklagte aber nicht wirklich gehalten habe.

An Weihnachten wendete sich wohl das Blatt erneut. Gefeiert wurde bei der jüngeren Tochter. Der Stiefvater habe für seine Frau wohl kochen wollen. Das habe sie abgelehnt. Allerdings habe er ihr wohl Blumen vorbeigebracht. Am 26. Dezember hatte die Altenpflegerin ihrer Tochter eine WhatsApp-Nachricht geschickt, dass sie und ihr Noch-Ehemann sehr lange geredet hätten.

Mutter glaubte an Versöhnung

Am 29. Dezember bei ihrem letzten Besuch nachmittags, erhielt sie einen Anruf von ihrem Ex-Mann, der fragte, wann sie nach Hause kommen würde. »Das Gespräch hatte einen ganz normalen Tonfall. Es hörte sich an, als ob er auf sie zu Hause warten wolle«, erinnerte sich die Tochter.

Außerdem berichtete sie ihrem Kind, dass sie sich versöhnt hätten und gemeinsam über Silvester wegfahren wollten. Wenige Stunden später war die Mutter tot.

Der Prozess wird fortgesetzt.

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