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Trost in einer Welt des Wesentlichen

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Musik und Politik kommen bei einem besonderen Konzert in der Petruskirche zusammen. Foto: Schultz © Schultz

Musik und Politik: Bundestagsvizepräsidentin Katrin Göring-Eckhardt spricht in Gießener Petruskirche über den Krieg in der Ukraine

Gießen . Musik und Politik fanden in einem besonderen Konzert am Samstag in der sehr gut besuchten Petruskirche zusammen. Bundestagsvizepräsidentin Katrin Göring-Eckardt hielt in einer Aufführung einer Bach-Kantate einen Vortrag zum Krieg in der Ukraine. Es musizierten die Petruskantorei Gießen und das Main-Barockorchester Frankfurt mit vier Solisten unter Leitung Marina Sagorskis. Das Publikum war höchst angetan.

Gabriele Hierdeis (Sopran), Dmitry Egorov (Countertenor), Clemens Löschmann (Tenor) und Raimonds Spogis (Bass) setzten die solistischen Glanzlichter des rundum gelungenen Konzerts mit Johann Sebastian Bachs Kantate 21 »Ich hatte viel Bekümmernis«, in die Göring-Eckardt zwei Wortbeiträge zum Thema »Krieg in der Ukraine« einfügte.

»Musik und Politik haben viel miteinander zu tun«, sagte Gerhard Schulze-Velmede, Vorsitzender des evangelischen Dekanats Gießen, in seiner Begrüßung und erwähnte »die gemeinschaftsfördernde Wirkung des Musizierens«.

Bachs Kantate greife viele dunkle Gefühle auf, wende sich am Ende jedoch zum Licht. Seine Musik besitze eine nach außen gewandte Intention. Der Auftakt des Konzerts geriet rundum erfreulich: würdevoll, getragen, transparent und melancholisch. Die Kantorei realisierte ihren Beitrag mit guter Geschlossenheit und Stabilität und entfaltete die bedachtsame Stimmung nach der glänzenden Eröffnung durchs Barockorchester weiter.

Sopranistin Gabriele Hierdeis setzte das erste Glanzlicht. Sie musizierte ganz sacht, lieblich und zurückhaltend, geradezu verheißungsvoll. Countertenor Dmitry Egorov setzte sich gemeinsam mit der Kantorei überzeugend in Szene. Sicher, ganz klar artikuliert und mit einer außergewöhnlichen schönen Stimme bereicherte er das Geschehen. Auch Tenor Clemens Löschmann machte eine gute Figur, er musizierte kraftvoll natürlich, rund und wohlklingend. Nicht zuletzt erwies sich Bassist Raimonds Spogis als Bereicherung und überzeugte mit klarer Artikulation und angenehmem, tragfähigem Vortrag. Die mehrfache Synthese aller vier Solisten erwies sich als besonderes Erlebnis und große Attraktion.

Propsteikantorin Marina Sagorski führte Orchester und Chor souverän, häufig nur mit den Fingerspitzen, und erzielte ganz durchsichtige, präzise Klangergebnisse; beachtlich. Die Kantorei machte insgesamt einen exzellenten Eindruck und überzeugte eindrücklich insbesondere mit ihrer geschlossenen, transparenten Musizierweise.

Musik aus einem Guss

Das Main-Barockorchester präsentierte sich mit vorzüglicher Geschlossenheit, einem überzeugenden barocken Duktus und hoch gelungenen solistischen Leistungen als großer fugenloser Musikgenuss.

Wesentlich war beim Ganzen die spürbare, überzeugend gestaltete Richtungsänderung von der Melancholie zur Zuversicht, die so bei aller Nachdenklichkeit einen konkreten Musikgenuss zur Folge hatte, den das Publikum mit sehr anhaltendem Beifall quittierte.

Die Grünen-Politikerin Katrin Göring-Eckardt ist Bundestagsvizepräsidentin und Synodale im Kirchenparlament der Evangelischen Kirche in Deutschland. »Die Musik soll nicht hart mit der Politik konfrontiert werden«, sagte sie eingangs zum Stil des Abends und lobte die »einzigartige Zugewandtheit« des Bachschen Werks, das sie in den Zusammenhang mit dem Klagen und Weinen des ukrainischen Volkes stellte. »Wieviel Kraft unsere Nachbarn und Freunde haben, davor können wir uns nur verneigen. Unsere Verluste, egal wo sie sind und ob sie mit diesem Krieg zu tun haben, sind unendlich viel kleiner.« Der russische Angriff habe im ukrainischen Volk eine Stärke und einen europäischen Patriotismus hervortreten lassen, die schier unermesslich zu sein scheinen.

»Nur zusammen werden wir stark genug sein, nicht nur die äußeren sondern auch die inneren Feinde zu bekämpfen«, zitierte sie eine aus der Ukraine Geflüchtete. Sie sagte weiter: »Zu aller humanitären Hilfe aus ganz Europa gehört auch unsere militärische Solidarität. Dazu gehören auch Waffenlieferungen. Auch der biblische Pazifismus ist kein naiver Pazifismus, der den wehrlosen Nächsten sehenden Auges einem tollwütigen Angreifer überlässt, sondern einer, der dem zur Seite steht, der unter die Räuber gefallen ist.« Die Ukraine gehöre zur europäischen Familie und müsse so schnell wie möglich eine Beitrittsperspektive erlangen.

Putins völkerrechtswidriger Angriffskrieg verlange Solidarität mit der Ukraine, »und damit ist verlangt, auch Nachteile, Einschränkungen und Verluste hinzunehmen. Sie sind viel kleiner als das, was unser Nachbarvolk erlebt, und doch kümmern und belasten sie uns. Es ist meine Hoffnung, dass wir getröstet leben können in einer Welt des Weniger aber eben auch des Wesentlichen. Wir können das nur gemeinsam.« Göring-Eckardt erhielt für ihre Rede heftigen Beifall.

Das Finale mit allen Solisten betonte dann erneut die Schönheit der barocken Komposition und bestätigte den Eindruck eines rundum hörenswerten Konzerts.

Foto: Schultz

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Katrin Göring-Eckhardt © Heiner Schultz

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