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Ungeliebte Zettelwirtschaft

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Für jedes Brötchen gibt’s ein Zettelchen. Nicht jeder ist gücklich über die Bonpflicht. Symbolfpto: dpa © Red

Auch zwei Jahre nach der Einführung ist die Bonpflicht immer noch umstritten Wir haben bei Betrieben im Landkreis Gießen nachgefragt.

Kreis Giessen . Einen Kassenbeleg selbst beim Kauf einer Semmel oder Kugel Eis - der Beginn der Bonpflicht vor zwei Jahren trieb Unternehmer bundesweit auf die Barrikaden. Mit der zum 1. Januar 2020 eingeführten Kassenbon-Pflicht wollte der Staat Steuerhinterziehung erschweren.

Seither muss dem Kunden für jeden Einkauf, von großen bis hin zu Cent-Beträgen, ein Kassenzettel ausgehändigt werden. Betroffen sind alle Bereiche des Einzelhandels, die mit elektronischen Kassen arbeiten, angefangen vom Bäcker, Fleischer über Friseure, Wochenmarktstände, Taxis bis hin zur Gastronomie mit ihren Restaurants, Kneipen, Cafés und Imbissständen.

Zweite Stufe

Weitgehend unbemerkt vom Verbraucher ging ab 1. März 2021 die zweite Stufe der Kassensicherungsverordnung an den Start: Alle elektronischen Kassen müssen nun mit einer zertifizierten TSE (Technische Sicherheitseinrichtung) bestehend aus den drei Grundelementen Sicherheitsmodul, Speichermedium und digitale Schnittstelle, die lückenlos und unveränderbar alle Kassenvorgänge aufzeichnet, ausgerüstet sein und automatisch mit jeder Buchung einen Bon ausspucken.

In Zeiten des Klimawandels spricht der Deutsche Handelsverband von rund zwei Millionen Kilometer zusätzlichem Bonpapier pro Jahr, das im Falle von benutztem Thermopapier sogar in der grauen Tonne statt als Altpapier entsorgt werden muss. Und die Bons werden immer länger, da viele Unternehmen sie als Werbeträger für ihre Angebote nutzen. Seit der Einführung bis heute, zwei Jahre später, steht die Bonpflicht weiter in der Kritik und ihr Nutzen ist umstritten. Zwar hat Corona das einstige Aufregerthema aus den Schlagzeilen verdrängt, und Händler sowie Kunden haben sich mit der ungeliebten Bonpflicht arrangiert, aber der Großteil der Kunden nimmt den Bon nicht mit. Die Händler bleiben notgedrungen auf Unmengen zurückgewiesener Bons sitzen oder haben sich zunehmend einer digitalen Handy-gestützten Lösung zugewandt.

»Nein, Danke« - das hört man in der Hungener Bäckerei-Filiale Papperts fast von jedem Kunden und Thomas Bertz, Leiter Kommunikation und Marketing, erklärt: »Unsere Kassen bieten dem Kunden im Display einen QR-Code an, der sich mit jedem Handy problemlos und schnell auslesen und als PDF-Datei speichern lässt. Wir sind also vom Papier weg und drucken die Bons nur noch auf Nachfrage aus. Trotz dieser umweltfreundlichen Lösung wollen 95 bis 98 Prozent der Kunden keinen Bon, weder digital noch auf Papier«. Bei Papperts mit seinen 142 Filialen und rund 1600 Mitarbeiters werden alle Kassendaten auf betriebseigenen Servern verwaltet und sind so jederzeit einseh- und auswertbar.

QR-Code eingeführt

Aber auch viele kleine Betriebe wie die Bäckerei Röhm in Lich haben in der Zwischenzeit auf QR-Code umgestellt. »Seit letztem Jahr haben wir eine elektronische Kasse mit QR-Code. Allerdings hat bisher kaum ein Kunde nach dem QR-Code gefragt oder ihn benutzt, und die ausgedruckten Papier-Bons nehmen nur Leute mit, die für Kollegen, Freunde oder ältere nicht mehr so mobile Menschen mit einkaufen«, weiß die Verkäuferin zu berichten.

Bei den Fleischereien hat sich durch die Bonpflicht nicht viel geändert. »Da wir alles wiegen müssen, gab es bei uns schon immer Bons für die Kunden. Unsere Waagen sind alle geleast und werden alle drei Jahre gegen das neueste Modell getauscht. Die Speicherung über das Internet und Aufarbeitung der Daten haben wir einer externen Firma übergeben«, gibt sich Jutta Stein, Miteigentümerin der alteingesessenen Licher Metzgerei Stein gelassen. Aber trotzdem wartet hier eine Besonderheit: Die Metzgereikunden nehmen die Bons fast ausnahmslos mit nach Hause.

»Nee, lieber net«

Die Kneipenszene kämpft derweil mit Müllsäcken voller Bons. Für jedes Bier, jeden Schnaps wird ein Bon fällig - und kein Kunde will ihn haben. Ein Kunde im Hungener »Piano« meint lakonisch »Ich will doch am nächsten Tag gar nicht wissen, was ich bezahlt und wie viel ich getrunken habe - nee, lieber net«.

Da wandern also die Bons von der neuen elektronischen Kasse gleich in den Müll. Nicht anders ist die Lage im Licher »Statt Gießen«. Die Tochter von Pächter Hans-Jürgen Schäfer »Jogi« Schäfer klagt ebenso über die Bonflut. »Wir können dem Gast doch nicht für jedes Bier einen Bon überreichen. Die einzelnen Bons fliegen gleich in den Müll und wir sammeln alle Beträge in der elektronischen Kasse bis der Gast gehen will. Dann bekommt er einen »Sammelbon«, also eine Gesamtabrechnung«.

Der Bundesvorsitzende der Deutschen Steuer-Gewerkschaft DSTG, Thomas Eigenthaler, steht voll hinter der Bonpflicht. »Alles dreht sich um Steuerehrlichkeit im Bereich der Bargeldgeschäfte. Immerhin schätzt der Bundesrechnungshof, dass durch nicht registrierte Bargeldumsätze dem Staat und damit uns Bürgern pro Jahr etwa zehn Millionen Euro an Steuereinnahmen entgehen. Das sind keine ›Peanuts‹.

Im Kern geht es darum, dass Unternehmer ehrlich und fair Steuern zahlen. Mit der Bonpflicht weiß der Kunde, dass er in einem steuerehrlichen Unternehmen einkauft, alles transparent, manipulationssicher und jederzeit nachverfolgbar ist«.

Er selber sei es von Jugend auf gar nicht anders gewohnt, denn bei Einkäufen hätten seine Eltern immer den Bon verlangt. Auch heute würde er den Bon stets mitnehmen und überprüfen, denn manchmal wären Sonderangebote nicht mitgebucht oder statt der drei eben vier Brötchen berechnet.

»Ich verstehe nicht, dass die Kunden den Bon nicht wollen, und es sie nicht interessiert, ob richtig abgerechnet wurde. Schließlich ist es doch ihr sauer verdientes Geld, was da weg geht«, wundert sich Eigenthaler, gibt aber zu: »Konkrete Zahlen, inwiefern Steuerhinterziehungen vermieden werden konnten, gibt es nicht. Da sich solche Taten im Verborgenen abspielen, existiert ein großes Dunkelfeld und das Finanzamt hat aufgrund von Corona seine Nachschauen herunter gefahren, damit sind auch Schätzungen kaum möglich«.

Sven Rohde, Hauptgeschäftsführer des Handelsverbandes Hessen, dagegen plädiert für die Abschaffung der Bonpflicht und begründet das auch: »Die Bonpflicht ist ein enormer bürokratischer und finanzieller Aufwand, der aufgrund der immensen Papierflut auch jeder Nachhaltigkeit spottet.

Die neuen Kassen mit TSE-Modul sind manipulationssicher, die Daten können nicht eigenmächtig gelöscht oder geändert werden«. Die Studien zur Höhe der Steuerhinterziehungen seien im Ausland gemacht worden und so nicht auf Deutschland anwendbar. »Da geraten Millionen Unternehmer unter Generalverdacht«, das gehe gar nicht.

Rohde schlägt vor, dass der Finanzminister die derzeitig gültige Bonpflicht noch mal zur Diskussion stellt, und gibt zu bedenken, »in Frankreich wurde die Bonpflicht gerade wieder abgeschafft, weil sie unter dem Strich nichts bringt«.

Dagegen wären in Hessen alle rund 644 Anträge auf eine gesetzlich mögliche Befreiung wegen Unzumutbarkeit abgelehnt worden.

»Ein Unding«

Stefan Körber, Geschäftsführer vom Bäckerinnungsverband Hessen, bläst ins gleiche Horn. »Eine Kasse mit TSE ist ausreichend, um Betrügereien unmöglich zu machen. Zudem: Wie soll das gehen? Der Bäcker kann ja schlecht seine Verkäuferinnen auffordern, falsche Beträge in die Kasse einzutippen. Der Staat misstraut anscheinend jedem seiner Bürger. Wer kontrolliert denn bei jeder Autofahrt, ob der Fahrer einen Führerschein hat? Durch die Bonpflicht soll der Kunde die staatliche Aufgabe der Kontrolle mit übernehmen. Für mich ein Unding«.

Körber weiter: »Wir waren von Anfang an gegen die Bonpflicht, da vorher genau wie jetzt nachher kaum ein Kunde einen Bon will.« Die digitale Lösung mit QR-Code koste zusätzliches Geld, Rohstoffe und Strom seien um rund 10 Prozent teurer, ganz zu schweigen von der angekündigten Mindestlohn-Anhebung.

Gerade kleine Handwerksbetriebe kämen da schnell an ihre Grenzen. Daher schlägt Körber vor, die Bonpflicht zu überarbeiten und unter zehn Euro ganz zu kippen.

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