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Unterschiedliche Meinungen zur Fahrradstraße

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Von: Debra Wisker

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Die Straße zwischen Daubringen und Lollar ist die erste außerörtliche Fahrradstraße im Kreis Gießen. Foto: Wisker © Wisker

Das Versuchsprojekt Fahrradstraße zwischen Daubringen und Lollar läuft seit Mai. Bei einer Zwischenbilanz zeigen sich ganz unterschiedliche Meinungen.

Kreis Gießen . Vorfahrt für Fahrräder - seit dem 14. Mai ist die Kreisstraße (K 29) zwischen dem Staufenberger Stadtteil Daubringen und der Kernstadt Lollar als sogenannte unechte Fahrradstraße ausgewiesen. Das enge Landsträßchen hatte in der Vergangenheit durchaus Konfliktpotenzial, wenn sich hier Autofahrer und Radler in die Quere kamen. So kam die Idee auf, das Versuchsprojekt Fahrradstraße zu starten - bislang übrigens die erste außerörtliche im Kreis Gießen und wie Jens Deutschendorf, Staatssekretär im hessischen Verkehrsministerium, im Mai betont hatte, auch die erste in Hessen. Was unterscheidet nun eine echte von einer unechten Fahrradstraße? Bei der echten sind Autos oder Motorräder tabu, bei der unechten sind sie erlaubt, es gelten jedoch gewisse Regeln, wie etwa ein Tempolimit von 30 Stundenkilometern. Pkw und Motorräder dürfen Radfahrer weder behindern noch gefährden. Der Versuch läuft nun seit rund einem halben Jahr. Zeit also, eine Zwischenbilanz zu ziehen.

Wie Christian Zuckermann (Grüne), hauptamtlicher Kreisbeigeordneter, auf Anfrage des Anzeigers erklärte, wird die Strecke von den Radlern gut angenommen. »Der Verkehrsversuch soll verlängert werden. Ein Enddatum wird hierbei nicht festgeschrieben, da es grundsätzlich um die zu beobachtende Entwicklung geht. Hierbei sind nicht nur die tatsächlichen Fahrzeugzahlen relevant, sondern auch die positive Prognose. Solange es eine positive Entwicklung gibt, gilt es diese zu unterstützen, um Verkehrssicherheit, Klimaschutz und geändertes Mobilitätsverhalten auch weiterhin zu stärken«, betonte Zuckermann,

Rückmeldungen positiv

Vor dem Verkehrsversuch sei der Verkehr stichprobenartig gezählt worden. Deswegen könnten auch keine Angaben über eine Steigerung der Nutzung getroffen werden. Die Rückmeldungen von einzelnen Radlern, aber auch dem Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Club seien positiv zu werten. »Gleichwohl möchte ich nicht verschweigen, dass es auch gegenteilige Stimmen gibt. Manche Pkw-Nutzer finden die neue Fahrradstraße unnötig, mancher Radfahrer fühlt sich unsicher, wenn Autos sich nicht an die Verkehrsregeln halten. Insgesamt funktioniert die Straße aber wie beabsichtigt.«

Der Verkehrsversuch finde zudem überregional Beachtung, erklärte der Kreisbeigeordnete. Jede Veränderung benötige ausreichend Zeit, um einen Gewöhnungsprozess zu erzielen. Deswegen biete es sich an, den Verkehrsversuch fortzuführen und mit Blick auf eine Verbindung zwischen dem Lumdatal und dem Lahnradweg anzupassen.

Es stellt sich die Frage, ob Autofahrer die K 29 nun eher meiden oder ob sich in dieser Hinsicht nichts verändert hat. Zuckermann wies auf eine Zählung kurz vor Projektstart hin. Anhand dieser Zählung im Vergleich zu einer Zählung im September scheine die Anzahl der Fahrzeuge etwa gleich zu sein.

Messungen hätten gezeigt, dass sich der größte Teil der Autofahrer mit deutlich reduzierter Geschwindigkeit auf der Strecke bewege. »Leider gibt es auch Ausnahmen. Aber es hat eine signifikante Entschleunigung stattgefunden, was sehr zu begrüßen ist.« Das biete deutlich mehr Sicherheit für die schwächeren Verkehrsteilnehmer. Das Konstrukt »Fahrradstraße« führe zu einer erhöhten Aufmerksamkeit und somit zu mehr Sicherheit.

Zuckermann kann sich durchaus vorstellen, dass diese Landstraße zu einer dauerhaften Fahrradstraße wird. »Wie gesagt, sollte eine schnelle Route für Alltagsradler aus dem Lumdatal nach Lollar/Gießen geschaffen werden. Zwischen Treis und Mainzlar wird Hessen Mobil entlang der Lumda einen Alltagsradweg ausbauen. Die K 29 wird die Fortsetzung werden. Mit einer geschickten Innerortsführung in Lollar könnte man somit eine neue Achse generieren, die den Lahnradweg mit dem Lumdatal verbindet. Insofern ist es denkbar, dass die K 29 dauerhaft eine Fahrradstraße bleibt«, blickte er über den Versuch hinaus.

Ob dieser Versuch bereits jetzt ein Erfolg ist, bewertete er vorsichtig. Die Erhöhung der Verkehrssicherheit sei positiv zu werten. Die signifikante Geschwindigkeitsreduzierung sei unbestritten. Das Konstrukt »Fahrradstraße« außerorts sei nicht nur im Landkreis neu, sondern hessen- und bundesweit. »Gemessen daran funktioniert die Fahrradstraße gut, auch wenn es einen noch größeren Gewöhnungsprozess geben sollte.« Ein Versuchszeitraum müsste nach seiner Ansicht allerdings deutlich länger als sechs Monate sein. Evaluationen aus anderen Verkehrsversuchen zeigten eindeutig, dass Veränderungen auch nach Jahren noch stattfänden. »Insofern ist es deutlich zu früh, um den gesamten Versuch als erfolgreich oder nicht erfolgreich zu bewerten«, meinte Zuckermann.

Geteilte Stimmen

Staufenbergs Bürgermeister Peter Gefeller (SPD) berichtete von geteilten Stimmen aus der Bevölkerung. »Es gibt sowohl Radfahrer, als auch Autofahrer, die die Einrichtung der unechten Fahrradstraße auf der K 29 gut finden. Es gibt aber in beiden Lagern auch welche, die sie schlecht finden.« Die größte Sorge bei den Radfahrern sei ihre Angst, von Autofahrern trotz Überholverbot überholt und dabei geschnitten oder bedrängt zu werden. Autofahrer, die die Fahrradstraße ablehnen, hielten diese für überflüssig.

Überrascht habe ihn die Aussage des Jägers Otmar Hauer, dass die Jagdgenossenschaft Daubringen im ganzen Jahr 2022 noch kein einziges von einem Fahrzeug an- oder totgefahrenes Reh oder Wildschwein auf der K 29 zu beseitigen hatte. Das sei in den Vorjahren ganz anders gewesen.

Die Fortsetzung des Projekts macht aus Gefellers Sicht nur dann Sinn, wenn die Fahrradstraße bis in die Ortslage Lollars über die Daubringer Straße, die Schur und den Mühlenhof bis zum Anschluss des Radfernwegs (Lahnradweg) in Richtung Gießen beziehungsweise Bahnhof Lollar verlängert werde. Nutzten möglichst viele Alltagsradfahrer dies, »würde dies sicher die völlig überlastete Marburger und Gießener Straße in der Mitte Lollars entlasten«.

Gefeller nutzt die Straße, wenn er mit dem Fahrrad nach Lollar will. Der Weg sei kürzer und wesentlich schneller. »Ein berechtigter Kritikpunkt ist sicher der, dass sich neben der Fahrradstraße auch der Radweg befindet. Das ist unbestritten so. Ich glaube aber, dass beide Wege ihre Berechtigung für Radfahrer haben, nur halt für unterschiedliche Nutzergruppen.« So sei der Radweg entlang der Lumda sehr gut für Spazierfahrer und Touristen geeignet, die Fahrradstraße auf der K 29 dagegen eher für Berufspendler und den Alltagsradverkehr.

Die reine Fahrzeit von der Vitalen Mitte in Staufenberg über die Fahrradstraße zum Lollarer Bahnhof sei circa fünf Minuten kürzer als über den Radweg entlang der Lumda. Das wisse er aus eigener Erfahrung. Für den Berufspendler sei eine Zeitersparnis von fünf Minuten sicher ein Argument. »Hinzu kommt, dass die K 29 deutlich breiter als der Radweg ausgebaut ist. Es sind keine gefährlichen Wurzeln eingewachsen, dort befindet sich keine Steigung und sie hat auch keine sehr engen Kurvenradien, die Radfahrer zur drastischen Reduzierung ihrer Geschwindigkeit zwingen«, schilderte der Bürgermeister.

All diese Einschränkungen finde man auf dem Radweg entlang der Lumda vor. Hinzukomme dort noch der »Begegnungsverkehr« mit freilaufenden Hunden und Fußgängern. »Wobei ich hier nicht unerwähnt lassen möchte, dass ich auf dem Radweg auch schon so manch unvernünftigen Radfahrer beobachtet habe, der ohne auf sich aufmerksam zu machen, mit knappstem Abstand an völlig verdatterten Fußgängern vorbeigerauscht ist.«

Beide Wege hätten ihre Berechtigung, meinte der Stauffenberger Bürgermeister. Also solle man der neuen Fahrradstraße eine Chance geben. Ein »immer weiter so« helfe unserer Umwelt nicht wirklich. »Wir müssen auch bei unserer Mobilität ein wenig umdenken und versuchen, mehr Menschen aufs Rad zu bekommen - auch und gerade im Alltag«, erklärte er.

»Allesamt negativ«

Etwas anders klingen die Töne aus Lollar. Bürgermeister Dr. Bernd Wieczorek (parteilos): »Die Stimmen, die ich hierzu gehört habe, waren allesamt negativ. Mir wurde berichtet, dass es auch diesbezüglich in den zurückliegenden Monaten immer wieder zu verbalen Auseinandersetzungen zwischen Rad- und Pkw-Fahrern und hin und wieder zu gefährlichen Situationen kam.« Dies zumeist infolgedessen, dass ein Pkw-Fahrer versuchte, den oder die Radfahrer zu überholen.

Zudem könnten viele Lollarer nicht nachvollziehen, dass man eine Radstrecke ausbaut, wo bereits etwa 100 Meter entfernt parallel dazu ein attraktiver und akzeptierter Radweg verläuft, schilderte Wiezcorek die Reaktionen, die ihm zu Ohren gekommen sind. »Ich persönlich nutze nach wie vor den Radweg im Feld, wenn ich mit dem Rad unterwegs bin. Bin ich mit dem Pkw unterwegs, vermeide ich die Nutzung der K 29 und nehme den Umweg durch Staufenberg in Kauf«, schilderte der Lollarer Rathauschef.

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Im Mai wurde die Fahrradstraße eröffnet. Archivfoto: Scherer © Red

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