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Vermutlich Fluchtmöglichkeiten ausgelotet

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Am gestrigen Prozesstag gab es neue Erkenntnisse über die persönlichen Verhältnisse des irakischen Familienvaters und mögliche Fluchtabsichten schon vor dem versuchten Mord an seiner Frau.

Kreis Gießen (fley). Im Falle des Irakers, der sich vor der Fünften Großen Strafkammer des Landgerichts Gießen wegen versuchten Mordes und Vergewaltigung verantworten muss, gab es am gestrigen Prozesstag neue Erkenntnisse über die persönlichen Verhältnisse des Familienvaters und mögliche Fluchtabsichten schon vor der Tat.

Normal und höflich

Im Mittelpunkt des Prozesstermins standen zwei Männer, die mit dem Angeklagten in den Wochen vor der Tat zu tun hatten. »Ich kenne den Angeklagten gut. Er hat kurzfristig bei uns in der Firma gearbeitet, das war 2019 oder 2020. Er war drei oder vier Monate für uns tätig, und später kam er dann ab und an auf einen Kaffee rein, auch mit seinen Kindern«, schilderte ein 27-jähriger Autoverkäufer aus Lollar. Der junge Mann hatte den Angeklagten rund eine Woche vor der Tat zum letzten Mal gesehen. »Er war ganz normal und höflich, ihm war nichts anzumerken«, attestierte der Autoverkäufer.

Gegenstand der Befragung des 27-jährigen war die Hintergrundgeschichte um einen VW Polo. Dieser wurde im Juni auf dem Gelände des Lollarer Autohändlers abgestellt und sollte verkauft werden.

»Das Auto gehörte dem Angeklagten. Er kam zu mir, um den Kaufvertrag für den Wagen auszufüllen. Aufgrund seiner mangelnden Sprachkenntnisse haben wir ihm dabei geholfen.« Der Wagen sei auf dem Gelände abgestellt worden, da der Autohändler genug Platz habe. »Er wollte das Auto noch reparieren, der Wagen war abgemeldet. Die Papiere, so habe ich später erfahren, befanden sich im beschlagnahmten BMW des Angeklagten«, beteuerte der Zeuge.

Immer wieder Streit

Nach den familiären Verhältnissen gefragt, unterstrich der 27-jährige, dass die Beziehung zwischen dem Angeklagten und seiner Frau schwierig gewesen sei. »Es gab immer wieder Streit zwischen den Kindern und ihrer Mutter. Ich kenne aber wenig Details dazu.« Verteidiger Alexander Hauer teilte mit, dass der Angeklagte keinen Vertrag mit Handschlag abschließen wollte, aus Angst vor Vorwürfen seiner Frau. »Das Opfer hat den Angeklagten beschuldigt, er hätte das Auto kaputtgemacht.«

Mehr Informationen erhoffte sich die Kammer vom zweiten Zeugen. »Ich kenne den Angeklagten durch den Cousin der Frau des Angeklagten«, begann der 46-jährige. Es habe nicht oft Kontakt gegeben, meist sei es um Übersetzungshilfen gegangen. Dann aber habe der Kontakt sprunghaft zugenommen.

»Wir haben dreimal innerhalb von fünf Tagen telefoniert in der Woche vor der Tat. Der Angeklagte fragte, ob er mit seinem Ausweis in den Irak einreisen könne. Er sagte, er wolle unbedingt sein Auto mitnehmen«, so der Bekannte. Zwei Tage vor der Tat habe er den 46-jährigen gefragt, wie er ein türkisches Visum erhalten könne und ob eine Flucht mit seinem Ausweis in den Irak möglich sei. Das verneinte der Bekannte. »Er hat immer für einen Freund gefragt, hat er gesagt. Das Leben, was der Angeklagte in Deutschland habe, wolle er sich nicht versauen, hat er zu mir gesagt«, so der 46-jährige.

Der Bekannte habe von der Trennung des Paares gewusst. »Er hatte Angst, dass er die Kinder abgenommen kriegt. Da habe ich gesagt, er solle einen Anwalt einschalten. Er rief mich dann noch mal an und sagte, er wohnt bei einem Freund und darf sein Kind nicht sehen.«

Der Zeuge hatte gemeinsam mit seiner Ehefrau versucht, zwischen dem zerstrittenen Paar zu schlichten, aber ohne Erfolg. »Beide waren sehr stur, jeder hat das Problem auf den anderen geschoben. Er und seine Frau kamen nicht auf einen Nenner«, schilderte der Bekannte über die Beziehung.

Anklagepunkt zurückgezogen

Der Angeklagte ließ über seinen Dolmetscher ausrichten, dass ein Landsmann in den Irak zurückkehren und sein Auto mitnehmen wollte. Es sei bei den Fragen nicht um ihn selbst gegangen. Den Anklagepunkt der Vergewaltigung zog die Staatsanwaltschaft vorläufig zurück, nun wird ausschließlich wegen versuchten Mordes prozessiert. Die Verhandlung wird fortgesetzt.

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