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Versorgung »massiv gefährdet«

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Von: Frank-Oliver Docter

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Die Praxiskosten sind gerade durch Pandemie und Energiepreise stark angestiegen. Symbolfoto: dpa © DPA Deutsche Presseagentur

Niedergelassene Ärzte protestieren heute auch im Landkreis Gießen mit Praxisschließungen gegen die aktuelle Bundesgesundheitspolitik. Ein heimischer Hausarzt äußert sich zu den Gründen.

Kreis Gießen . So mancher große und kleine Patient wird heute auch im Landkreis Gießen vor den verschlossenen Türen zahlreicher Arztpraxen stehen. Denn der Hausärzteverband Hessen und der Landesverband des Berufsverbands der Kinder- und Jugendärzte haben die niedergelassenen Kollegen recht kurzfristig für den 26. Oktober zu einem Protesttag aufgerufen. Gründe für diese Aktion gibt es mehrere. Allen voran die kürzlich für Kassenärzte neu ausgehandelten Honorarsätze, deren Ergebnis mit einer zweiprozentigen Erhöhung aus Sicht der Verbände viel zu niedrig ausfällt. Durch gestiegene Energiepreise, Inflation, Corona-Pandemie, erhöhte Hygiene-Aufwendungen, Verteuerung von Medizinprodukten und Tarifsteigerungen beim Personal seien nämlich allein »in den letzten drei Jahren die Praxiskosten um 28 Prozent gestiegen«, macht Michael Thomas Knoll im Gespräch mit dem Anzeiger deutlich.

Kritik an Lauterbach

Der Licher Facharzt für Allgemeine Medizin, der zugleich Zweiter Vorsitzender des Hausärzteverbands ist, schätzt, dass sich heute hessenweit etwa zehn Prozent seiner Kollegen an der Protestaktion beteiligen. Der Mittwoch wurde dabei offenbar nicht zufällig ausgewählt. Bekanntermaßen haben an diesem Wochentag die weitaus meisten Arztpraxen nachmittags geschlossen und unterhalten nur vormittags eine Sprechstunde. Dennoch hofft man, damit ein Signal an die Bundespolitik, und hier im Besonderen an Bundesgesundheitsminister Prof. Karl Lauterbach, zu schicken. Dessen Sparpläne sind den heimischen Medizinern ebenfalls ein Dorn im Auge. »Wir sind von ihm enttäuscht«, sagt Knoll und meint damit auch Lauterbachs Ankündigung, die sogenannte Neupatientenregelung zum 1. Januar 2023 ersatzlos streichen zu wollen. Überhaupt erst 2019 eingeführt, hat diese zur Folge, dass Krankenkassen den Praxen die Aufnahme neuer Patienten ohne Abzüge vollständig vergüten müssen.

Aus Knolls Sicht sei »die Wertschätzung« der Bundespolitik für die niedergelassenen Ärzte trotz deren Verdienste während der bisherigen Pandemie »gleich Null«. So habe ihn unter anderem »sehr aufgeregt«, dass er und seine Kollegen die Corona-Prämien für Praxis-Mitarbeiter »aus eigener Tasche« zahlen müssten, während sie Krankenhäusern zur Verfügung gestellt worden wären. Mit dem Protest wollen die Beteiligten nicht nur auf die Situation der Praxen, sondern auch der somit »massiv gefährdeten ambulanten Versorgung der Menschen« aufmerksam machen, ist der Pressemitteilung beider Verbände zu entnehmen.

Weiterer Aktionstag

Der jetzige Protesttag soll im Übrigen nicht der letzte gewesen sein. Das nächste Datum steht mit dem 30. November bereits fest, kündigen der Hausärzteverband sowie die Vertreter der Kinder- und Jugendärzte an. Dann erwartet man eine noch stärkere Beteiligung der niedergelassenen Ärzteschaft. Wobei das Wort »Streik« in diesem Zusammenhang von den Beteiligten tunlichst vermieden wird. Denn streiken im herkömmlichen Sinne, wie dies andere Branchen tun, dürfen die vertraglich gebundenen Kassenärzte nicht. Die Vertragsbedingungen sehen vielmehr neben anderem vor, dass sie wöchentlich für mindestens 25 Praxisstunden öffnen.

Michael Thomas Knoll macht schließlich noch auf ein weiteres Problem aufmerksam, dass es intensiver anzugehen gelte: den zunehmenden Mangel an Ärzten auf dem Land. Der 69-Jährige sucht selbst seit einigen Jahren bislang vergeblich nach jemandem, »der mit in meine Praxis einsteigt«, erzählt er. Doch leider ziehe es junge Mediziner stärker in die Städte, da dort die Verdienstmöglichkeiten in der Regel größer seien, bedauert Knoll und fordert die Zahlung eines Bonus für diejenigen, die sich entscheiden, Landarzt zu werden. Er selbst ist häufig für Hausbesuche auch in kleineren Gemeinden rund um Lich bis hin nach Reiskirchen unterwegs. Angesichts der gestiegenen Spritkosten moniert der Arzt in diesem Zusammenhang, dass die Regelung der von den Kassen gezahlten Wegekosten für solche Patientenbesuche »nach zehn Jahren mal geändert werden sollte«. Gründe für Protestaktionen niedergelassener Mediziner gibt es also genug.

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