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Vier Wochen Jugendarrest

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Das Wetzlarer Jugendschöffengericht sieht den Tatbestand der fahrlässigen Tötung als gegeben an, es habe sich aber nicht um Rücksichtslosigkeit gehandelt. © Berns

Hüttenberg (jeb). Es ist ein Unfall mit schweren Folgen, der sich in der Gemeinde Hüttenberg am 29. Juli 2021 ereignet hat. Vier Jugendliche waren gegen 22.40 Uhr auf der L 3360 unterwegs von Hochelheim nach Rechtenbach. Dabei fuhren sie in einer langgezogenen Linkskurve auf der Gegenfahrbahn und stießen mit einem Motorradfahrer zusammen. Der 51-Jährige aus Großen-Linden verstarb in der Folge noch an der Unfallstelle.

Prozess um fahrlässige Tötung

Der Fahrer des Pkw, ein damals 18-jähriger Fahranfänger aus der Gemeinde Hüttenberg, musste sich jetzt wegen fahrlässiger Tötung vor dem Jugendschöffengericht in Wetzlar verantworten. Im Prozess ging es vor allem um die Frage, warum der Angeklagte bei trockenem Wetter und guter Sicht auf der falschen Seite fuhr. Wie ein Sachverständiger bestätigte, war das Fahrzeug nicht mit überhöhter Geschwindigkeit unterwegs.

Was den Unfallhergang angeht, konnten vor Gericht weder die Einlassungen des Angeklagten noch die Aussagen der drei Mitinsassen wirklich Klarheit bringen. Der Angeklagte wie die Mitinsassen des Pkw, zwei 19-Jährige und ein 17-Jähriger, schilderten übereinstimmend, was im Vorfeld geschah. Demnach waren sie zunächst in einem Supermarkt in Rechtenbach. Von dort fuhren sie erst in den Ortsteil Hüttenberg, später wollten sie dann zurück nach Rechtenbach, um sich an einer Schule mit Freunden zu treffen.

Warum sie dabei auf der L 3360 auf die Gegenfahrbahn fuhren, bleibt rätselhaft. Wie die beiden älteren Zeugen, einer von ihnen der Beifahrer, sagten, hätten sie nicht bemerkt, dass sie sich auf der »falschen« Spur befinden. Der 17-Jährige, der hinter dem Beifahrer saß, meinte, eine Lenkbewegung nach links wahrgenommen zu haben. Der Angeklagte konnte sich nicht erinnern, auf die Gegenfahrbahn gelenkt zu haben. Nach seiner Auffassung sei er ganz normal gefahren.

Übereinstimmend berichteten alle vier Insassen der Mercedes A-Klasse, dass sie das entgegenkommende Motorrad erst kurz vor dem Zusammenstoß bemerkt hätten. »Es war plötzlich da, als sei es vom Himmel gefallen«, hatten die jungen Erwachsenen schon direkt nach dem Unfall bei einer Vernehmung geäußert.

Kurve geschnitten?

Sowohl Jugendrichterin Michaela Friedrich-Rödig, Staatsanwältin Karin Eckhardt als auch Thomas Karl Keul, der als Anwalt der Nebenklage die beiden Söhne des bei dem Unfall Getöteten vertrat, hatten dazu Fragen. Hatte der Fahrer die Kurve vorsätzlich geschnitten oder war er möglicherweise durch die Nutzung eines Mobilfunkgeräts abgelenkt? Beides verneinten die vier Unfallbeteiligten.

Zu Gesprächen im Auto vor dem Unfall gab es unterschiedliche Angaben. Allerdings: Partystimmung habe nicht geherrscht. Und, das bestätigte ein Polizeibeamter vor Gericht: Alkohol oder Drogen waren bei der Fahrt nicht im Spiel. Ebenso ließ sich eine Vermutung bezüglich einer Handynutzung während der Fahrt nicht verifizieren. Auf diese schien der Anwalt der Nebenklage zu setzen. Wie ein weiterer Polizeibeamter aussagte, hätten sich bei der Auswertung der Handys keine Belege gefunden, dass Nachrichten in einem Messengerdienst nachträglich gelöscht wurden.

Notbremsung durch Fahrzeugelektronik

Was den Unfallhergang selbst anging, brachten die Angaben eines Sachverständigen noch einige Details zutage. Herbert Hößler, IHK-Sachverständiger für Unfälle, erklärte, dass der Pkw mit einer Geschwindigkeit von ungefähr 85 Kilometern pro Stunde unterwegs gewesen sei. Das Auto muss sich in der Kurve sehr weit links auf der Gegenfahrbahn befunden haben. Kurz vor dem Zusammenstoß habe die Elektronik des Fahrzeugs die Steuerung übernommen und eine Notbremsung eingeleitet. Solche Fahrerassistenzsysteme würden normalerweise mit einem Signalton vor einer Kollision warnen. Warum weder Fahrer noch Mitinsassen diesen nicht gehört haben, blieb offen. Unmittelbar vor der Kollision müsse es durch den Fahrer eine Lenkbewegung nach links gegeben haben, dadurch sei die Fahrassistenz wieder deaktiviert worden. Der entgegenkommende Motorradfahrer habe durch ein starkes Abbremsen seiner Maschine, bis auf 23 Kilometer pro Stunde versucht, den Zusammenstoß zu vermeiden, sei aber chancenlos gewesen.

Das Gericht sah am Schluss der Verhandlung den Tatbestand der fahrlässigen Tötung als gegeben an. »Sie tragen die Verantwortlichkeit für diesen Unfall, nur Sie hätten diesen verhindern können«, hatte Staatsanwältin Eckhardt zuvor in ihrem Plädoyer zum Angeklagten gesagt. »Was hier für ein Leid ausgelöst worden ist, das ist schon schlimm«, sagte der Anwalt der Nebenkläger, der anprangerte, dass sich der Angeklagte bislang nicht bei den Angehörigen des Verstorbenen entschuldigt hätte. Das tat der junge Hüttenberger, der während der Verhandlung durchaus betroffen, aber auch sehr verschlossen wirkte, jedoch nach den Plädoyers. Der Verteidiger des Angeklagten, Christoph Marschall, sagte, die Umstände, die zum Unfall führten, seien leichtsinnig und ein Wahrnehmungsfehler gewesen. Es habe sich aber nicht um Rücksichtslosigkeit gehandelt.

Hinsichtlich des Strafmaßes spielten schließlich die sozialen Umstände des Fahrers eine Rolle. Der Werdegang des jungen Mannes, der zuletzt eine Ausbildung abgebrochen und bislang keine neue begonnen hat, wurde durch eine Mitarbeiterin der Jugendhilfe erläutert.

150 Stunden Sozialarbeit

Vier Wochen Jugendarrest und 150 Stunden Sozialarbeit lautet schließlich das Urteil. Hinzukommen mehrere Auflagen, die dazu beitragen sollen, den Angeklagten wieder in eine geregelte Tagesstruktur einzugliedern. Er trägt zudem die Kosten der Nebenklage und erhält ein Fahrverbot von neun Monaten. Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig.

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