1. Startseite
  2. Kreis Gießen
  3. Kreis Gießen

Vom Ex angefahren: Prozess geht in zweite Instanz

Erstellt:

landgericht_180222_4c
Am Landgericht Gießen trafen die beiden 26-Jährigen nun erneut aufeinander. Archivfoto: Mosel © Jasmin Mosel

Ein Langgönser hat den neuen Freund seiner Ex angefahren. Das Urteil wollen beide nicht akzeptieren: Der Angeklagte hofft auf Bewährung, das Opfer auf eine Verurteilung wegen Mordversuchs.

Kreis Gießen. Bevor der Vorsitzende Richter die Verhandlung unterbricht, wirft er noch einen prüfenden Blick auf die beiden jungen Männer, die im Saal nur wenige Meter voneinander entfernt Platz genommen haben. Auf der Anklagebank: ein 26-jähriger Langgönser. Vor knapp zwei Jahren hat er den neuen Partner seiner Ex-Freundin mit dem Auto angefahren. Das gleichaltrige Opfer sitzt ihm als Nebenkläger direkt gegenüber. »Besteht die Gefahr, dass Sie in der Pause aufeinander losgehen?«, fragt Dr. Johannes Nink eindringlich. Beide Männer winken ab. Die Wogen scheinen sich zumindest ein wenig geglättet zu haben. Der Angeklagte ist inzwischen mit einer anderen Frau verheiratet und Vater geworden. Vor dem Landgericht Gießen strebt er nun in einem Berufungsverfahren eine Bewährungsstrafe an - und will den Vorfall damit hinter sich lassen. Das Amtsgericht hatte im April vergangenen Jahres eine Freiheitsstrafe von zwei Jahren und drei Monaten verhängt und den Speditionskaufmann der gefährlichen Körperverletzung, des gefährlichen Eingriffs in den Straßenverkehr, der Unfallflucht sowie der Trunkenheit am Steuer schuldig gesprochen.

Versuchter Mord aus Eifersucht

Da die Staatsanwaltschaft dieses Urteil akzeptierte, war die Berufung für den Angeklagten ursprünglich mit wenig Risiko verbunden. Denn wegen des sogenannten »Verschlechterungsverbots« hätte seine Strafe nicht verschärft werden dürfen. Inzwischen ist aber auch der Nebenkläger mit der erstinstanzlichen Entscheidung unzufrieden. Er äußert Bedenken, dass der Angeklagte mit nahezu weißer Weste aus dem Prozess hinausgehen könnte - und möchte deshalb eine Verurteilung wegen versuchten Mordes aus Eifersucht, versuchten Totschlags oder schwerer Körperverletzung erreichen. Somit ist wieder alles offen.

Was sich am 16. April 2020 in Langgöns abgespielt hat, stand nach dem Urteil des Amtsgerichts eigentlich außer Frage. Demnach war der Angeklagte gegen 14 Uhr mit seinem 210 PS starken Golf VI unterwegs, als ihm seine ehemalige Freundin im Pkw ihres neuen Partners entgegenkam. Der 26-Jährige hätte allerdings gar nicht am Lenkrad sitzen dürfen, denn er kam gerade von einer Feier und hatte seit dem Morgen Apfelwein getrunken. Laut späteren Berechnungen lag sein Blutalkoholwert bei rund 1,6 Promille. Als der Langgönser im entgegenkommenden Auto die Frau erkannte, mit der er bis Anfang 2019 insgesamt sieben Jahre in einer Beziehung war, nahm er die Verfolgung auf.

Die Ex-Partnerin wollte ihren neuen Freund von der Arbeit abholen. Als sie auf das Firmengelände fuhr, lenkte der Angeklagte in eine Sackgasse und wendete. Vor ihm auf der Straße stand dann allerdings der neue Partner seiner früheren Freundin, der ihn zur Rede stellen wollte. Anstatt zu stoppen, fuhr der 26-Jährige mit 20 km/h direkt auf den Mann zu. Der sprang auf die Motorhaube, da er nicht mehr anders ausweichen konnte. In diesem Monate beschleunigte der Angeklagte seinen Golf um mindestens 10km/h. Das Opfer wurde dadurch gegen die Windschutzscheibe geschleudert, einen Aufprall mit dem Kopf konnte er gerade noch abwenden. An der Scheibe bildeten sich nach der Kollision »spinnennetzähnliche Risse«, die Handabdrücke des Nebenklägers hinterließen deutliche Spuren. In einer Kurve wurde er dann auf den Straßenrand geschleudert. Das Amtsgericht kam in seinem Urteil zu dem Schluss, dass der Langgönser die Gefährlichkeit seiner Aktion erkannt und somit schwere, sogar lebensgefährliche, Verletzungen billigend in Kauf genommen hatte.

Gesundheitliche Probleme halten an

Einsicht folgte auch danach nicht. Vielmehr ließ der Angeklagte den neuen Freund seiner Ex einfach liegen, fuhr zurück zu seinem Elternhaus und wählte den Notruf. Besonders bitter: Er selbst wollte Anzeige erstatten, da der Kontrahent durch einen Tritt die Windschutzscheibe zerstört habe. Eifersucht als Motiv war von dem Angeklagten bestritten worden. Das Verhältnis zum neuen Freund seiner Ex sei vor der Tat nicht belastet gewesen. So ganz stimmte dies aber offenbar nicht. Einmal hatte er die Reifen am Pkw des Mannes zerstochen. Und nachdem dieses Auto vor dem Haus seiner Ex parkte, schrieb der Angeklagte ihr: »Sieht aus, als hätte der Dreckskanake bei Dir geschlafen.«

Der Nebenkläger leidet bis heute unter den Folgen der Tat. Mehrmals musste er an Hüfte und Hand operiert werden. Da die Knochenenden nach dem Handbruch nicht richtig zusammengewachsen sind, gibt es demnach nur eine »geringfügige Besserung« der Beschwerden, die Drehbarkeit des Handgelenks ist weiterhin sehr eingeschränkt. Seinen eigentlichen Beruf kann der 26-Jährige aktuell nicht ausüben, er ist auf eine Bürotätigkeit umgesattelt.

Der Weg durch die Instanzen ist teuer. Mehrfach verweist der Vorsitzende auf das hohe Kostenrisiko. »Wenn eine Verurteilung erwirkt wird, kann ihr Vater sein Haus verkaufen«, mahnt Nink in Richtung des Angeklagten. »Und wenn Sie am Ende alle Kosten tragen müssen, kann Ihr Bruder sein Geschäft verkaufen«, findet der Richter auch für den anderen jungen Mann deutliche Worte. Zwei Mal gibt Nink Zeit für Beratungen. Während sich der Nebenkläger mit seinem Anwalt bespricht, fragt der Angeklagte seinen Vater um Rat, der im Zuschauerbereich Platz genommen hat. Doch die Entscheidung des Opfers steht auch nach zwei Pausen fest: Er möchte die Verurteilung wegen eines Tötungsdelikts weiter verfolgen.

»Er hat die Befürchtung, dass der Angeklagte ohne Probleme mit einer Bewährungsstrafe hier raus geht«, gewährt der Nebenklagevertreter einen Einblick in die Gefühlslage seines Mandanten. »Damit wird eine weitere Dimension geöffnet«, kommentiert Nink. Was der Richter damit meint: Auch die Verteidigung wird nun wieder in den Angriffsmodus schalten, weitere Anträge stellen und Gutachten einholen. Bei einem neuen Termin werden die Parteien dann einen anderen Richter vor sich haben. Nink geht im Sommer in den Ruhestand und sollte tatsächlich eine Verurteilung wegen versuchten Mordes oder Totschlags in Betracht kommen, läge die Zuständigkeit ohnehin bei der Schwurgerichtskammer.

Auch interessant