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Vom Lumdatal auf die Konzertbühne

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Jochen Heibertshausen ist auf Konzertbühne zuhause. © Heibertshausen

Jochen Heibertshausen kommt aus Allendorf/Lda.. Der Kontrabassist und Dirigent will Musik spürbar machen.

Kreis Gießen . (dge). Es dürfte kaum verwundern, wenn einer, der als Kind den Spitznamen »Beethoven« hatte, Musiker wird. Jochen Heibertshausen lächelt, als er an die Zeit zurückdenkt, zu der er in seinem Heimatort Allendorf/Lda. dem runden Leder nachgejagt ist. Heute ist er ein gefragter Orchestermusiker und widmet sich seiner zweiten Leidenschaft: dem Dirigieren.

Doch bis dahin war es ein weiter, mitunter nicht immer leichter, Weg. Aufgewachsen in einer Kaufmannsfamilie wurde ihm die Liebe zur Musik nicht unbedingt in die Wiege gelegt. Es war Peter Lustig, der bekannte Moderator von Kindersendungen, der ihn im wahrsten Sinne des Wortes aufhorchen ließ. Peter Lustig hatte in seiner Sendung Beethovens fünfte Sinfonie vorgestellt. Sofort neugierig geworden, ging der damals noch kleine Jochen Heibertshausen sofort an Vaters Plattenschrank.

Er wurde fündig, legte die Platte auf. »Ich wusste nicht, dass es so etwas Schönes auf der Welt gibt wie diese Musik. Es hat in mir alles geleuchtet«, beschreibt er seinen ersten Zugang zur klassischen Musik. Das könne man ja nicht greifen, das müsse man spüren. »Das war einfach wunderbar.«

Fortan war klar, dass er »irgendetwas mit Musik« machen wollte. Selbst auf dem Fußballplatz habe ihn das nicht losgelassen. »Ich habe nur Beethoven hören wollen, bin nach nach dem Sport nicht in die Kneipe oder so.« Das brachte ihm schließlich den eingangs erwähnten Spitznamen ein. Oboe oder Horn sollten es zunächst sein.

Das gelang nicht ganz: »Ich habe aber solange gequengelt, bis ich wenigstens ein Akkordeon bekommen habe.« Heibertshausen schmunzelt bei der Erinnerung an den kleinen Sieg, den er den Eltern abgetrotzt hat. Das sei aber dennoch gut gewesen, denn »hier wurden zum Beispiel bei Geburtstagen viele Volkslieder gesungen. Das hat mich auch fasziniert, also hab ich Akkordeon gelernt«, blickt der 54-Jährige zurück.

Nachdem er die Grundschule und die Mittelpunktschule in Allendorf besucht hatte, zog es ihn zum Gymnasium. Eines, das Wert auf Musik legte, sollte es sein. So kam er schließlich zur Liebig-Schule in Gießen. Keine Frage, er nahm Musik als Leistungsfach. Sein damaliger Lehrer, ein Herr Niedecken, sei sehr schnell auf seine rhythmische Begabung aufmerksam geworden. »Ich war der Einzige, der sechs verschiedene Rhythmen ohne Fehler von der Tafel, vom Blatt schlagen konnte.« Der Lehrer nahm seinen Schüler zur Seite: »Jochen, ich brauche einen Kontrabass im Schulorchester.« Akkordeon sei ein tolles Instrument, aber wenn er etwas mit Musik machen wolle, wäre es vielleicht gar nicht so schlecht, ein Orchesterinstrument zu lernen.

Heibertshausen erbat sich eine kurze Bedenkzeit. »An dem Abend gab es eine Zauberflöten-Aufführung im Stadttheater in Gießen. Wenn in der Ouvertüre das Papageno-Motiv kommt, geht das durch die Streicher, also Geigen, zweite Geigen, Bratschen, Celli. Und dann kommt der Kontrabass.« Das habe ihn so fasziniert, dass er gleich am nächsten Tag seinem Lehrer erklärt habe: »Ich mache das.«

Es seien die damaligen Musiker des Stadttheaters gewesen, die ihm seinen Weg gezeigt hätten. »Die haben so gut gespielt, dass es mich sofort fasziniert hat.« Gerade mal 17 Jahre war Heibertshausen damals und zweifelte im Stillen, ob er wirklich eine Musikerkarriere anstreben wollte. Als Junge vom Dorf schien ihm das in fast unerreichbarer Ferne. Dennoch: Er bleibt dabei, spielt im Schulorchester der Schule.

Nach dem zweijährigen Zivildienst bewirbt er sich an der Musikhochschule in Köln, rasselt erst mal durch die Aufnahmeprüfung. Er will es nochmal versuchen, doch es kommt erst einmal anders: Im Februar 1989 wird bei ihm eine akute myeloische Leukämie festgestellt. »Ein Prozent Überlebenschance« - das erfuhr er im Nachhinein. Was ihn rettete, war eine Knochenmarkstransplantation. Zu dieser Zeit fasst er einen Entschluss: »Wenn ich das überlebe, dann mache ich Musik.« Im Sommer 1990 galt er als genesen.

Er setzt seinen Entschluss in die Tat um. 1991 schafft er die Aufnahmeprüfung in Köln und beginnt sein Musikstudium. Konsequent geht er seinen Weg, wechselt mit seinem Professor Wolfgang Güttler von Köln nach Karlsruhe. Heibertshausen wird freischaffender Musiker, spielt in nationalen und internationalen Orchestern und Ensembles unter den großen Dirigenten unserer Zeit. Für das Kontrabass-Ensemble »The Geatles« schreibt zahlreiche Arrangements, er nimmt an etlichen Funk- und Fernsehaufnahmen teil. Die Konzerte führen ihn fast rund um den Globus, unter anderem in die USA, die Schweiz, nach Dänemark, Schweden, Spanien, Italien, Belgien, Luxemburg, Frankreich und Österreich.

Schon während seiner Studienjahre beschäftigte ihn indes seine zweite große Leidenschaft, das Dirigat, die Orchesterleitung. Es sind historische Aufnahmen, die ihm diese Richtung weisen. Vor allem das Werk von Wilhelm Furtwängler, den Heibertshausen als einen der größten Dirigenten und Interpreten abendländischer Musik sieht, beeindruckt und inspiriert ihn. Er bildet sich weiter, belegt Dirigierkurse.

»Was machen Dirigenten wie Furtwängler anders?« - diese Frage trieb ihn um. Sie hätten »mehr Atem, erzeugen das Strömende, das ich in der Musik zeigen will.« Diese historischen Aufnahmen umarmten einem, ließen nicht mehr los. Heibertshausen spricht von »mehr Gesang«. Das dürfe man aber nicht wörtlich nehmen. Es sei nicht so, dass die Musiker nun alle singen. Vielmehr gehe es darum, mit den Instrumenten sozusagen Gesang zu erzeugen, sie singen zu lassen. »Ich habe versucht, eine Dirigierweise, die das zulässt, zu entwickeln.« Bei seinem Neujahrskonzert im Januar in der Johanniskirche sei das sehr gut angekommen. »Ich glaube, die Leute haben das schon gemerkt, dass wir eine etwas andere, etwas gesangliche Art und Weise der Interpretation haben. Das wirkt sich bei Mozart natürlich genauso aus wie bei Beethoven.«

Es sei gerade die Corona-Zeit, die Zeit des Lockdowns, gewesen, in der er seinen Ansatz habe verdichten können. Er will Musik machen, »wie ich sie empfinde, nicht wie ich sie denke.« Das will er mit dem von ihm gegründeten Projekt-Ensemble weiter verfolgen. »Es geht darum, das Gefühl, das die großen Komponisten in ihr Werk gelegt haben, nachzuempfinden. Ich will diesen organischen Strom in der Musik erleben und will, dass auch das Publikum das erlebt«, beschreibt er seine Triebfeder.

Wie Jochen Heibertshausen das umsetzt, kann man bei seinem Benefiz-Konzert am 28. Mai in der Marktkirche in Wiesbaden hören. Das Konzert gibt er zugunsten des Fördervereins für Tumor- und Leukämiekranke Kinder.

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