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Von Wachstum und Bollerwagen

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Lea Weber erinnerte sich an ihre Kindheit in der Natur. © Zylla

Gießen (zye). Um »Klimakrise und nachhaltigeres Denken« drehte sich alles im Showprogramm »Chlorfrei gebleicht« auf der taT-studiobühne. Die Hauptattraktion war natürlich der Poetry Slam mit Lea Weber, Anna Teufel, Jan Cönig und Christoff - ohne Nachname - dafür aber mit F, wie er sich selbst bezeichnet. Sie alle verarbeiteten diese globale Krise literarisch auf ihre ganz eigene Weise.

Um nichts weniger als diese Frage ging es: »Poetry for Future - oder ist es eh schon egal?«

Eine Antwort darauf gab auch der Moderator des poetischen Wortgefechts. In seinem Beitrag ging es um den im Kapitalismus so wichtigen Begriff »Wachstum«. »Die Meere sind mittlerweile aus Plastik. Zigaretten werden pur geraucht, die Luft aber nur noch mit Filter«, beschrieb er eine vielleicht gar nicht so weit entfernte Dystopie. »Das können wir doch besser!«, lautete sein aufmunterndes Fazit.

Christoff ohne F wies ironisch auf die zweifelhaft klimafreundlich transformierte Industrie hin. »Ist jetzt alles klimaneutral und das Plastik recyclebar. Es ist also alles gut, wir haben es geschafft«, sagte der Dortmunder und meinte es natürlich anders. Das unterstrich er in seiner Ansage: »Heuchelei, ist ein Meister aus Deutschland. Er trägt einen maßgeschneiderten Anzug aus Feigenblatt-Flecktarn« und schaue nicht über den Rand, weil er sich sonst ändern müsste. Sonst wird es ein Problem, die Klimaziele zu erreichen. »So lange die Wirtschaft noch wächst, muss uns das alles nicht bedrücken«.

Aus der wütenden »Generation ohne Zukunft« kommt die Nürnbergerin Anna Teufel. Lautstark und engagiert setzte sie sich daher auch nicht für die PR-Kampagne eines Autohauses ein. Sie lehnte den Auftrag ab, schließlich müsste es ja dieser Tage eher weniger Autos geben, wenn das mit dem 1,5-Grad-Ziel noch etwas werden soll. Stattdessen müsse es mehr um Bollerwagen gehen. Sie formulierte einen etwas anderen Text für den Auftrag des Autohauses und beschrieb, wie sie einst ein schönes Auto haben wollte, über deren Nachteile sie sich dann auch ärgern kann. Benzinpreise etwa oder die lästige Parkplatzsuche. Ihre Präferenzen wurden mit der Zeit klimafreundlicher. Ein schöner Bollerwagen musste es nun sein und das am besten überall: »Du wartest bei deinem Urologen? Bamm! Bollerwagen!«, schließlich mache er fast jede Situation besser.

Mit Flachwitzen zum Aufwärmen ging es bei Jan Cönig los. Die einen lieben die simplen Jokes, die anderen hassen sie. Wer das im Publikum war, stellte der Frankfurter auf die Probe mit der Frage: »Was stinkt und freut sich? Das Gefurztagskind!« Siehe da: Einige Gäste konnten den Gags was abgewinnen. »Hurra!«, lautete sein humorvoller Beitrag, der eher »peripher mit der Klimakatastrophe zu tun« habe. Machen wir es kurz: Es geht um den Reinigungsprozess eines verstopften Klos mit einer Penispumpe. Aber auch um neue Sichtweisen: »Warum nicht einfach mal den pünktlichen einfahrenden Zug mit einem ›Hurra!‹ begrüßen?«

Lea Weber erinnerte sich in ihrem Text an ihre Kindheit. Damals habe es noch Natur gegeben, die sie als Kind wie in einem Abenteuer entdeckte. »Klimawandel« kannte sie nicht, Kinder heute dafür umso mehr. Der Ort, an dem die Karpenerin aufwuchs, habe sich verändert. Auch dort musste die Natur dem Wachstum weichen. »Nichts bleibt wie wir es kannten, nichts bleibt wie es war.«

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