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Vor der Schlacht noch schnell zum Einkaufen

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Blick vom Standort der ehemaligen Batteriestellungen am Altengraben hinüber zur Burganlage Königsberg. Die Kampfentfernung von unter 800 Metern hier war für die mobile Artillerie des 17. Jahrhunderts eine überschaubare Herausforderung. © Emmerich

Kreis Gießen . »Groß-Busecken« findet sich als Ortsansicht auf einem Blatt mit Abbildungen von den Wirkungsstätten des protestantischen Heerführers Christian von Braunschweig (1599-1626). Schon vorab pflegte der Herzog sich auf Flugblättern so anzukündigen, um die Bevölkerung einzuschüchtern. Das Papier durfte dabei gerne auch angesengt und mit Blut verschmiert sein, heißt es in einem Wikipedia-Artikel zu seiner Person.

Panik zu verbreiten - das war im Wortsinn Gold wert. Denn so konnte der Herzog von Städten, vor denen er auftauchte, Kontributionen dafür verlangen, dass diese eben nicht erobert und geplündert wurden. »Brandschatzung« nannte man das. Es füllte die Kriegskasse und ersparte dem Heer Tote und Verwundete durch eine andernfalls erforderliche Belagerung und Erstürmung. Im Dezember 1621, also vor exakt 400 Jahren, kam der »Tolle Christian«, wie der Volksmund den erst 24-jährigen Braunschweiger nannte, mit einem damals großen Söldnerheer von wohl 10 000 bis 20 000 Mann der Stadt Gießen sehr nahe. Truppen tauchten im Busecker Tal auf und lagerten dort.

Gießen befand sich im großen europäischen Krieg auf katholischer Seite, weil es 1567 darmstädtisch geworden war. Und Hessen-Darmstadt versuchte sich in Neutralität. Die Lage schien unübersichtlich genug, um einzelne Soldaten aus dem Busecker Tal sogar zum Lebensmittelkaufen in die Stadt lassen zu können. Eine Praxis, die Landgraf Ludwig V. (1577-1626) in Darmstadt dem Gießener Festungskommandanten und Stadthauptmann Adam Schmalz (1575-1626) rasch strikt verbot.

Gießen als moderne Festung

Die Gießener Bevölkerung konnte sich in dieser Phase jedoch trotz schwacher Besatzung von etwa 60 Mann - möglichst verstärkt durch Studenten der 1607 gegründeten Universität auf den Wällen - recht sicher fühlen, denn Landgraf Philipp der Großmütige (1504-1567) hatte Gießen ab 1531 zur modernen Festung ausbauen lassen, mit 14 Meter hohen Erdwällen bei bis zu 25 Metern Sockelbreite auf dem heutigen Anlagenring. Sie konnten anders als mittelalterliche Burgmauern die Durchschlagskraft von neuartigen großen Kanonen absorbieren. Die Festung musste zwar zwischenzeitlich wieder geschleift werden, entstand aber von 1560 bis 1564 neu.

Das zahlte sich nun 1621 aus, und Christian von Braunschweig hätte für eine längere Belagerung Gießens sowieso keine Kräfte investieren wollen, als mit ihm der Dreißigjährige Krieg nach zweieinhalb Jahren das Gießener Land endgültig erreichte. Er dachte und handelte erheblich großräumiger.

Mit dem Sturz von Ratsherren aus einem Fenster der Prager Burg hatte 1618 in Böhmen alles begonnen, als die protestantischen böhmischen Stände sich mit dem katholischen Kaiser in Wien auch militärisch anlegten. Ende 1620 wurde das böhmische Ständeheer bei Prag schwer geschlagen. Friedrich V. von der Pfalz (1596-1632), der als protestantischer »Winterkönig« die böhmische Krone trug, floh und suchte in Norddeutschland Verbündete. Die verbliebenen protestantischen Heerführer zogen im Frühjahr 1622 aus mehreren Richtungen in die Pfalz, um Friedrich V. zu unterstützen.

Unter ihnen war Christian von Braunschweig, den sein Weg aus Westfalen nach Südwesten Ende 1621 an Gießen vorbeigeführt hatte. Zwischen Großen-Buseck und Alten-Buseck lagerten seine Truppen im Dezember in einer Wagenburg. In jener Zeit ohne heutige Handelsinfrastruktur und moderne Konservierungsmethoden für Lebensmittel reichten in der Fläche bei jener Menschenmenge wenige Tage aus, um ganze Regionen ihrer Wintervorräte zu berauben und Hungersnöte auszulösen. Das Lager wurde also umgehend zum Problem.

Zudem näherte sich keineswegs zufällig Christian von Braunschweigs katholischer Widersacher Johann-Jakob von Bronckhorst-Batenburg, genannt »Graf Anholt« (1582-1630) mit vereinigten spanischen, bayerischen und darmstädtischen Truppen aus Richtung Bergstraße. Laut Berichten von Anholts an den kaiserlichen General Tilly (1559-1632), den obersten Heerführer der katholischen Liga, hat er bereits am 19. Dezember 1621 die Ortschaften Lumda, Reinhardshain, Beltershain, Göbelnrod, Saasen, Harbach und Queckborn besetzt. Denn Tilly war noch am 2. Dezember von Landgraf Ludwig V. nachdrücklich um Hilfe gebeten worden, als Christian von Braunschweig das kurmainzische Amöneburg überrumpelt hatte, und der Landgraf ihm dennoch ohne genügend eigene Kräfte den Durchmarsch durch sein Territorium verweigerte. Die Hilfe kam in Gestalt von Tillys General-Wachtmeister von Anholt aus Richtung Odenwald und Wetterau.

Ob und wann das Feldlager bei Großen-Buseck von ihm eingenommen wurde, ist zwischen unterschiedlichen Quellen strittig. Gefechte zwischen den Truppen beider Heere sollen am 20. Dezember im Raum Kirdorf (heute Hochtaunuskreis) stattgefunden haben. Andere berichten von Kirtorf (westlich Alsfeld). Unstrittig ist die Niederlage des Herzogs von Braunschweig, dem persönlich ein Pferd unter dem Leib weggeschossen worden sein soll. Im Ergebnis wurde der Herzog nach Norden Richtung Amöneburg und später Waldeck abgedrängt.

Strategisch erzwang ein großer Landkrieg wie der Dreißigjährige langanhaltende Operationen mit starken Kräften, was den noch im 16. Jahrhundert am Lehenssystem des Mittelalters orientierten Kriegsdienst Adliger mit ihren Bauern überforderte. Truppen im 17. Jahrhundert waren demzufolge sehr rasch nur noch Söldnerheere, angeheuert von Kriegsunternehmern wie von Braunschweig oder Wallenstein, die wir heute »Warlords« nennen würden. Die Heeresstärken um 10 000 Mann und mehr machten aus Versorgungsgründen einen ständigen Bewegungskrieg erforderlich und längere Belagerungszeiten schwierig. Es wurde jedenfalls für die Logistik noch viel gekauft, geplündert und erpresst, bis dem Herzog von Braunschweig im Folgejahr mit der Schlacht bei Höchst am 20. Juni 1622 doch noch der Durchbruch Richtung Pfalz gelang.

Von den Phasen des Dreißigjährigen Krieges war das Gießener Land dabei nicht nur in dieser ersten - dem böhmisch-pfälzischen Erbfolgekrieg (1618 bis 1623)- betroffen, sondern bis zum Schluss im sogenannten Hessenkrieg (1645 bis 1648). Insbesondere im Raum Königsberg und Gleiberg. Dies schränkt die Sicht allerdings auf die befestigten Plätze ein.

Deren Umland wurde hingegen durchweg ge- und beschädigt. Schon am 18. Januar 1621 war ein Edikt des Landgrafen wegen Plünderns und Straßenraub nötig. Bereits von Fastnacht bis Ostern 1621 lagerten acht Wochen lang kaiserliche Truppen in Grüningen. Betroffen von Diebstahl, Raub, Plünderungen und Einquartierungen bei Durchzügen waren nach mehreren Quellen bis 1627 Watzenborn, Steinberg, Gleiberg, Großenlinden und Leihgestern. Ab 1631 Krofdorf, Gleiberg, Heuchelheim und Garbenheim.

Die Festung Gießen wurde in den gesamten 30 Jahren Krieg nie erobert, aber immer mehr zur Zuflucht der Landbevölkerung. Nach dem katholischen Sieg in der großen Schlacht bei Nördlingen in Bayern 1634 entwickelte sich das Gießener Land zum Tummelplatz der Alliierten und der Kaiserlichen. Laubach wurde dreimal geplündert, Gleiberg war zur Hälfte entvölkert. 1635 kamen die Wirkungen der in Gießen wütenden Pest hinzu. 1636 hat es ganzjährig Durchzüge kaiserlicher Truppen bis zur Schlacht von Wittstock in Brandenburg am 4. Oktober gegeben. Lager und Ausplünderungen betrafen 1639/40 die gesamte Region Gießen. Höhepunkt war 1640/42 mit Einquartierungen von Januar bis Juli 1640 (Schweden); Januar bis April (Weimarische Truppen), Oktober bis Dezember (Erzherzog Leopold Wilhelm und Piccolomini), Dezember bis April 1641 (Hatzfeldsche Truppen), April bis Mai 1641 Kurbaierische Armee, Oktober 1642 (Kurbaierische und Hatzfeldsche Truppen).

Mit dem Aussterben der Linie Hessen-Marburg verschärfte sich zudem der insgesamt über 80 Jahre schwelende Hessenkrieg um die Erbfolge Landgraf Philipps des Großmütigen und gipfelte ab 1645 im offenen Schlagabtausch zwischen dem protestantischen Hessen-Kassel und dem katholischen Hessen-Darmstadt mit der Belagerung Marburgs. Dieser Konflikt hatte es mit sich gebracht, dass die Landgrafen in Kassel und Darmstadt in dem alles überlagernden Dreißigjährigen Krieg auf verschiedenen Seiten standen.

Burg Gleiberg verbrannt

Der schwedische General Carl Gustav von Wrangel (1613-1676) tauchte, von Westfalen herkommend, mit 15 000 Mann zu Fuß und 8000 Reitern am 29. Mai 1646 vor Gießen auf und zog am 2. Juni nach Wetzlar ab. Die Schweden lagerten zwei Monate um Gießen herum. Heuchelheim ging dabei in Flammen auf. Niederhessische Truppen operierten an ihrer Seite. Anfang Juni wurde von ihnen Burg Gleiberg als Teil der Gießener Verteidigung verbrannt, nachdem darmstädtische Besatzung sie mehrere Tage verteidigt hatte. Die Schweden wechselten ihre Quartiere mehrfach, waren bis 12. Juni in Wetzlar, dann wieder lahnaufwärts in Heuchelheim bis Rodheim und Kirchhain. Französische Truppen unter General Turenne kamen ab 28. Juli hinzu, um dann ab Anfang August in die Wetterau weiterzuziehen.

Ab 21. Juni 1646 hatte Landgraf Georg II. (1605-1661) durch bayerische und kaiserliche Armee (30 000 Mann) vor Gießen Hilfe bekommen. Sie lagerten im Raum Homburg, Wetterfeld und Friedberg. Nachdem alle fremden Truppen Ende August weitergezogen waren, kämpften Hessen-Kassel und das dabei anfänglich erfolgreiche Hessen-Darmstadt allein weiter. Nach einer schweren Niederlage bei Frankenberg am 9. November sah sich Landgraf Georg gezwungen, mit Landgräfin Amelie Elisabeth in Kassel einen Waffenstillstand bis 1. April 1647 einzugehen. Als dieser abgelaufen war, eroberte General Kaspar Kornelius Mortaigne de Potelles (1609-1647) in kurzer Zeit etliche feste Plätze der Darmstädter, zunächst in Oberhessen, darunter Reifenberg, Merlau, Blankenstein, Burgsolms und auch Königsberg. 80 Fußsoldaten der Gießener Besatzung sollen entsandt worden sein, um der Burg zu helfen. Die Truppe sei mit 14 Toten nach Gießen zurückgekehrt.

Mortaigne de Potelles war Anfang 1647 mit Genehmigung der schwedischen Königin Christina als Oberbefehlshaber in die Armee des Verbündeten Hessen-Kassel gewechselt und rückte am Montag, 27. Mai 1647, vor Burg und Stadt Königsberg. Der hessen-darmstädtische Kommandant Leutnant Heller lehnte die durch einen entsandten Tambour verlangte Übergabe ab, worauf die Belagerer vom Altengraben oberhalb der Ortschaft aus wenigen hundert Metern Entfernung gleich mit der Beschießung begannen. Als die 48 Mann zählende Besatzung sich einen ganzen Tag lang zur Wehr gesetzt hatte, ergab sie sich am darauffolgenden Tag den Angreifern, nachdem diese den Turm miniert hatten und bereits in das Innere der Anlage eingedrungen waren. Zahlreiche Werke der Burg, die bis dahin noch unversehrt waren, wurden erst nach der Eroberung von den Niederhessen demoliert und in Brand gesetzt. Der Wiederaufbau der Burganlage und zerstörter Teile der Kirche und des Ortes dauerte dann bis 1654/56. Im Sommer 2022 werden Beschießung und Zerstörung von Stadt und Burg Königsberg genau 375 Jahre zurückliegen.

Ganz Oberhessen außer der Festung Gießen war 1648 am Ende in der Hand der Niederhessen. General Melander, vom Kaiser entsandt, eroberte zwar noch Marburg mit Ausnahme des Schlosses, zog dann aber wieder ab. Ab 14. April 1648 begann der Frieden im Hessenkrieg (noch vor dem im selben Jahr geschlossenen Westfälischen Frieden im Dreißigjährigen Krieg). Dabei fielen erhebliche Teile des damaligen Oberhessen an das erstarkte Hessen-Kassel.

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gikrei_1712_30jaehrigerKr_4c_1 © Red

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