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Vorbereitet auf »Tag X«

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Wie die Bevölkerung in der Krise versorgt werden soll, ist ein Thema des Zivilschutzes. Grundsätzlich wird dazu geraten, einen für zehn Tage reichenden Bestand an Lebensmittel vorzuhalten. Symbolfoto: dpa © DPA Deutsche Presseagentur

Der Landkreis hat sein Konzept für den Zivilschutz vorgestellt. Seit Mai 2021 ist Volker Julius für dieses Thema zuständig, das nicht nur wegen des Ukraine-Kriegs aktuell ist.

Kreis Gießen (vb). Der Angriffskrieg Russlands gegen die Ukraine hat bei vielen Menschen hierzulande Sorgen hervorgerufen, die man sich in Friedenszeiten nicht machen musste. Aber nicht nur eine mögliche kriegerische Auseinandersetzung macht den Einsatz des Zivilschutzes erforderlich. Bei der Hochwasserkatastrophe in Rheinland-Pfalz und Nordrhein-Westfalen waren entsprechende Konzepte zum Schutz und zur Versorgung der Bevölkerung ebenso gefragt wie sie es bei einem großangelegten Stromausfall oder einem Chemieunfall auch wären. »Zivilschutz« klingt wie ein Thema aus dem »Kalten Krieg«, doch es ist aktueller denn je. Landrätin Anita Schneider (SPD) und Kreisbrandinspektor Mario Binsch haben am Dienstag bei einem Pressetermin das Konzept des Landkreises vorgestellt. Damit ist auch ein Gesicht verbunden: Volker Julius aus Frankenbach ist bereits seit Mai 2021 Zivilschutzbeauftragter des Landkreises.

Schneider räumte ein, dass sie wegen des Pressetermins zunächst Bedenken gehabt habe. »Es geht uns nicht um Panikmache, sondern wir wollen transparent über unsere Aufstellung informieren.« Binsch betonte, dass die zivile Verteidigung als Aufgabe des Bundes und der Katastrophenschutz als Aufgabe der Länder in Friedenszeiten und im Verteidigungsfall eng verbunden sind.

Dabei beruht der Zivilschutz auf vier Säulen, die Julius darstellte. So geht es zunächst darum, dass die staatlichen und Regierungsfunktionen aufrechterhalten werden. Beim Schutz der Bevölkerung vor militärischen Handlungen spielt auch der Selbstschutz eine große Rolle. Dieser umfasst zum Beispiel, dass man einen Lebensmittelvorrat für zehn Tage anlegen solle. Per Sirene oder WarnApps wird die Bevölkerung gewarnt. Der Landkreis muss ein Prozent der Bevölkerung - also rund 2700 Personen - in Bürgerhäusern oder Turnhallen unterbringen können. Dazu stehen 2700 Feldbetten zur Verfügung. Die dritte Säule betrifft die Versorgung mit zum Beispiel Trinkwasser, Nahrungsmittel, einer sicheren Informationstechnik oder Energie. Wie Binsch ergänzte, gibt es Listen über die Produzenten und Lagerstätten von Lebensmitteln. Zudem habe der Bund lange haltbare Nahrungsmittel eingelagert, gleichermaßen Medikamente und Verbandsmaterial. Für den Fall eines Atomschlags können Jodtabletten ausgegeben werden. Um die Unterstützung der Streitkräfte geht es bei der vierten Säule, konkret um die Versorgung der Soldaten mit Lebensmitteln. Diese vier Säulen bauten auf anderen Krisenkonzepten auf, erläuterte Julius.

Schutz in Bunkern nicht möglich

Doch wie erfährt die Bevölkerung an einem wie auch immer gearteten »Tag X«, was zu tun ist? Laut Binsch wird dann zum einen ein Bürgertelefon freigeschaltet, das es bereits zu Beginn der Corona-Pandemie gegeben hat. Informationen sind auch auf der Internetseite des Landkreises vorbereitet, die dann bei Bedarf zugänglich gemacht werden. Den Bürgern wird geraten, ihre Kenntnisse in Erster Hilfe aufzufrischen. Kurse des Deutschen Roten Kreuzes sollen ab dem zweiten Halbjahr auch Themen der zivilen Verteidigung beinhalten. Schnell kommt in diesem Zusammenhang auch die Frage nach Bunkern auf. Doch solche, die in einem Zustand sind, dass Menschen dort ausharren können, gibt es laut Binsch im Landkreis nicht mehr.

In Sachen »Sirenen« herrscht noch Modernisierungsbedarf. Während der Funk der Feuerwehren digital ist, funktionieren die Sirenen noch analog. Eine Umrüstung soll dieses Jahr erledigt werden, erklärte Binsch und verwies auf Zuschüsse des Bundes. In zwei Kommunen im Kreis habe es gar keine Sirenen mehr gegeben. Diese seien neu aufgebaut worden.

Aufgrund des Krieges sind nach Angaben der Vereinten Nationen mehr als eine halbe Million Menschen aus der Ukraine geflohen. Wie ist der Landkreis auf Flüchtlinge vorbereitet? Die Landrätin verwies auf die Beschlüsse zum Bau neuer Gemeinschaftsunterkünfte, die Appelle an Kommunen und Bürger, Leerstände zu melden und die jüngst gestartete Wohnungsbörse. Das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge gehe nicht von hohen Zahlen aus, bislang seien 16 Ukrainer in der Gießener Erstaufnahmeeinrichtung angekommen. Der Kreis setzt auf die Solidarität der Bevölkerung, sei aber darauf vorbereitet, sehr viele Ukrainer aufzunehmen.

Befragt nach der persönlichen Gefühlslage meinte Schneider, sie sei beruhigt, dass man auf mögliche Lagen vorbereitet sei. Es gebe aus ihrer Sicht aber keine hohe Wahrscheinlichkeit, dass die Konzepte aktiviert werden müssten. Binsch erklärte, er mache sich eher Sorgen über Cyberattacken und verwies auf den Hacker-Angriff auf die Gießener Universität Ende 2019. Auch Julius glaubt eher »an die Gefahr von Cyberattacken, als dass hier Bodentruppen einmarschieren«.

Vielfältige Infos für Notsituationen gibt es beim Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe unter https://www.bbk.bund.de/DE/Warnung-Vorsorge/Tipps-Notsituationen/notsituationen_ node.html

Volker Julius, der Zivilschutzbeauftragte des Landkreises, ist 41 Jahre alt, verheiratet und Vater von zwei Kindern. Er wohnt in Frankenbach. Julius war zuvor Schichtführer in der Zentralen Leitstelle des Landkreises Gießen, ist ehrenamtlich Kreisbrandmeister und besitzt zudem einen Masterabschluss im Gesundheitswesen. (vb)/Foto: Böhm

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Volker Julius Zivilschutzbeauftragter © Volker Böhm

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