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Weihnachten im Katastrophengebiet

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Von: Burkhard Bräuning

Wenn es auf Weihnachten zugeht, machen sich viele Menschen auf den Weg. So wie einst Josef und Maria im Heiligen Land. Von dieser Geschichte erzählt uns der Evangelist Lukas. Damals sollte »alle Welt« sich schätzen lassen - eine Volkszählung fand statt. Dazu musste jeder in die Stadt seiner Geburt gehen. Heute sind viele Menschen im Dezember unterwegs, weil sie zum Fest nach Hause wollen, oder zu Verwandten.

Oder weil sie aus dem kalten Norden in den warmen Süden »fliehen« wollen.

Roland Albert war sein halbes Leben lang nicht zu Hause in Burg-Gemünden, manchmal auch an Weihnachten nicht. Aber er war nicht auf Wanderschaft, war nie ein Weltenbummler. Er suchte nicht das Abenteuer, und er verweilte nicht bei der Verwandtschaft. Albert ging dahin, wo Not und Elend herrschten - weil die Erde bebte, weil gewaltige Fluten Land überschwemmt hatten. Er half auch Menschen, die auf der Flucht waren, oder die vertrieben wurden.

Roland Albert war sein ganzes Berufsleben lang Katastrophenhelfer beim Deutschen Roten Kreuz, kurz DRK. Auf die Frage, wie es zu dieser Berufswahl kam, geht Albert weit zurück: »Mein Vater starb, als ich acht Jahre alt war. Meine Mutter hatte nicht viel Geld. Ich habe zwar in Grünberg mein Abitur gemacht, aber ein Studium war wegen der Kosten illusorisch. Die Arbeit als Katastrophenhelfer interessierte mich schon länger. Ich wollte aber damals nicht als guter Mensch in die Geschichtsbücher eingehen, es war einfach nur ein profaner Grund: Ich musste nach der Bundeswehrzeit möglichst schnell Geld verdienen. Für meine Mutter war meine Berufswahl schwer zu ertragen, sie hatte im Krieg ihre Brüder verloren und sorgte sich jetzt um mich. Meine Frau wusste, worauf sie sich einließ, und hat es akzeptiert.

Roland Albert spricht gern klare Worte, redet nicht drumherum. »Heute bin ich zu alt für Camping bei minus 35 Grad, heute schlafe ich lieber in meinem Bett zu Hause in Burg-Gemünden« Mit minus 35 Grad spielt Albert auf einen seiner härtesten Einsätze in seiner beruflichen Laufbahn an: Die Mission in dem von einem schweren Erdbeben heimgesuchten Armenien im Jahr 1988 - nur wenige Tage vor Weihnachten. Betroffen war vor allem die Region um Spitak - und die Stadt selbst, die fast völlig zerstört wurde. Albert kam mit einer Gruppe deutscher DRK-Helfer in das geschundene Land. Das DRK-Team suchte nach Überlebenden, half bei der Bergung der Toten, baute Notunterkünfte - was so gemacht werden muss nach einer solch unvorstellbaren Katastrophe: Viele Orte zerstört, so viele Menschen tot oder verletzt - und das alles bei minus 35 Grad.

Für die Bewohner des Landes, rund 90 Prozent sind orientalisch-orthodoxe Christen, war Weihnachten 1988 eine weit entfernte Illusion. Auch das musste von der Bevölkerung an Weihnachten ausgehalten werden: Die Leichen waren unter den Trümmern gefroren. Um sie in Särge legen zu können, musste Gewalt angewendet werden. »Das Geräusch eines brechenden Knochens habe ich bis heute nicht vergessen«, sagt Albert. »Es war unerträglich. Und wir waren froh, dass wir das nicht machen mussten.«

Mit der deutschen Gruppe habe man sich Heiligabend um ein kümmerliches Weihnachtsbäumchen versammelt. »Wir hörten die über Kurzwelle gesendeten Weihnachtswünsche aus der Heimat. Gut gemeint, aber kein Trost. Das hatte eher so was von Leben an der Front. Der Abend war nicht wirklich schön - und durch die Kälte unerträglich.«

In der Heiligen Nacht, so denkt man vielleicht manchmal etwas blauäugig, kann ja nichts wirklich Schlimmes geschehen. Aber selbst wenn etwas geweiht und heilig ist, ist es nicht geschützt vor Katastrophen. Der NDR schreibt auf seiner Website: Für die Menschen an der Nordseeküste bringt Weihnachten 1717 keinen Frieden, sondern endet in einer Katastrophe.

Es ist eine der schwersten Sturmfluten der Geschichte, die in der Nacht vom 24. auf den 25. Dezember 1717 Tod und Verwüstung über die Küstenbewohner der Niederlande, Norddeutschlands und Skandinaviens bringt. Mehr als 11 000 Menschen sterben. Mehr als 100 000 Pferde, Schafe und Rinder ertrinken, 8000 Gebäude werden zerstört. Erinnert sei auch an den von mehreren Beben ausgelösten Tsunami, der am zweiten Weihnachtsfeiertag 2004 etwa 230 000 Menschen das Leben kostete.

Roland Albert hat aber auch anderes erlebt. Weihnachten 1990 verbrachte er mitten in einer Wüste in einem riesigen Flüchtlingslager im Norden des Jemen. Nach dem Einmarsch irakischer Truppen in Kuwait hatten unter anderem Saudi-Arabien und andere arabische Länder Gastarbeiter aus dem Jemen des Landes verwiesen. Die Zahlen sind nicht gesichert, aber für wohl mehr als 1,2 Millionen Menschen mussten praktisch sofort Quartiere gebaut werden. Und sie mussten mit allem versorgt werden, was der Mensch zum Leben zwingend braucht. Eine Aufgabe, der sich auch das Rote Kreuz stellte.

Roland Albert war »Chef de Mission« einer internationalen Gruppe von Katastrophenhelfern, die sich um die Menschen im Jemen kümmerten: Frauen, Männer und auch Kinder, die meist nur wenige Habseligkeiten mitnehmen durften. »An Heiligabend haben wir eine Temperatur von 50 Grad gemessen. Da kamen zunächst wirklich keine Weihnachtsgefühle auf.« 50 Grad plus, das waren 85 Grad mehr als wenige Jahre zuvor in Armenien. Aber in der Nacht geschah etwas, das laut Albert alle Menschen, die in dieser Zeltstadt versammelt waren, egal ob Christen oder Muslime, sehr berührte: Eine Frau gebar in den Abendstunden des 24. Dezembers ein Kind. »Und plötzlich waren wir Zeugen einer geweihten, einer heiligen Nacht. Und so, wie ich das Schlimme nicht vergessen habe, so ist auch dieses Ereignis bis heute haften geblieben.«

Im Jahr 2002 verbringt Albert noch einmal die Weihnachtstage in einem anderen Land. In Tschechien hatte - wie auch in Deutschland - im August ein Jahrhunderthochwasser Menschen in den Tod gerissen und Milliardenschäden verursacht. Albert war mit seinem Team im Norden des Landes eingesetzt. »Eigentlich wollten wir Weihnachten nach Hause, denn wir waren zu dem Zeitpunkt schon mit dem Wiederaufbau beschäftigt. Allerdings gab es eine Frist für die Abgabe von Förderanträgen. Wir blieben, um diese entgegenzunehmen.«

An Heiligabend war die Frist fast abgelaufen. Es tobte ein furchtbarer Schneesturm. Albert erzählt: »Gegen 22 Uhr kam ein Mann im Quartier an. Er war Bürgermeister einer 100 Kilometer entfernt gelegenen Gemeinde, die Geld für den Wiederaufbau ihres Kindergartens beantragte. Der Mann war völlig fertig. Irgendwie hatte er sein Ziel über die zugeschneiten Straßen erreicht. Schneebedeckt stand er vor uns. Das hat mir imponiert - und er hat sein Fördergeld auch bekommen.

In Tschechien war Albert drei und im Jemen vier Jahre. »Im Jemen hatten wir sogar Familienanschluss, kochten und aßen zusammen, rauchten gemeinsam die Wasserpfeife. Wenn wir zum Beispiel einen Kindergarten wieder aufgebaut hatten, dann war da ein Glücksgefühl in uns. Aber was wir gesehen und gehört haben, war manchmal schwer zu ertragen. Wir mussten aber die Fassung behalten, sonst hätten wir unsere Arbeit nicht machen können.

Manchmal fragen sich Menschen in Kantscher Manier nach Katastrophen: Wie konnte Gott das zulassen? Ich denke, Gott hat damit nichts zu tun. Vieles, was zu den Katastrophen führt, ist menschengemacht. Der Klimawandel zum Beispiel - und der Raubbau an der Natur. Höchste Zeit also, endlich zu handeln ...«

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