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Weiße Weihnachten und Fußspuren von Weihnachtswichtel Tomte Tummetott auf dem Marktplatz in Grünberg.

Wenn die Welt plötzlich stillsteht

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Alle Jahre wieder ... Plätzchen backen, Geschenke besorgen, Weihnachtspost verschicken, Speiseplan erstellen, Kirchgang ins Programm einplanen, Stille Nacht singen, Bescherung - ankommen. Das sind die Konstanten im Weihnachtsprogramm. Aber die Art und Weise, wie wir Weihnachten feiern, ändert sich. Traditionen gehen verloren, neue kommen hinzu. Wir haben die Professoren Jörn Ahrens und Frank T.

Brinkmann von der Uni Gießen gefragt, was Weihnachten heute ist, was es mal war und wie sie das Fest feiern.

Herr Prof. Brinkmann, Herr Prof. Ahrens, wie feiern Sie in diesem Jahr Weihnachten?

Jörn Ahrens (JA): Zu Hause - ganz klassisch, mit der Familie unter dem Weihnachtsbaum, mit gutem Essen und Geschenken.

Frank T. Brinkmann (FTB): Es wird eine Tournee! Sie beginnt am Heiligen Abend damit, dass ich mein altes Mütterlein aus ihrer Heimatstadt an meinen Wohnsitz hole; am ersten Weihnachtstag geht es durch die Republik gen Norden, weil dort mit allerlei familiären Grüppchen weitergefeiert werden will. Der zweite Weihnachtstag dient der entspannten Heimreise, um tags darauf für kurze Zeit hoffentlich schneebedeckte Alpen anzusteuern.

Es gibt zu Weihnachten Zwänge, denen man sich in der Familie kaum entziehen kann. Wie würden Sie denn Weihnachten feiern, wenn Sie das Fest allein planen könnten?

FTB: Ganz allein? Kaum auszuhalten - vermutlich. Daher würde ich mindestens eine Kirche besuchen, außerdem viel Gitarre, Bass und Saxofon spielen, Comics und Bücher lesen, meine DVD-Sammlung sortieren und die »Pate«-Trilogie schauen. Oder Bond. Und zwischendurch telefonieren.

JA: Persönlich habe ich wenig Bezug zu Weihnachten. In den Jahren, in denen ich allein war, hat mir gefallen, wie die Welt plötzlich stillsteht, wie leer geräumt die Stadt ist. Das ist eine Atmosphäre, die ich mag. Dann habe ich sehr gern die Ruhe genossen und vielleicht einen Aufsatz geschrieben, ein paar Filme gesehen, gelesen.

Welchen Stellenwert hat das Fest für Sie persönlich?

JA: Wie gesagt, ich selbst bin da leidenschaftslos. Aber ich habe auch keine größeren Ressentiments gegen Weihnachten. Was mich stört, ist der Rummel ums Fest und die Hektik der Geschenkejäger in letzter Minute. Aber meist gehöre ich selbst auch zu dieser Spezies (lacht).

FTB: Geschenke kaufe ich, sobald die ersten Wünsche an mich herangetragen werden. Oder der Weihnachtsmann in mir erwacht. Ach, und an früher denke ich so gern! Weihnachten ist für mich der Inbegriff einer heilen Welt mit allen Verwandten, Freunden und sonstigen geliebten Menschen. Da einige von denen nicht mehr am Leben sind, bleiben die Erinnerungen stets mit etwas Sentimentalität und Herzschmerz verbunden…

Wie hat sich der Blick aufs Fest in unserer Gesellschaft nach dem Krieg verändert?

FTB: Zu einem gemütlichem Zierrat mit Krippenfigürchen und Kerzen, zu heiligem Liedgut für die »Stille Nacht«, zu Tannenbäumen, Gänsebraten und Geschenken wird immer noch gegriffen, auch dort, wo man sich bewusst von religiösen Kulturen und Bekenntnissen distanziert. Vermutlich braucht man diese festen Bestandteil auch, um das ganz persönliche und private Fest der Liebe zu zelebrieren. Scheint wichtig zu sein - einmal im Jahr.

Aber ist denn Weihnachten überhaupt noch das gesellige Familienfest?

JA: Für Deutschland schon; ritualisierte Familiengeselligkeit konzentriert sich auf Weihnachten als fester Termin. Das ist sehr spezifisch. In vielen anderen Ländern hat Weihnachten ja gar nicht diesen Stellenwert. In den USA wird Familiengeselligkeit an Thanksgiving zelebriert, in Russland zu Silvester. Gleichzeitig hat die Säkularisierung von Weihnachten und die Ausdifferenzierung von Familie hier auch kontinuierlich zu einem Bedeutungsabbau beigetragen.

Wie kam es denn dazu, dass Weihnachten ein großes Familienfest wurde?

JA: Zum Familienfest schlechthin wurde Weihnachten im 19. Jahrhundert ausgebaut, zur Stärkung der neu entstandenen bürgerlichen Kleinfamilie. Heute ist diese Familienform vielfach in Abwehrkämpfen gefangen. Die meisten Patchworkfamilien etwa können und wollen sich gar nicht an einen Tisch setzen. Gleichzeitig gibt es eine Pluralisierung von Angeboten, die es nicht mehr zwingend machen, sich zu Weihnachten in den Schoß der Familie zu begeben. Sie finden jede Menge Alternativen.

Aber das Familienfest trotz dem Zeitgeist? Oder nicht?

JA: Es gibt nach wie vor diese Pathosformel der Familie als einem glücklichen Ort, die zu Weihnachten voll ausgefahren wird. Fast seltsamerweise wirkt die nach wie vor gut. Die soziale Immobilität während der Pandemie wird die Bedeutung der Familie zu Weihnachten sicher neu stärken, ohne die Säkularisierung des Festes aufhalten zu können.

Was ist Ihnen aus Ihrer Kindheit von den Weihnachttagen in Erinnerung geblieben?

JA: Der Kulturkampf im eigenen Zuhause um einen mit Lametta geschmückten Baum, wie ihn mein Vater liebte, und der Variante mit Strohsternen und Kugeln, die wir anderen favorisierten. Plötzlich kristallisieren sich familiäre Dynamiken und Machtpositionen ganz deutlich heraus. An einer Mikrohandlung wie dem Baumschmücken kann man dann die gesamte Familiendynamik ablesen, fast eine Art Familienaufstellung. Sicher auch, weil das eine der wenigen Gelegenheiten überhaupt war, dass die Familie etwas gemeinsam gemacht hat.

FTB: Mir fällt zuerst mein Großvater ein. Er verschwand immer kurz nach dem Weihnachtsbraten vom Esstisch, um, wie er sagte, in seinem Arbeitszimmer ein Fenster fürs Christkind zu öffnen. Dann klingelte ein Glöckchen und wir durften sein Heiligtum betreten. Ein Weihnachtsbaum stand dort, mit echten Kerzen, hell erleuchtet, und unter einer großen weißen Tischdecke waren Geschenke versteckt. Nach gemeinsam gesungenen Liedern wurde dann die Decke entfernt…

Man redet heute von einer Geschenkeflut. Ist das tatsächlich so - und wie war es in früheren Zeiten?

FTB: Das meiste »Früher« kennen wir ja nur aus Büchern, der Unterhaltungsindustrie und der Forschungsliteratur. Das andere »Früher« ist das, wovon ich selbst noch sprechen könnte, weil ich dabei war.

JA: Das Wort »Geschenkeflut« ist eine wohlfeile Kritik. Weihnachten, wie wir es kennen, mit Tannenbaum, Geschenken, Weihnachtsmann und Familie gehört zum Bürgertum und wird ab dem 19. Jahrhundert installiert. Insofern gehört es auch zum Kapitalismus. Was da kritisiert wird, ist also in Wirklichkeit eine der großen Stärken von Weihnachten: Nämlich eine kapitalistische Logik der Übertreibung und Verausgabung zusammenzubringen mit der Illusion von Besinnlichkeit und Spiritualität. Was wir feiern, ist nach wie vor ein Wirtschaftswunderweihnachten. Die materielle Seite von Weihnachten war immer bedeutend.

Was liegt bei Ihnen unterm Weihnachtsbaum. Sie müssen ja nicht ins Detail gehen, um Ihrer Familie nicht zu viel zu verraten…

JA: Da liegen vor allem Geschenke für die Kinder, die sollen was zum Auspacken haben. Am imposantesten ist sowieso jedes Jahr der Berg an Geschenkpapiermüll.

FTB: Unter meinem Weihnachtsbaum liegen Dinge, die meiner Liebe Ausdruck geben sollen. Gekauftes, klar, aber eben auch solche Sachen, mit denen ich zeigen kann: »Ich habe mir gemerkt, was dir gefällt. Du bist mir wichtig!«

Gehört ein Gottesdienstbesuch bei Ihnen zum Weihnachtsprogramm?

JA: Nein. Als Agnostiker würde ich mich dort fehl am Platz fühlen. Um nur des Gefühls wegen, wenn ich es hätte, eine Kirche zu besuchen, habe ich doch zu viel Respekt vor der Religion.

FTB: Da fragen Sie den Theologen! Es gibt nichts Großartigeres als einen gut gemachten Weihnachtsgottesdienst. Aber wer macht heutzutage noch gute Gottesdienste? Im Ernst, es gefällt mir überhaupt nicht, in einer Massenveranstaltung zugegen zu sein, wo junge Eltern(teile) ihre Kinder durch die Bänke toben lassen, ältere Zeitgenossen ihre Weihnachtspflicht absitzen und schlecht vorbereitete Geistliche hilflos über das Wunder der Geburt plaudern, ohne die Botschaften der Engel aufzugreifen, nämlich: »Fürchtet euch nicht! Euch ist der Heiland geboren!« und »Ehre sei Gott in der Höhe und Frieden auf Erden«!

Früher waren die Tage vor Weihnachten eine Fastenzeit. Davon kann ja heute keine Rede mehr sein. Wie kam es zu der Veränderung?

JA: Das hat natürlich mit der Umbesetzung von Weihnachten hin zu einem vor allem säkularen Fest zu tun, das der Bestätigung des Familienzusammenhalts dient. Je weltlicher das Fest wird, desto stärker wird sein kirchlicher Ursprung zum Ornament einer bloßen Gefühligkeit. Dann isst man auch lieber gut - um zu zeigen, dass man sich das leisten kann - als zu fasten und Demut zu üben. Das Fasten kommt als Praxis erst zurück, wenn die Gesellschaft insgesamt so wohlhabend geworden ist, dass im Verzicht sozialer Status kommuniziert werden kann.

Apropos Essen: Ist denn die Weihnachtsgans noch ein Thema? Oder geht der Trend auch hier zu vegetarischen oder veganen Speisen?

JA: Dass 2021 vermutlich weniger Gänse in den Topf kommen werden, hat weniger mit Vegetariertum zu tun, als mit durch Corona bedingten Engpässen. Die Pluralisierung von Weihnachten hat auch kulinarisch einiges zu bieten, vom Festessen jeglicher Art bis zum freudlos pietistischen Mahl mit Kartoffelsalat - und sicher auch inklusive diverser vegetarischer, veganer Varianten.

FTB: Mein Sohn ist Vegetarier. Seine Gründe und Argumente überzeugen mich sehr. Ich persönlich mag die Gans, kann sie aber nicht mehr vertragen. Zu viel Fett… Vermutlich ist das auch ein Ding des Weihnachtsfestes: Insgesamt zu fett!

Warum sind wir so auf weiße Weihnachten fixiert?

JA: Das dürfte in Zusammenhang stehen mit der Neucodierung des Weihnachtsfestes im 19. Jahrhundert, der Ablösung von kirchlichen Kontexten und der Erfindung von Weihnachten als familiär-romantischem Ereignis. Zugleich transportiert das Weiß des Schnees Bedeutungen wie Unschuld und Anfang.

FTB: Außerdem haben Bing Crosby, Wham und Mariah Carey dafür gesorgt, dass bestimmte Schneebilder - nun ja: zu kalthartem Eis werden!

Was gab es denn früher für Weihnachtsbräuche und Rituale, die heute nicht mehr gepflegt werden?

FTB: Ganz viel früher hat die Christenheit Karfreitag und Ostern gefeiert, das war’s. Weihnachten ist eine Erfindung der christlich konvertierten römischen Cäsaren, die die Festtraditionen ihres Kulturkreises geschickt mit biblischen Episoden verknüpften und flugs aus dem Gottheitsgeburtstag des Sol invictus am 25. Dezember das Datum der Erdenmenschwerdung Christi gemacht haben. Und das war nur der Anfang.

JA: Da muss ich etwas passen. Was sicher kaum noch verbreitet ist, ist das gemeinsame Musizieren in der Familie in der Adventszeit. Das sind Praktiken, die vor allem dann gut funktionieren, wenn es wenig Alternativen gibt. Sobald Konkurrenz aufkommt, andere Milieus, andere Kulturtechniken geöffnet werden, ist Schluss mit dem Fokus auf die eigene Familie bei häuslichen Aktivitäten zum Fest.

Und welche Weihnachtsrituale sind unerschütterlich, werden auch in den nächsten Jahrzehnten weiter Bestand haben?

JA: Weihnachtsbaum, der Weihnachtsmann und Geschenke sind bei uns fest verankert im kulturellen Haushalt und werden so schnell nicht verschwinden. Daran zeigt sich aber auch schon die konsequente Säkularisierung des Festes, das sich außer an der Nahtstelle des Kirchgangs von seinem religiösen Ursprung weitgehend emanzipiert hat. Zwei dieser Rituale haben mit dem religiösen Kern gar nichts zu tun: das eine ist heidnisch markiert, das andere kapitalistisch.

FTB: Der Weihnachtsbaum ist übrigens ein Relikt aus der Tradition der Passionsspiele. Hier gab es zwei Teile; im ersten Teil wurde die Paradieserzählung veranschaulicht, im zweiten Teil die Geschichte Christi von der Geburt bis zum Kreuzestod. Und, kein Scherz, der Paradiesbaum des ersten Schauspielaktes - ein haltbarer Nadelbaum mit eingehängten roten Früchten! - blieb sozusagen als schwer entfernbare Requisite im zweiten Akt auf der Bühne stehen. Das merken sich die Leute irgendwie…

Glauben Sie an die Geschichte aus dem Lukas-Evangelium?

JA: Nein, das ist eine Geschichte und nur deshalb konnte sie auch so erfolgreich und anschlussfähig werden. Die protestantische Leben-Jesu-Forschung hat versucht, das zu historisieren, mit unterschiedlichem und durchaus ambivalentem Erfolg. Was bleibt übrig von einer Religion, wenn sie den Kern runterrationalisieren auf ein paar dürre historische Fakten? Sie können die Geschichten also glauben und müssen dann eigentlich gerade auch glauben, was nicht glaubhaft ist, dann bleiben sie auch bei der Religion. Oder sie glauben es nicht, weil es so nicht gewesen sein kann. Dann spielt aber auch keine Rolle, wie es historisch gewesen sein könnte. Denn als bloße Geburt eines Kindes unter vielen wird die Geschichte völlig bedeutungslos.

FTB: Ich »glaube« an jede gute Erzählung. Und eine Sage ist doch eine Geschichte, die etwas zu sagen hat, oder?

Haben Sie schon einmal so etwas wie ein Weihnachtswunder erlebt?

JA: Diese Fixierung auf das Wunder zu Weihnachten, also die Verkitschung der Geschichte von der Kindsgeburt zu Bethlehem, ist ja im Grunde die Abschaffung des Wunders und dessen Ersetzung durch den Versandhandel.

FTB: Ich habe auch zu Weihnachten schon so manches Wunder erlebt. Ob es allerdings das ist, was Sie meinen, wage ich zu bezweifeln.

Vielen Dank! Ein gesegnetes Fest für Sie und Ihre Familien.

Dr. Jörn Ahrens ist Professor für Kultursoziologie an der Justus-Liebig-Universität Gießen und Extraordinary Professor of Social Anthropology an der North West University, Südafrika. Seine Arbeitsschwerpunkte sind Angst und Gewalt, populäre Kultur sowie Natur und Kultur.

Dr. Frank Thomas Brinkmann ist Professor für Praktische Theologie an der Justus-Liebig-Universität und Vorstandsvorsitzender der Theologischen Gesellschaft für POP-, Kultur- und Religionserforschung. Zu seinen Arbeitsschwerpunkten gehört Brauchtums- und Folklorekunde, Katechismusforschung sowie Predigtlehre und Narratologie. (Fotos: Uni Gießen)

Jörn Ahrens
F. T. Brinkmann

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