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Wertlos für die Natur

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Von: Thomas Wißner

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Cornelia Fink Nabu-Vorsitzende © Thomas Wißner

Die Nabu-Vorsitzende Cornelia Fink aus Linden geht hart ins Gericht mit Steingärten-Freunden.

Linden (twi). »Schade, das nicht noch mehr Leute gekommen sind«, bedauerte SPD-Ortsvereinsvorsitzender Andreas Eichberger, als er mit der neuen Nabu-Vorsitzenden Dr. Cornelia Fink die Referentin des Abends vorstellte. Dennoch interessierten sich gut zwei Dutzend Zuhörer im »Lindener Hof« für »Gärten des Grauens«, sprich Steingärten, die immeröfter angelegt werden.

Unter dem Motto »Linden blüht - gemeinsam für mehr Vielfalt« widmete sich die Tiermedizinerin den Steingärten. Sie sei zwar keine Expertin, habe sich aber aus Interesse mit dem Thema besonders auseinandergesetzt, betonte Fink. Weltweit sei ein dramatisches Artensterben zu beobachten. »In den vergangenen 30 Jahren sind 30 Prozent aller Tier- und Pflanzenarten ausgestorben.

Und das, obwohl bereits 1992 die erste internationale Biodiversitätskonvention in Rio de Janeiro unterzeichnet wurde. Zudem wurden auch bundes- und landesweit sämtliche Biodiversitätsstrategien entwickelt. Doch gehandelt wird kaum und alle internationalen und nationalen Ziele wurde bislang bei weitem verfehlt«. Und weil sich kaum etwas bewege, würden täglich weltweit rund 130 Tier- und Pflanzenarten aussterben.

Von den acht Millionen Tier- und Pflanzenarten, die es auf der Erde gebe, seien eine Million bedroht. 70 Prozent der Arten seien aufgrund der Zerstörung ihres Lebensraums vom Aussterben bedroht, während »lediglich« 19 Prozent vom beschleunigten Klimawandel betroffen seien.

»Das heißt, selbst wenn wir es schaffen würden, den Klimawandel zu begrenzen, ist der Verlust der Biodiversität damit noch lange nicht gestoppt.« Die Biodiversität sei aber Voraussetzung für eine intakte Natur.

Artensterben vor der Haustür

Dass das Artensterben auch direkt vor unserer Haustür stattfinde, sei nachgewiesen. So sind in der Region um Laubach in den vergangenen 130 Jahren bis zu 80 Prozent der Blütenpflanzen verschwunden. »Das ist eine der Ursachen, für den Rückgang von 80 Prozent der Fluginsekten-Biomasse in den vergangenen 25 Jahren«.

Neben Bienen seien auch über die Hälfte der Schmetterlingsarten und jede zweite Käferart rückläufig. 49 Prozent der Heuschrecken und 37 Prozent der Libellenarten seien bedroht.

Blühende Wege- und Ackerränder, Gewässersäume mit Wildbewuchs, Hecken und Bauminseln in unserer historischen Kulturlandschaft würden Pflanzen und Tieren Nahrung, Lebensräume und Wanderwege bienet, doch immer mehr Fläche werde versiegelt.

Die zunehmende Umwandlung urbaner Grünflächen in Schotter- und Pflasterflächen raube den heimischen Tieren und Pflanzen die letzten Lebensräume. Gerade Pflaster- und Schottergärten hätten problematische Auswirkungen, seien diese doch als Lebensräume wertlos und bieten weder Insekten, Vögeln und anderen Tierarten Nahrung, Versteck- und Nistmöglichkeiten.

Auch auf den Wasserhaushalt nehme diese Gartenformen Einfluss, denn Regenwasser könne nicht mehr versickern und Grundwasser sich nicht neu bilden. Starkregen könne so zur Überlastung der Entwässerungssysteme und zu Gebäudeschäden führen.

»An heißen Tagen heizen sich die Steine stark auf und geben die Hitze nachts ab.« Die Umgebungstemperaturen blieben dementsprechend auf sehr hohem Niveau. Das wirke sich bei zunehmendem Versiegelungsgrad auf das Mikroklima der gesamten Ortschaft aus.

Während Grünflächen Schadstoffe aus der Luft filterten, Sauerstoff produzierten und Lärm absorbierten, führten Stein- und Betonflächen zu Staubverwirbelungen und Lärmverstärkung.

Überhaupt werde mit dieser Gartenform wertvoller Boden zerstört, da er seiner Funktion als Speicher und Filter aber auch Lebensraum beraubt werde. Eine dicke Schicht Schotter verhindere den Luft- und Nährstoffaustausch, sodass das Bodenleben stirbt. Auch hinsichtlich des Stadtbildes würden versiegelte Gärten nicht zu einem positiven Erscheinungsbild beitragen. »Dagegen sind es innerörtliche Grünräume, die in besonderem Maße ein attraktives Stadtbild prägen.«.

Zuversichtlich stimme ihre Beobachtung, dass »überall Menschen mit Entschlossenheit und Zuversicht angefangen haben, ihre Gärten nicht mehr nach den Kriterien von Gartencenter-Schönheit oder Hochglanzmagazinen anzulegen. Sie haben erkannt, dass Insekten bei einem Großteil der angebotenen gefüllten Blumen oder sterilen Hybridpflanzen schlicht verhungern.«

Es werde in Gärtnereien und nach insektenfreundlichen Blumen und Büschen gefragt. Ecke des Gartens oder ein Blumentopf auf dem Balkon der Natur überlassen. Nicht alle Brennnesseln würden entfernt, da sie die Nahrung vieler Schmetterlingsraupen sind. Die Gartenliebhaber änderten ihre Wahrnehmung und räumten ihre Gärten im Herbst nicht auf, »weil dort draußen unter Laubhaufen, in abgeblühten Stauden stengeln oder Baumschnitt Insekten, Amphibien, Igel mit uns bei Kälte und Dunkelheit ausharren.«

Ein achtsamer Gartenfeund vermeide unnötige Lichtverschmutzung durch Leuchtkugeln und LED-Bänder im Garten, die von nachtaktiven Insekten bis zum Erschöpfungstod umschwirrt würden. »Und er sammelt Regenwasser in Tonnen, Zisternen oder ausgedienten Öltanks, um Pflanzen und Tiere über die zunehmenden Dürreperioden zu retten.« Foto: Wißner

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Hier lebt nichts mehr. Symbolfoto: dpa © Red

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