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Irma Hartmann (97) mit ihrem Urenkel John und ihrem jüngsten Sohn Gunter.

Wie das Fest früher war

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Irma Hartmann ist nah dran an ihrem 100. Weihnachtsfest. Mit 97 sieht sie die Dinge sehr gelassen. Plätzchen backt sie schon lange keine mehr. Als ihre vier Kinder klein waren, da ging’s natürlich noch ab in der Küche. Lange her. Heute lebt sie allein in ihrem Haus, aber einsam ist sie nicht: Nebenan wohnt Sohn Gunter mit seiner Familie und gleich um die Ecke Tochter Heidrun.

Weihnachten - das sind seit vielen Jahren vor allem festliche Tage. Wunschzettel werden geschrieben. Es gibt gutes Essen, das feine Geschirr kommt auf den Tisch, die Gläser werden poliert, edle Getränke serviert. Ein Tannenbaum wird geschmückt. Viele gehen in die Kirche. Noch was? Ja, genau, man kommt zusammen. Großeltern, Eltern, Kinder, Freunde, Onkel, Tanten, Paten - und alle, die irgendwie dazugehören. Wie es bei jedem halt so ist. Denn Weihnachten ist ein Familienfest. Und Familien sind nun mal eben nicht nur Mutter, Vater, Kind(er).

Viele machen sich Weihnachten auf den Weg nach Hause. Das Lied »Driving home for Christmas« beschreibt das wunderbare Gefühl, Richtung Heimat zu fahren. Wohl dem, der ein Zuhause hat, und auch dem, der nicht allein ist. Denn Einsamkeit schmerzt an den Feiertagen noch viel mehr als sonst.

Wenn Zeitreisen möglich wären, wenn Kinder von heute ins Jahr 1930 »gebeamt« und genau an Heiligabend eintreffen würden, dann wäre das vermutlich für sie so etwas wie ein Kulturschock. 1930 war Irma Hartmann sechs Jahre alt und hieß mit Nachnamen Biedenkopf. Sie hatte drei Geschwister - Karl, Heinrich (genannt Heine) und Hugo, 1932 kam noch Schwester Elli dazu. Viel Platz war nicht im Haus. Unten gab es eine große Stube, darin schliefen Irmas Großeltern. Der Raum war aber auch zugleich der Treffpunkt der Familie. Auch an Heiligabend. In der sehr kleinen Küche war kein Platz für alle. Irma, ihre Geschwister und die Eltern schliefen oben. Später wurde angebaut. Danach gab es mehr Wohnraum.

Dennoch: Nach heutigen Verhältnissen war das eher eine drangvolle Enge. Aber der kleinen Irma und ihren Geschwistern war das egal: Wichtig war ihnen die Gemeinschaft. Und die war ja auch von Anbeginn der neuen Zeitrechnung der Kern von Weihnachten. Denn schon vor 2000 Jahren, so erzählt der Evangelist Lukas, bekamen Maria und Josef, als das Jesuskind geboren war, Besuch. Hirten und Enkel kamen, danach auch noch Weise aus dem Morgenland. Feines Geschirr gab es damals nicht. Und im Jahr 1930 stand auch bei Familie Biedenkopf kein »Meissener« auf dem Tisch.

Und wie war das jetzt an Heiligabend? Frau Hartmann erzählt: »Wir haben uns schon lange vorher darauf gefreut und waren sehr gespannt: Gibt es was vom Christkind - oder gibt es nix?« Und dann fasst sie die Weihnachtsfeste ihrer Kindheit kurz, knapp und präzise zusammen: »Wir gingen immer in die Kirche, und als wir wieder nach Hause kamen, war das Christkind leider schon weg.« Sie macht eine Pause, dann fügt sie hinzu: »Es hat aber immer Geschenke dagelassen.« Dabei lächelt sie beseelt - so, als wäre es gestern gewesen. »Einen Baum hatten wir immer«, sagt sie. Ihr Vater habe sich meist schon im Herbst im Weickartshainer Wald umgeschaut und sich einen Baum ausgesucht. Plätzchen wurden auch gebacken. Aber nicht im eigenen Herd. Damals musste man die Bleche noch ins Backhaus tragen. Nach dem Brotbacken reichte die Hitze noch für das zarte Gebäck.

Für die Kinder war die Bescherung der Höhepunkt des Abends - und das ist ja bis heute so geblieben. Gott sei Dank (wenn es nicht zu arg übertrieben wird). Denn das Geben und Teilen gehört zu Weihnachten. Das Christkind in der Krippe bekam ja auch Geschenke. Laut dem Evangelisten Lukas sogar wertvolle Dinge: Gold, Weihrauch und Myrrhe. Das war bei den Biedenkopfs und bei fast allen Familien anders: »Es gab meistens praktische Sachen, Dinge, die man sowieso brauchte«, erzählt Irma Hartmann. Handschuhe und Mützen zum Beispiel. »Einmal bekam ich einen richtig schönen Wintermantel - mit Pelzkragen. Das war schon was Besonderes. Aber mein schönstes Geschenk war eine Puppe mit Schlafaugen.« Die Freude hielt nicht lange: Irmas Bruder Hugo wollte genauer wissen, wie das funktioniert mit den Lidern - und versetzte die Puppe in einen Dauerschlaf. Die kleine Irma war nicht nachtragend - und ist es auch später nicht geworden.

1949 heiratete Irma ihren Karl aus dem Nachbardorf. Auch da war es eng, sehr eng sogar: Karl hatte vier jüngere Geschwister - Hannah, Minna, Otto und Hannelore, die alle noch zu Hause bei den Eltern wohnten. Da Irma selbst aus einer kinderreichen Familie stammte, hatte sie damit keine Probleme. Aber bald wurde an- und umgebaut - so entspannte sich auch da die Situation. Und wie das Leben so ist: Wo früher viele Menschen zusammenlebten, wo immer Bewegung war, ist Irma heute meist ganz allein. Und ja, es ist still geworden im Haus. Aber wenn Enkelin Merlin und Urenkel John rüberkommen, oder die anderen Enkel und Urenkel sie besuchen, dann ist es so ein bisschen wie früher.

Irma Hartmann ist eine bescheidene Frau. Sie hat einiges durchgemacht im Leben. In der Blüte ihrer Jahre wurde sie schwer krank. Sie wurde geheilt. Gunter, ihr jüngster Sohn, wurde, als er noch ganz klein war, von einem Motorrad erfasst und mitgeschleift. Sein Leben hing an einem seidenen Faden. Ein Arzt sagte damals zu ihr: »Frau Hartmann, wir glauben nicht, dass ihr Junge das schafft.« Aber er überlebte.

Heute sind fast alle aus ihrer Generation gestorben, nur ihre jüngste Schwester Elli und Hannelore, die jüngste Schwester ihres Mannes, leben noch. Eins möchte sie am Ende des Gesprächs noch loswerden - und sie sagt es in ihrer Muttersprache: Ach Gott, ihr Kearn. Aich freue mich immer noch off Kreastdoag. Eam Leawe härr aich nitt gedoacht, dass aich emo so aalt wean.«

Mutter und Großmutter schmücken den Weihnachtsbaum - nach einem Aquarell von Robert Beyschlag (1892).

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