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Wilfried Schmied: »Ich warte die Stichwahl ab«

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Wilfried Schmied hat die Wand hinter ihm mit keramischen Riemchen der Farbe Gail 66 selbst verlegt. Foto: Heller © Heller

Wilfried Schmied wollte nach über 50 Jahren in derPolitik eigentlich seinen Hut nehmen. Doch jetzt »verschiebt« der Treiser seinen geplanten Ausstieg noch einmal.

Staufenberg. Einmal wurde über Wilfried Schmied fremd verfügt, zweimal hat er in seinem Leben eine Bewerbung verschickt und verschiedene Male ist er persönlich angesprochen worden. Sein beruflicher Lebensweg könnte ein Buch füllen. Zum Autor fühlt sich Schmied aber nicht berufen. In die Politik stieg er 1972 als Spätberufener mit 29 Jahren ein. Am 22. Oktober 2022 wären fünf Jahrzehnte mit haupt- und ehrenamtlichen Ämtern voll gewesen. Schmied wollte schon seinen Hut nehmen. Doch CDU-Stadtverbands-Vorsitzender Christian Knoll bat um Aufschub. Man habe einen Kandidaten für die Bürgermeisterwahl 2023. Sollte Schmied ab Herbst fortbleiben, könnte das bei den Leuten vielleicht in den falschen Hals kommen. Schmied: »Ich warte die Stichwahl ab.« Der Reporter ist verblüfft, gab es doch bis heute nur zwei Kandidaten. »Schauen Sie mal auf Facebook«, weiß Schmied von einem dritten Bewerber, der aus Salzböden stamme und in Staufenberg wohne.

Zu seinem baldigen Abschied von der politischen Bühne sagt Schmied, »das wird für mich ohne Groll passieren«.

Nachwuchs soll ran

Politische Wünsche junger Menschen und 80-Jährigen unterschieden sich doch. Daher solle der Nachwuchs ran. Fast am Ende des politischen Wirkens angelangt, hat er diese Woche noch ein Ereignis in Gastfunktion miterlebt, das ihm als »Höhepunkt« in Erinnerung bleibt. Am Mittwoch unterzeichneten das Hessische Wirtschaftsministerium, der Landkreis Gießen, das RHI-Werk und die Stadt Staufenberg eine Finanzierungsvereinbarung zur Reaktivierung der Bahnstrecke von Lollar nach Mainzlar. Die Rettung des RHI-Standorts und der Arbeitsplätze entspricht genau seiner Antriebsfeder, dem Machen. Es bestärkt ihn in seiner Gewissheit, »was heute noch geht, wenn man es will«.

Die Posten sind Schmied zugetragen worden. Saß er jedoch einmal drauf, hat er offenbar etwas Gescheites daraus gemacht. Respektvoll wird er heute noch mit »Regierungspräsident« (1999 bis 2009) begrüßt.

Schmied lernte Maschinenschlosser, studierte Maschinenbau und Betriebstechnik an der damaligen Ingenieurschule Friedberg. Dann rief die Bundeswehr zur berufsnahen Verwendung im Instandsetzungsbataillon in Stadt Allendorf. Seine Bewerbungen gingen an die Firma Adrema/Frankfurt/M. (nach der Lehre) und Gail Baukeramik (nach dem Bund). Unterdessen gab die Gebietsreform Hessen 1972 ein neues Gesicht. Sein Wohnort Treis geriet zum Zankapfel. Schmied plaudert aus dem Nähkästchen: »Ministerpräsident Albert Osswald hatte die Jagd in Climbach gepachtet, Walter Deissmann, damals noch SPD, war Allendorfs Bürgermeister.« Beide hätten wohl die heutige Konstellation ausgehandelt: Allendorf bleibt selbstständig, Treis wird Staufenberg zugeschlagen.

Am 22. Oktober 1972 (daher die 50 Jahre) lief in Hessen die Kommunalwahl. Schmieds Onkel Leo Pohlner hatte ihn angesprochen, für die Freien Wähler zu kandidieren. Zu dieser Zeit gab es nur zwei Fraktionen: FWG und SPD. Der Bürgermeister hieß Heinrich Nuhn und der Gemeindehaushalt war zwei Seiten schmal. Weil es in einem Dorf immer was zu kritisieren gibt, gab Schmied grünes Licht für seinen Listenplatz. Onkel Leo hatte zumal angedeutet, »das ist nicht viel Arbeit«. Die Freien Wähler erhielten 43,4 Prozent und einen Sitz hinzu. Schmied rückte auf zum ehrenamtlichen Gemeindevertreter.

Sachbezogener Mensch

Dann räumt er ein unausrottbares Vorurteil aus dem Weg: »Wir sind nicht das fünfte Rad am Wagen.« Er könne seit dem Zusammenschluss 1974 nicht etwa feststellen, dass »Treis zu kurz gekommen ist«. Die Umgehungsstraße sei wegen der Topografie »eine Utopie«.

Bei den Freien Wählern habe ihn nichts gestört, so Schmied. Er sei zumal ein sachbezogener Mensch. Der Landkreis Gießen sei, mit Ausnahme von Grünberg, für die CDU eine Diaspora gewesen. Wiederum kam jemand auf ihn zu: CDU-Kreisvorsitzender Gerhard Keil. Der weilte auf Wachstumspfaden und fragte nach Interessenten für die Gründung eines CDU-Ortsverbands Treis. Sieben Personen wäre die Mindestzahl. Aufbruchsstimmung bei Schmied, etwas Neues zu machen. Dieter Lemmer, gerade mal 16 Jahre alt, wurde der siebte Mann. 1974 formierte sich der CDU-Stadtverband, Schmied wurde rasch Fraktionsvorsitzender. 1983, er besuchte in Langgöns erstmals einen Neujahrsempfang seiner Partei, warf ihm wiederum der Kreisvorsitzende Keil unvermittelt zu: »Du musst Bürgermeister in Hungen werden.« Er sei aber nicht der einzige Bewerber aus den eigenen Reihen. Die CDU pokerte lange, nominierte Schmied am Ende einstimmig. Er schmiss zwei Gegenkandidaten, darunter Willi Marx, aus dem Rennen, wurde 1984 Bürgermeister und blieb bis 1993. Soeben hatte Schmied sein neues Heim in der Straße Am Busch 6 gebaut, da musste er umziehen. Ihren Bürgermeister wollten die Hungener am Ort haben. Also vermietete Schmied sein Haus zuerst an Amerikaner, dann an Schweden. Seine Schwerpunktaufgaben am neuen Wohnort betrafen die Altstadtsanierung, die Verbandskläranlage und die Umgehungsstraße. Schmied nennt sein Wirken im Südkreis »eine äußerst erfolgreiche Zeit«.

Die Stadt sei allerdings vermögend gewesen und habe 3000 Arbeitsplätze geboten. Bezüglich der Kläranlage habe er damals mit Jochen Becker zu tun gehabt. Der sei technischer Beamter beim Wasserwirtschaftsamt Marburg gewesen und zuständig für Hungen. Schmied: »Mit Becker bin ich gut voran gekommen.« Becker wurde hernach Geschäftsführer des Zweckverbands Lollar-Staufenberg und geht zum Jahresende in den Ruhestand.

1993 fehlten im Kreishaushalt sieben Millionen Euro. Die regierende CDU brauchte Schützenhilfe von der SPD. Volker Bouffier, unterdessen CDU-Kreisvorsitzender, kontaktierte Schmied, er möge in die Verhandlungskommission eintreten.

Ein Ergebnis sah vor, dass die CDU den Posten des 1. Kreisbeigeordneten erhalten solle. Bouffier schlug Schmied auf die Schulter. Das wäre doch was für ihn. Es gebe aber noch zwei weitere Bewerber im Hintergrund. Es kam, wie es kommen musste. 1997 musste Schmied seine einzige Niederlage einstecken. Bei der Landratswahl verlor er die Stichwahl gegen Willi Marx, der ihm einst in Hungen unterlegen war.

Nie Referenten benötigt

Zum 40. Geburtstag von Heinz-Peter Haumann, dem späteren Gießener Bürgermeister, machte das Gerücht die Runde, Schmied werde der nächste Regierungspräsident. Volker Bouffier, 1999 Innenminister unter Roland Koch, hatte erneut den Parteifreund kontaktiert. Macher Schmied: »Es hat mich immer gefreut, dass während einer Dienstzeit etwas entsteht.« Voraussetzungen wie in Hungen gehörten dazu und ein »halbwegs vernünftiges Parlament«. In keiner hauptamtlichen Funktion habe er einen Referenten oder Assistenten benötigt.

Schmied outet sich als Aktenfresser. Doch hat er den entscheidenden Vorteil: Seine Fähigkeit, den unvermeidlichen Papierkram mit der Alltagspraxis so zu vereinen, dass greifbare Ergebnisse entstehen.

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