1. Startseite
  2. Kreis Gießen
  3. Kreis Gießen

Windpark-Beschlüsse im Frühjahr

Erstellt:

Von: Volker Böhm

gikrei_2811_wind_vb_2811_4c
Das könnte der Blick von einem der potenziellen Windräder auf Oppenrod sein. Neben einem Windrad auf einem privaten Grundstück, das bereits im Genehmigungsverfahren ist, könnten im Fernewald vier weitere Anlagen auf kommunalen Flächen entstehen. Archivfoto: Zylla © Red

Zum möglichen interkommunalen Windkraft-Projekt im Fernewald fand ein erster, sachlich geprägter Infoabend für Kommunalpolitiker und Bürger statt.

Kreis Gießen. »Wir stehen erst ganz am Anfang.« Busecks Bürgermeister Michael Ranft (CDU) sagte diesen Satz dreimal und sein Gießener Amtskollege Alexander Wright (Grüne) sprach später am Abend davon, dass man »am Start« sei. Im kommenden Frühjahr werden sich die Kommunalpolitiker aus Buseck, Fernwald und Gießen entscheiden müssen, ob sie ein interkommunales Windenergie-Projekt mit vier oder fünf Anlagen im Fernewald wollen. Auf 153 Hektar zwischen Oppenrod, Steinbach und Annerod haben alle drei Kommunen Flächen. Und diese bilden im Teilregionalplan Energie das Vorranggebiet 4114a für Windkraft. Am Freitagabend fand in der Fernwaldhalle in Steinbach ein erster Infoabend für die Kommunalpolitiker, aber auch die Bürger statt. Rund 200 Besucher füllten die Halle. Es war ein sachlich geprägter und mit zwei Stunden Dauer sehr kompakter Abend.

»Wir müssen etwas für die Energiewende tun und die Steuerung bei uns behalten«, erklärte Fernwalds Bürgermeister Manuel Rosenke (parteilos) zu Beginn. Er erinnerte an den Grundsatzbeschluss aller drei Parlamente. Damit wurden Magistrat und Gemeindevorstände beauftragt, mit möglichen Projektierern zu sprechen, Beteiligungsmöglichkeiten zu prüfen, einen möglichen Windpark nur interkommunal umzusetzen, bei dem Bürgerbeteiligung eine Voraussetzung ist.

Referenten des Abends waren Rolf Pfeifer und Dr. Dirk Vetter von »Endura kommunal« aus Freiburg. Vetter betonte, dass man Kommunen in allen Fragen der Energiewende berate: »Wir stehen auf der Seite der Kommunen.« Der Stromverbrauch werde bis 2035 wegen des Mehrbedarfs bei Wärme und Mobilität um 65 Prozent steigen. Wegen der Klimaneutralität müssten bis dahin 240 Prozent mehr erneuerbare Energien erzeugt werden - hauptsächlich durch Wind und Fotovoltaik. Während bei Wind eine Fläche von 0,3 Quadratmetern benötigt werde, um eine Megawattstunde Strom zu erzeugen, seien es bei Freiflächen-Fotovoltaikanlagen zwölf Quadratmeter. Außerdem erzeugten Windräder im Winter, wo es einen höheren Bedarf gibt, mehr Energie als Fotovoltaik, erklärte Vetter.

Bau frühestens 2027/28

Pfeifer stellte dar, welche Schritte zur Realisierung nötig sind. Bislang vergingen sechs bis neun Jahre bis zur Inbetriebnahme, laut Bundesregierung sollen es künftig nur drei bis vier Jahre sein. »Vor 2027/28 wird da nichts entstehen«, meinte mit Blick auf den Fernewald. Der Referent beschrieb, dass ein größerer Rotordurchmesser eine bessere Leistung und dadurch mehr erzeugten Strom bedeute. Aktuelle Anlagen hätten eine Nabenhöhe von 165 Metern und einen Rotordurchmesser von 160 Metern. In fünf Jahren lägen diese Werte eher zwischen 170 und 180 Metern.

Den Flächenverbrauch für ein Windrad bezifferte er mit »circa zwei Drittel eines Fußballfeldes«. Circa 4700 Quadratmeter würden dauerhaft benötigt, weitere 3500 Quadratmeter nur zeitweise. Die Anlagen würden an bestehenden Wegen gebaut oder in jungen oder geschädigten Waldbeständen. Wie ertragreich der Fernewald ist, weiß man allerdings nicht, da es noch keine Windmessung gibt.

Pfeifer zeigte mit seiner Präsentation, wie viele Windräder auf den kommunalen Flächen möglich sind. Bei einem Anstand von 1200 Metern zur nächsten Bebauung würden vier Stück »gut reinpassen«. Ein Privateigentümer habe bereits seine Fläche verpachtet. Es laufe das Genehmigungsverfahren für ein Windrad, berichtete der Referent. »Darauf haben die Kommunen keinen Einfluss.«

Eine Frage, die die Kommunen klären müssen, ist, wie die Einnahmen untereinander aufgeteilt werden und ob Buseck, Fernwald und Gießen den Windpark in eigener Regie betreiben. Bürgerbeteiligung sei »absoluter Standard«, betonte der Referent.

Anhand eines Windparks mit drei Anlagen, der 2025 in Betrieb gehen soll, gab Pfeifer die Investitionen mit rund 30 Millionen Euro an. 80 Prozent davon seien Fremdkapital. Bei zu erwartenden 37 Millionen Kilowattstunden Strom pro Jahr nannte er für einen Zeitraum von 25 Jahren Einnahmen von 15,2 Millionen Euro durch Pacht, den Anteil am Strom und die Gewerbesteuer, die ab dem 16. Jahr fällig wird.

Kriterien für Auswahl festlegen

Vetter stellte abschließend die nächsten Schritte vor: Eine interkommunale Vergabegruppe müsse nun für die Auswahl des Projektierers die Kriterien festlegen. Dabei gehe es zum Beispiel um die Mindestabstände zur Wohnbebauung, die Frage, ob die Kommunen den Windpark selbst betreiben oder nur die Flächen verpachten oder besondere Vorgaben wie einen waldschonenden Aufbau. Daran schließt sich das Auswahlverfahren an.

In der Fragerunde wollte der Busecker Gemeindevertreter Uwe Kühn wissen, mit welchen Einnahmen bei einem kommunalen Betrieb zu rechnen sei. Dies hänge vom Strompreis an, antwortete Pfeifer. Zu berücksichtigen sei, dass die Kommunen mit einem Eigenanteil bei den Investitionen von acht Millionen Euro rechnen müssten.

Ortsvorsteherin Claire Blaschke aus Oppenrod fragte nach den sichtbaren, hörbaren und spürbaren Auswirkungen. Sehen werde man die Windräder natürlich und bis zu einer Entfernung von 1500 bis 1800 Metern je nach Windrichtung auch hören, erklärte Pfeifer, der auf die A 5 als lautere Geräuschkulisse verwies. Zur Frage des Schlagschattens werde es im Genehmigungsverfahren eine Analyse geben.

Die Idee von Gemeindevertreter Roland Kauer aus Buseck, den Strom in der Region zu vermarkten, bezeichnete Pfeifer angesichts des stark regulierten Strommarktes als schwierig. Das Interesse der Stadtwerke Gießen, sich an dem Projekt zu beteiligen, sei »nicht sehr hoch«, erklärte Bürgermeister Wright zu einer Frage des Gießener Stadtverordneten Johannes Rippl (Gigg).

Für Markus Ihle aus Buseck hörte sich alles so an, als sei das Projekt bereits »in trockenen Tüchern«. Rosenke widersprach: »Der Prozess beginnt jetzt.« Der Naturschutz werde ganz groß berücksichtigt, aber es sei wichtig, auf die Energiewende von vor Ort zu setzen, erklärte er zu einem Einwand von Beate Allmenröder aus Buseck. Wright kündigte weitere Infoabende für die Bürger an. Ranft betonte, dass man die Bürger in den betroffenen Orten und deren Ängste mitnehmen müsse. »Ich lade alle zu einer gemeinsamen Diskussion ein.«

Auch interessant