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Wo bleibt der satte Rabatt?

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Unter zwei Euro pro Liter, das ist schon was. Und wer tankt schon Super plus!? Foto: Leyendecker © Leyendecker

Wo bleibt der satte Rabatt? Das fragen sich viele Autofahrer nach der Mineralölsteuersenkung. Eine Suche nach Antworten im Kreis Gießen.

Kreis Gießen (fley). Sind das die versprochenen 30 Cent auf Benzin und 14 Cent auf Diesel an Senkung? Diese Frage stellen sich viele Autofahrer seit dem 1. Juni. Die Steuersenkungen auf Kraftstoffe waren vieldiskutiert, nun sind sie da.

Doch an den Tankstellen im Kreis ist es ruhig, noch muss vielerorts alter Sprit zu alten Preisen vertankt werden. Erst wenn die neuen Lieferungen kommen, wird es spannender. Viele hätten sich daher für Abwarten entschieden, sagt Kim Dennis Backhaus, Marketingleiter von Roth Energie in Gießen.

»Unsere Tankstellenleiter haben berichtet, dass das Tankverhalten sich ein oder zwei Tage vor dem Stichtag geändert hat. Einige haben nur fünf oder zehn Liter gezapft, weil sie im Hinterkopf hatten, dass es billiger wird. Wann ich tanke, das kann ich mir bei Flüssigkraftstoff besser organisieren.«

Seit dem 1. Juni gilt die von der Bundesregierung angeordnete Steuersenkung auf Kraftstoffe. Diesel soll künftig bis zu 14 Cent günstiger, Benzin bis zu 30 Cent werden.

In der Praxis ist das dann wieder eine andere Sache. Zahlte man beim Tanken am Montagvormittag noch 1,96 Euro pro Liter Diesel, so kostete derselbe Kraftstoff am Donnerstagvormittag 1,89 Euro pro Liter. Dass keine Differenz von 14 Cent vorliegt, dafür reichen Grundkenntnisse in Mathematik. Wie kann das also sein? Dafür hat Backhaus ebenfalls eine einleuchtende Erklärung. »Wir haben den kompletten Rabatt eingestellt und unseren Kunden zu Verfügung gestellt. Der Rest ist der tägliche Marktpreis. Eine Tagesschwankung von 10 bis 15 Cent pro Liter, die haben wir seit dem Krieg täglich«, sagt Backhaus. Preisschwankungen und Marktpreise? Kann da eine freie Tankstelle, die nicht konzerngebunden, sondern mittelständig ist, nicht gegensteuern? Tankstellen wie Roth Energie in der Gottlieb-Daimler-Straße in Gießen haben keinen Einfluss auf die Preispolitik und orientieren sich an den anderen Konzernen in der Umgebung, erklärt der Firmenvertreter. »Wir ziehen im Endeffekt nach. Wir schauen auf den Wettbewerb und können punktuelles Feintuning betreiben«, unterstreicht Backhaus. Ursachen für den hohen Preis und den damit verbundenen Mangel an Handlungsoptionen gebe es reichlich. Die Mineralölsteuer sei der eine Faktor.

Sie betrug bis Ende Mai 48 beziehungsweise 39 Prozent (Benzin/Diesel, Quelle ADAC) je Liter, in Zahlen 65,45 bzw. 47,04 Cent pro Liter.

Aktuell sind es bis zum 31. August 35,9 Cent bzw. 33 Cent (Quelle Bundesfinanzministerium). Es werden vom Staat dazu noch rund acht Cent pro Liter bei den Kraftstoffen als CO2- und Erdölbevorratungsabgabe als Krisenvorsorge abgezweigt.

Und zuletzt belasten noch die 19 Prozent Mehrwertsteuer das Preisgefüge für die normalen Endverbraucher.

Hinzu kommen auf Händlerseite Faktoren wie Transport- und Logistikkosten von Kraftstoffen. Wenn die Tanker aus Rotterdam aufgrund von Niedrigwasser im Rhein nur 500 000 statt drei Millionen Liter Kraftstoff transportieren können, dann mache sich das auch an den Tankstellen bemerkbar, erläutert der Vertreter von Roth Energie.

Die Steuern sind ein weiterer Faktor, warum am ersten Tag des »Tankrabatts« noch nicht alle Tankstellen flächendeckend einen niedrigeren Preis anbieten konnten. Denn »Alt«-Kraftstoff zu alten Steuersätzen wartete noch in den Tanklagern auf das Verzapfen, bevor die Vorteile bei den neueren Lieferung greifen.

Besonders im ländlichen Raum war das noch am Donnerstag zu spüren, wo die Anzeigetafeln teilweise noch weit über zwei Euro pro Liter standen. Ein Problem, welches auch den Tankstellenbetreibern bewusst ist. »Wenn von heute auf morgen die Mineralölsteuer wegfällt und jemand noch einen vollen Tank hat, der mit altem Steuersatz besteuert wurde, dann bleibt der auf den hohen Preisen sitzen. Für kleinere Tankstellen ist das ein großes Problem, die müssen dann erstmal ihre Tanks leer kriegen«, sagte Backhaus. Die Tankstellen, die noch vor dem Mittwochmorgen beliefert wurden, hatten den Kraftstoff noch zum alten Steuersatz bekommen und mussten daraufhin die alten »hohen« Preise anbieten.

Einen Versorgungsengpass konnte Roth Energie jedoch nicht vermelden. »Wir hatten nur einzelne Zapfsäulen kurzfristig ohne Sprit. Die Mitarbeiter in der Beschaffung haben sich Tage vorher Gedanken gemacht. Das war ein logistischer Drahtseilakt: Einerseits die Versorgung zu gewährleisten und andererseits so wenig Verluste wie möglich einzufahren«, erläuterte der Experte.

Ein Engpass wegen Hamsterkäufen war nicht zu erwarten. Die sind allerdings nicht ausgeschlossen zum 31. August, wenn der Günstigspuk sich dem Ende zuneigt. Kanisterhersteller werden darauf jetzt schon setzen.

Ein Teil der Autofahrer ist derzeit schon zufrieden, dass es ein wenig fallen Das steht fest, gerade im Vergleich zu all den anderen Erhöhungen im Umfeld. »Es ist ein gutes Gefühl, wieder vollzutanken, ohne die Zwei vor dem Komma zu sehen«, meint dann auch der Fahrer eines 3er BMW an der Jet-Tankstelle in Heuchelheim. »Ich bin mit dem Tankrabatt zufriedener als mit den Preisen zuvor, aber unter 1,50 Euro pro Liter wäre schön«, ergänzt eine Autofahrerin. Die magische Grenze von zwei Euro war an nahezu allen Tankstellen im Umkreis wieder unterboten. Jetzt erweist sich das Smartphone als besonders nützlich. Backhaus rät zur Tank-App. »Die wirkt in den meisten Fällen Wunder. Tanken würde ich vor allem nachmittags und nach 18 Uhr, aber das ist ja kein Geheimnis.« Vom »Tankrabatt« selbst ist Backhaus nur bedingt überzeugt. »Es ist besser als nichts. Eine allgemeine Mehrwertsteuersenkung wäre auch eine Option für die Zukunft und sie wäre gerechter. Was das angeht, sind wir ja schon coronaerprobt«, führte der Firmensprecher Backhaus aus. Immerhin bleibt auf absehbare Zeit trotz der Steuersenkung dem Kraftstoff das Schicksal von Toilettenpapier, Nudeln, Mehl und Öl erspart - er bleibt kurz- und mittelfristig verfügbar.

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Kim Dennis Backhaus Sprecher Roth Energie © Felix Leyendecker

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