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»Wunder von Mainzlar«

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Im Mainzlarer Standort von RHI sollen auch weiterhin feuerfeste Produkte hergestellt werden. Die drohende Schließung ist vom Tisch. Foto: Wisker © Wisker

RHI Magnesita will das Werk in Mainzlar weiterführen. Die zum Jahresende 2022 drohende Schließung ist damit vom Tisch.

Staufenberg (dge). Ende Juni ist der Ofen aus - so titelte der Anzeiger noch im September 2021 über die »Schamott«. Mitte 2022 sollten in den ehemaligen Didier-Werken, heute RHI Magnesita die Lichter ausgehen Dann wurde eine Verlängerung bis Ende 2022 in Aussicht gestellt. Nun die überraschende Nachricht: Die Produktion soll weiterlaufen. Michael Schwarz, der Betriebsratsvorsitzende der Mainzlarer Niederlassung von RHI Magnesita, spricht vom »Wunder von Mainzlar«.

»Nach sechs Schließungsterminen und einem über zweijährigen Kampf zur Erhaltung des für die Region sehr wichtigen Standortes, wurde eine Wendung erzielt«, erläuterte Schwarz im Gespräch mit dem Anzeiger. Nicht nur, dass die Produktion weiterlaufen wird. Sogar neue Arbeits- und Ausbildungsplätze sollen entstehen.

Die Kehrtwende der Unternehmensleitung war schon zu erahnen, als Mitte Juni Bestrebungen bekannt wurden, die Teilstrecke Mainzlar-Lollar der ehemaligen Lumdatalbahn wieder für den Güterverkehr in Betrieb zu nehmen. Die Hoffnung, die sich breit machte, trog nicht.

Am Montag wurde die Belegschaft informiert: Es gibt einen Neustart für das Werk Mainzlar. Das dürfte in den Reihen der Mitarbeiter so manchen Stein vom Herzen plumpsen lassen. Fürchteten viele doch um ihre Existenz.

Seit 1907 wird in Mainzlar feuerfestes Material hergestellt. Rund 150 Arbeitsplätze waren seinerzeit bedroht. Feuerfestprodukte werden in der Stahl-, Zement-, Kalk-, Nichteisenmetall-, Glas-, Energie-, Umwelt- und Chemieindustrie verwendet und halten Temperaturen von rund 1200 Graid Celsius stand.

Was aber hat zu dieser Entscheidung geführt? Eine Anfrage bei RHI ergab, dass seit der Covid-19-Pandemie und den unterbrochenen globalen Lieferketten feststehe, »dass wir unsere Werke in Europa erhalten müssen. Regional aufgestellt zu sein, ist ein Gebot der Stunde, um nahe an den Kunden dran zu sein und damit nachhaltiger - weil näher- liefern zu können.« Vor Ort zu sein, sei heute wieder ein klarer Vorteil. Aus diesem Grunde werde das Werk Mainzlar neu an den Start gehen.

Standortgarantie

Die Unternehmensleitung teilte weiterhin mit, dass man eine Standortgarantie von fünf Jahren abgeben, rasch über sieben Millionen Euro investieren und die Produktion auf völlig neue Beine stellen wolle. Einziger Wermutstropfen sei, dass die offiziellen Zusagen seitens Politik und Landesbahn zur Wiederbelebung des Gleisanschlusses Mainzlar-Lollar noch ausstünden.

Dennoch ist der Blick in die Zukunft zuversichtlich: »Das altehrwürdige Werk in Mainzlar bleibt erhalten. Und noch mehr: Es wird erneuert, modernisiert und zukunftsfit gemacht«, erklärte das RHI-Management. »Wir - die Belegschaft, das Management und der Betriebsrat - haben es geschafft, eine für alle Beteiligten positive Einigung zu erreichen. Damit kann das Werk in Mainzlar weitergeführt werden«, stellte Constantin Beelitz (RHI-President Europe, CIS & Turkey) fest.

Und er betont nochmals: »Unser Commitment ist eine Standortsicherung für fünf Jahre, eine rasche Investitionssumme von über sieben Millionen Euro und das Versprechen, das Werk so aufzustellen, dass es in Zukunft flexibler auf Kundennachfragen reagieren kann. Eine ›win-win‹-Situation für alle.«

Auch der Betriebsrat hat allen Grund zur Freude: »Nach langen Verhandlungsrunden ist der Erhalt des Werks Mainzlar ein großartiger Erfolg für die Belegschaft, aber auch die gesamte Region«, betonte Vorsitzender Schwarz. Es sei ein Interessensausgleich unterschrieben worden, der eine unbefristete Weiterführung des Werkes mit hohen Investitionen vorsehe. Der Sozialplan inklusive einer sehr guten Motivationsprämie sei ebenso abgesichert worden. »Nun warten wir nur noch auf grünes Licht der Politik für die Bahnverbindung Mainzlar-Lollar.«

Gleisanschluss

Denn der Gleisanschluss ist laut RHI »eine Voraussetzung für eine erfolgreiche Zukunft«. Das Werk in Mainzlar sei geografisch optimal gelegen, denn es befinde sich in der Nähe von wichtigen Kunden. Dies ermögliche es, auf kurzem Wege nachhaltig zu liefern. Als Unternehmen, das sich aktiv für Nachhaltigkeit einsetze, sei erheblicher Schwerverkehr - über 70 Lkw-Fahrten pro Woche zum und vom Werk Mainzlar - keine Option. »Unsere Kunden sowie die Menschen in der Umgebung des Werkes verlangen nach einem CO2-freien Transport. Die 4,4 Kilometer lange Gleisstrecke von Mainzlar bis Lollar muss daher wieder in Stand gesetzt werden. Wir haben bis dato von Seiten aller beteiligten Behörden und der Politik sowie der Hessischen Landesbahn positive Signale erhalten, die uns zuversichtlich stimmen, dass auch dieses Vorhaben 2023 umgesetzt werden kann«, so RHI-President Beelitz. Künftig sollen in Mainzlar neben Magnesitprodukten, die hauptsächlich für die globale Glasindustrie hergestellt werden, auch dolomitische Produkte in das Portfolio mitaufgenommen werden. »In Zukunft wird die Produktion in Mainzlar diversifiziert und neue Kunden bedient werden. Diese neue Produktlinie soll schon mit Anfang 2024 an den Start gehen«, blickte Beelitz nach vorne. Dafür würden die beiden Tunnelöfen im Werk - das Herzstück der Feuerfestproduktion - umgerüstet und Anlagen modernisiert.

Mitarbeiter gesucht

Neben der Bahnverbindung gebe es noch eine Voraussetzung für die Weiterführung der »Schamott«: Ein großes Team an Mitarbeitern. Tim Steenvoorden, Vorstand der RHI Magnesita in Deutschland, dazu: »Um künftig neben den Magnesitprodukten auch dolomitische Feuerfestprodukte herstellen zu können, suchen wir 40 zusätzliche Kollegen. Wir bieten neben einem unbefristeten Dienstvertrag auch einen sehr guten Tarifvertrag, Entwicklungsmöglichkeiten und mehr. Fest steht: Wer hier arbeitet, trifft auf echten Team-Spirit und eine Belegschaft, die zusammenhält.« Künftig würden in Mainzlar auch wieder verschiedene Ausbildungsplätze angeboten. Michael Schwarz betont, dass das »Wunder der Schamott« nur möglich gewesen sei, weil die gesamte Belegschaft und nicht nur ein Team bei diesem Erfolg gemeinsam mitgeholfen habe. »Ein Betriebsrat, der nie aufgibt und von der ganzen Belegschaft unterstützt wurde, große Unterstützung durch die Industriegewerkschaft Bergbau, Chemie (IG BCE), Energie und den Deutschen Gewerkschaftsbund, politische Unterstützung über Partei- und örtliche Grenzen hinaus sowie Betriebsräte und private Personen, die den Betriebsrat und die Belegschaft stark unterstützen«, hätten ihr Übriges getan.

Anne Weinschenk von der IG BCE hob hervor, wie wichtig und einflussreich Betriebsräte und starke Gewerkschaften seien. »Denn nur durch den gemeinsamen unermüdlichen Einsatz konnte die Unternehmensentscheidung, das Werk zu schließen, gedreht und eine Standortsicherung für weitere fünf Jahre erreicht werden.«

Auch beim DGB ist man erleichtert über die positive Wendung und die Sicherung von Arbeitsplätzen: »Mainzlar zeigt, was eine organisierte Belegschaft mit ihrem Betriebsräten und ihrer Gewerkschaft erreichen kann. Arbeitsplätze und Standort wurden erhalten. Beides ist gut für unsere Kollegen und für die Region.«

Von einer »sehr guten Nachricht für Staufenberg« sprach Bürgermeister Peter Gefeller (SPD), der sich eigens aus dem Urlaub meldete. Nicht nur, dass die Arbeitsplätze gesichert seien, auch sei es schön, dass mit der wichtigste Arbeitgeber nun in der Region bleiben werde.

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