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Zähflüssige Beweisaufnahme

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Im Prozess um den »Mord ohne Leiche« in Hungen, soll die Suche nach Leichenteilen im Sachsensee in den nächsten Tagen durch Taucher fortgesetzt werden. © Czernek

Im Prozess um den »Mord ohne Leichen« in Hungen sollen Taucher die Suche nach Leichenteilen im Sachsensee in den kommenden Tagen wieder aufnehmen.

Kreis Gießen (bcz). Der Prozess um »den Mord ohne Leiche«, wie er landläufig bezeichnet wird, zieht sich in die Länge und es ist noch kein Ende in Sicht. Seit April 2021 müssen sich zwei Angeklagte wegen Mordes sowie erpresserischen Menschenraubes mit Todesfolge vor dem Gießener Landgericht verantworten.

Die beiden Angeklagten waren mit ihrem späteren Opfer befreundet und lebten im Umkreis von Hanau. Ihnen wird vorgeworfen Daniel M. unter einem Vorwand zu einer Autofahrt nach Hungen überredet zu haben. Dort gehörte dem Jüngeren der beiden, einem 40 jährigen IT-Spezialist, zu diesem Zeitpunkt ein Anwesen, auf dem sich die spätere Tat ereignet haben soll. Den Männern wird vorgeworfen am 17. November 2016 Daniel M. im Auto erschossen zu haben.

Wer die Tat wirklich begangen hat, ist bislang ungeklärt, da die beiden sich gegenseitig beschuldigen. Die Hintergründe der Tat sind bis heute nicht wirklich geklärt.

Bis 2020 galt das Opfer als vermisst. Den Stein ins Rollen gebracht hat der 44-jährige Angeklagte, ein Mathematiklehrer aus Bruchköbel. Er ging im Mai 2020 zur Polizei und beschuldigte seinen Mitangeklagten das Opfer, Daniel M., erschossen zu haben. Der 40-jährige ITler aus Eppstein, erklärte wiederum vor der Polizei, dass er auf Anweisung seines Mittäters, dem 44-jährigen Lehrer, den Leichnam des Opfers zerlegt habe. Anschließend habe er die Weichteile im Wald vergraben. Die anderen Teile habe er in Eimern einbetoniert und im Starnberger See versenkt. Eine entsprechende Suchaktion in dem bayerischen Gewässer blieb jedoch erfolglos.

Eine andere Spur führte zum Sachsensee bei Hungen. Dieser ist nicht allzu weit vom Tatort entfernt und zudem dem 40-Jährigen bekannt, wie die Auswertungen seines Logbuches ergaben.

Wo sich die sterblichen Überreste des Opfers wirklich befinden, das ist bis heute ungeklärt, denn auch die jüngste Suchaktion im Sachsensee blieb bislang erfolglos. Diese Untersuchung ist noch nicht vollständig abgeschlossen, da die Tauchergruppe Corona-bedingt ihre Suche unterbrochen hat, wie Oberstaatsanwalt Thomas Hauburger zu Beginn des Prozesstages berichtete. Sie wird in den nächsten Tagen fortgesetzt.

Im Zuge der bislang durchgeführten Suchaktion hatte sich ein Zeuge gemeldet, der vor rund eineinhalb Jahren beim Angeln einen Teil eines Eimers herausgezogen hatte, der mit irgendwelchen Betonresten gefüllt war. Allerdings wies der Oberstaatsanwalt expliziert darauf hin, dass bis dato keine Leichenteile gefunden wurden.

Auf dem Terminplan am vergangenen Freitag stand das Abspielen von Audiodateien von Gesprächen, die der jüngere der beiden Beschuldigten mit seiner Mutter während mehrerer Autofahrten 2020 geführt hatte. Da er bereits im Blickfeld der Ermittlungen gestanden hatte, war eine Raumüberwachung des Fahrzeuges angeordnet worden. Die Aufnahmen wurden auszugsweise im Saal vorgespielt. Allerdings ist die Qualität von solchen Abhörmaßnahmen nicht vergleichbar mit telefonischen Mitschnitten, so dass die Wiedergabequalität teilweise sehr schlecht war. In den Gesprächen gab der Mann zu, dass er die Leiche weggeschafft habe und zwar so, dass sie unauffindbar sei. Deutlich zu hören war seine Äußerung: »Ich habe ihn weggeschafft«. Für ihn war auch klar, dass er die Leiche nicht auf dem Grundstück vergraben konnte, wo der Mord geschehen war. »Wenn ich ihn auf dem Grundstück vergraben hätte, dann hätte ich mein Leben lang nicht mehr schlafen können.« Nur wohin er die Leichenteile gebracht hat, das hat er bis heute nicht gesagt. Für die Familie wäre dies eine echte Hilfe, um mit der Tat abschließen zu können. Auch für den Anwalt der Familie, die als Nebenkläger den Prozess verfolgt, ist dieses Verhalten nicht nachvollziehbar. Während der 40-jährige Angeklagte im Gerichtssaal aufmerksam, aber mit Gelassenheit, dem Geschehen folgt, zeigen Aufzeichnungen ein durchaus anderes Bild von ihm. Bei einem Wutanfall bezeichnete er seine Mutter auch schon mal als »Drecksfotze« und als »Dummes Arschloch«. Auch für seinen ehemaligen Freund und Mitangeklagten hat er eine Anzahl von abfälligen Worten parat. Allerdings vermutete er, dass die Polizei ihn bereits im Blick hätte und ihn möglicherweise sogar abhören würde. So erklärte er seiner Mutter, dass ihnen nichts passieren könnte, da er sein Handy ausgeschaltet hätte, aber auch diese Aussage wurde mitgeschnitten und dokumentiert. Die Bewertung der Aufnahmen stehen noch aus.

Der Prozess wird am 23. Februar fortgesetzt.

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