1. Startseite
  2. Kreis Gießen
  3. Kreis Gießen

Zeitweise flossen Tränen

Erstellt:

gikrei_2903_bruecke_vb_29_4c
Renate Rudat © Rieger

Wie geht es den ukrainischen Mitarbeitern momentan und wie sieht deren Arbeit vor Ort aus? Darüber informierte das Missionswerk »Brücke der Hoffnung«.

Hüttenberg (imr). »Ist es ein schrecklicher Albtraum oder grausame Realität?«, diese Frage einer ukrainischen Mitarbeiterin des Missionswerks »Brücke der Hoffnung« angesichts der aktuellen Kriegseindrücke brachte das Thema des Abends auf den Punkt. Die deutsche Zentrale der Hilfsorganisation ist in Rechtenbach, seinen Schwerpunkt hat der Verein seit 1995 in der ukrainischen Stadt Swetlowodsk, vier Autostunden entfernt von Kiew. Mitarbeiter des deutschen Büros berichteten im Haus der Evangelischen Gemeinschaft in Rechtenbach darüber, wie es den ukrainischen Mitarbeitern momentan geht und wie deren Arbeit vor Ort aussieht. Filmbeiträge und Geschichten nahmen die Besucher mit in die aktuelle Situation und gaben damit den Ereignissen auch Namen und Gesichter. Das war sehr berührend, zeitweise flossen Tränen.

»Gerade fehlen mir die Worte, das sind alles Menschen, die wir persönlich kennen, wir haben in den vergangenen Tagen viel weinen müssen«, bekannte Renate Rudat, nachdem ein kurzer Filmbeitrag gezeigt worden war, der die Situation während eines Sirenenalarms, der Flucht in einen Keller und des Ausharrens dort mit einem Handy aufgenommen dokumentierte. Sie moderierte den Abend in Vertretung ihres Ehemannes Burkhard Rudat, der aus gesundheitlichen Gründen verhindert war. Er leitet das überkonfessionelle Hilfswerk »Brücke der Hoffnung« seit Jahrzehnten. Der Verein finanziert sich ausschließlich durch Spenden.

Im Mittelpunkt der Arbeit stehen die geistliche und materielle Hilfe für Menschen am Rande der Gesellschaft, vor allem für Kinder, Jugendliche und arme Familien. 31 Vollzeitkräfte, 13 Teilzeitkräfte, 19 Mini- und zwei Maxijobs arbeiten in der Ukraine für das Hilfswerk, es gibt mehrere Häuser, in denen Kinder und Jugendliche unterkommen, wo sie essen bekommen und sich altersgerecht beschäftigen können.

Es gibt eine Lehrwerkstatt, Suppenküchen, Pflanzaktionen, Lebensmittel- und Kleiderspenden, Winterhilfe und vieles mehr. Auch Menschen, die vor den Kriegshandlungen auf der Flucht sind, finden in diesen Tagen Unterkunft und warme Mahlzeiten in den Häusern von »Brücke der Hoffnung«. Denn momentan gibt es in dieser Region noch keine Angriffe. Rund vier Millionen Menschen seien in der Ukraine auf der Flucht, berichtete Mitarbeiterin Nicola Gocke.

Ursprünglich war für diesen Abend ein Auftritt der ukrainischen Musikgruppe »Soruschka«, es sind Mitarbeiterinnen des Vereins, geplant gewesen, aber die Frauen sind in ihrer Heimat geblieben, um dort den Menschen zu helfen. »Stattdessen berichten wir, wie der Alltag jetzt in den Tagen des Krieges bei unseren Mitarbeitern aussieht. Gleichzeitig möchten wir euch zeigen, was mit euren Spenden und eurer Unterstützung passiert«, sagte Renate Rudat. Immer wieder wurde an diesem Abend deutlich, wie tiefgläubig die Mitarbeiter des Vereins sind und wie sie Kraft aus diesem Glauben schöpfen. Sie zitierte aus einem Brief des jungen Vitali an seine Paten in Deutschland: »Jetzt haben wir Krieg, das ist so beängstigend … Wir haben Angst, aber auch Gott, der uns Mut gibt. Wir beten für den Frieden, unter anderem auch für die russischen Soldaten, dass Jesus ihnen begegnet.« Ein Filmbeitrag von Weihnachten 2021 mit friedlich-harmonischen Bildern stand im krassen Gegensatz zu den aktuellen Fotos und Videos, die später folgten.

»Mit Veränderungen umgehen, das können unsere Mitarbeiter, das haben sie schon bei Corona unter Beweis gestellt«, berichtete Mitarbeiterin Annekathrine Röhrig. Aus Bürokräften wurden so unter anderem Köchinnen, Bäckerinnen und Erzieherinnen.

»Wir wollen solange es geht in der Ukraine bleiben, darauf konzentrieren wir uns«, stellte Renate Rudat klar. Falls Mitarbeiter nach Hüttenberg kommen wollten, werde man selbstverständlich hier für sie sorgen.

»Die Menschen sind total traumatisiert, sie können oft gar nicht mehr gerade denken, und sind so voller Schmerz. Fast jede Familie hat schon Verluste durch den Krieg erlitten.«

Am Ende des Abends wurde ein Video von »Soruschka« mit dem Lied »Deine Hand hält mich fest wenn meine Kraft mich verlässt« gezeigt, das Burkhard Rudat vor einigen Jahren geschrieben hat.

»Ich hätte nie gedacht, dass meine Generation solche Bilder noch erleben muss«, brachte Hans-Jörg Moos, 1. Vorsitzender der Evangelischen Gemeinschaft Rechtenbach, die Gedanken des Publikums zum Ausdruck.

Konkrete Hilfen sind neben Geldspenden neue Wasserkocher, Mikrowellen, elektrische Heizstrahler, Kerzen, Isomatten und Schlafsäcke. Sie können idealerweise bis zum 1. April im Büro des Vereins, Am Brückelchen 42, werktags von 9 bis 14 Uhr, abgegeben werden. Ein geplanter Hilfstransport soll Anfang April in die Ukraine starten. Helfer beim Laden sind erwünscht.

Spendenkonto: Volksbank Mittelhessen, IBAN: DE45 5139 0000 0078 8266 06, BIC: VBMHDE5F

Internet: www.bdh.org

Auch interessant