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»Zum Gambrinus« in Lang-Göns schließt

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Von: Imme Rieger

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Seit mehr als 160 Jahren gibt es den Landgasthof »Zum Gambrinus«. Mitte Oktober schließt er bis zum Jahresende. Wie es 2023 weitergeht, ist noch offen. Foto: Rieger © Rieger

Ín der Lang-Gönser Traditionsgaststätte gehen vorerst die Lichter aus.

Langgöns (imr). Der Landgasthof »Zum Gambrinus« in der Breitgasse schließt Mitte Oktober, erst einmal bis zum Jahresende. »Anfang 2023 schauen wir dann, wie es weitergeht«, sagt das Wirtsehepaar Arno und Annerose Wissig. »Viele Gäste sind entsetzt und können es gar nicht glauben«, diese Reaktion erleben die beiden in diesen Tagen oft. Die Nachricht hat sich im Dorf in Windeseile herumgesprochen. Schließlich ist die Gaststätte eine Institution in Lang-Göns, denn sie besteht seit mehr als 160 Jahren,das große Gebäude ist ortsbildprägend.

Nicht leicht gefallen

Seit rund 40 Jahren ist Arno Wissig, der Ur-Ur-Ur-Enkel des Gaststättengründers, der Wirt. Damals, Anfang der 80er Jahre, hatte er gerade seine Annerose kennengelernt und beide beschlossen, die Gaststätte gemeinsam zu übernehmen. Er stand hinter der Theke, sie war die Chefin in der Küche. Das lief gut, und beide sahen sich in all den vielen Jahren immer der Familientradition verpflichtet. Doch aktuell hat der waschechte Lang-Gönser, der inzwischen Mitte 60 ist, gesundheitliche Probleme. Schon im Frühjahr hat er erfahren, dass er sich einer Herzoperation unterziehen muss. Den Eingriff hat er noch über den Sommer geschoben, »aber vor der nächsten Corona-Welle sollte er gemacht werden, sagen die Ärzte«. Mitte Oktober ist es jetzt soweit. Wie es Arno Wissig danach gehen wird, lässt sich zum jetzigen Zeitpunkt selbstverständlich überhaupt nicht sagen. Annerose, die fünf Jahre jünger ist als ihr Mann, stellt fest: »Wir sind beide jetzt eigentlich im Rentenalter, und in unserem Beruf gibt es keine Wiedereingliederungsphase wie im Büro. Wenn wir aufmachen, müssen wir auch volle Leistung bringen«.

Sie berichtet: »Es kamen noch verschiedene andere Dinge hinzu, die uns zu unserem Entschluss, der uns wirklich nicht leichtfällt, brachten«. Das ist zum einen die Lage nach der Pandemie: »Alles spielt sich mittlerweile am frühen Abend ab, das ist Stress pur und wir haben kein Personal, um das abzudecken«. Die jungen Leute hätten sich während der Corona-Zeit andere Jobs gesucht, »verständlich, denn die Arbeitszeiten in der Gastronomie sind halt auch nicht besonders attraktiv«. Ganz aktuell kommen die immensen Kostensteigerungen bei Lebensmitteln und insbesondere im Energiesektor hinzu, »wir kochen und heizen komplett mit Gas, das ist kaum aufzufangen«. Durch die Pandemie habe auch das Vereinsleben sehr gelitten, »das hat extrem nachgelassen, es kommen meistens nur noch kleine Grüppchen, die Zeit der großen Familienfeiern und Feste mit mehreren 100 Gästen ist vorbei.« Auch ein Nachfolger, der die Gaststätte übernehmen möchte, ist nicht in Sicht, die gemeinsame Tochter hat Medizin studiert und wird die Nachfolge ihrer Eltern nicht antreten.

Das Gebäude ist sehr groß, 1987 entstand ein Neubau, der seitdem den historischen Teil des Gebäudes ergänzt. »Das ganze Anwesen zu verpachten würde bei einer Nutzung als Gastronomie nicht funktionieren. Bei uns rentiert es sich auch nur, weil uns das Haus gehört«, erklärt Arno Wissig. Ein potenzieller Käufer würde wohl auch eher Wohnungen daraus machen, vermutet er. Allerdings ist der alte Bereich denkmalgeschützt und das Gebäude sei außerdem »ziemlich verbaut«.

Wie reagieren die Gäste auf die Nachricht, dass im »Gambrinus« Mitte Oktober erst einmal die Lichter ausgehen? »Viele fallen aus allen Wolken, denn hier war immer ein echter Treffpunkt fürs Dorf.« Während Ehemann Arno ein eher ruhiger Typ ist, der nicht zu großen Reden neigt, ist Annerose der kommunikative Part des Duos: »Für einige ältere Leute, darunter viele Alleinstehende, tut es mir wirklich leid, dass wir schließen, denn die wussten, wenn sie zu uns kommen, wird immer auch ein Schwätzchen gehalten.«

Früher gab es viel mehr Gast- und Schankwirtschaften in Lang-Göns: So wurden im Jahr 1886 zwölf davon gelistet, und das bei einer Bevölkerung von nur rund 1500 Personen. Der »Gambrinus« ist heute im historischen Ortskern neben der Gaststätte »Speckmaus« in der Moorgasse als einzige Gastronomie übriggeblieben.

»Riesiger Verlust«

Für viele Ortsvereine ist der Landgasthof ein beliebter Treffpunkt. Auch die beiden Lang-Gönser Gesangvereine sind von der anstehenden Schließung betroffen: Der »Frohsinn«-Männerchor hat die Gaststätte seit 1859 (!) zu seinem Vereinslokal erkoren, auch die Mitglieder des »Germania« proben hier. Sie müssen sich nun, zumindest vorübergehend, eine neue Bleibe für ihre Singstunden suchen. Und auch Arno und Annerose Wissig werden sich ganz neu aufstellen: »Wir müssen jetzt erst einmal ausprobieren, wie es ist, nicht mehr täglich Termine zu haben, denn wir kennen ja nichts anderes als unsere Gastronomie«. Weil die nahe Zukunft nicht wirklich planbar sei, »wollen wir jetzt erst einmal alles auf uns zukommen lassen«. Die beiden raten allen, die noch »Gambrinus«-Gutscheine besitzen, diese bis Mitte Oktober einzulösen.

»Ich habe die Hoffnung, dass sie wieder öffnen«, so reagierte der Langgönser Bürgermeister Marius Reusch auf die Nachricht, dass Wissigs ihren »Gambrinus« zumachen. »Das Gasthaus hat in Lang-Göns eine wirklich überragende Bedeutung und ist für das Ortsleben wichtig. Eine endgültige Schließung wäre ein riesiger Verlust«, betonte er. Besonders »sympathisch« findet der Rathauschef, »dass hier noch Vereine in den Gaststätten sind und diese damit auch aufrecht halten«. Ziel wäre auf jeden Fall, »dass das Haus Zukunft hat«.

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Arno und Annerose Wissig sind seit 40 Jahren das Wirtsehepaar im »Gambrinus«. Foto: Rieger © Rieger

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