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185 nicht besetzte Stunden

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In der Kita »Arche« in Lang-Göns fehlt es an Personal. © Rieger

Die evangelische Kintertagesstätte »Arche« in Lang-Göns leidet seit Monaten unter massivem Personalmangel.

Langgöns (imr). Die evangelische Kindertagesstätte »Arche« im Ortsteil Lang-Göns leidet seit Monaten unter einem massiven Personalmangel. »Zwischenzeitlich habe ich gedacht, mir säuft die Kita ab«, bringt Pfarrer Achim Keßler das Problem mit klaren Worten auf den Punkt. Die evangelisch-lutherische Kirchengemeinde Lang-Göns ist der Betreiber der Einrichtung, Träger ist das Evangelische Dekanat Gießen.

Von eigentlich zehn Mitarbeitern sind aktuell nur vier präsent, es gibt wöchentlich 185 nicht besetzte Stunden, die Öffnungszeiten mussten deshalb verkürzt werden. Die eigentlichen Öffnungszeiten sind von 7 Uhr bis 17 Uhr. Momentan geht es erst um 7.30 Uhr los, um 15.30 Uhr ist Schluss, kürzlich musste die Kita in einer Woche krankheitsbedingt bereits um 15 Uhr schließen. Erschwerend hinzu kommt die allgemeine Situation in der Corona-Pandemie.

An der Grenze

»Wir haben mehrere Langzeitkranke, unsere Leiterin ist schwanger und darf nur im Homeoffice arbeiten, eine Erzieherin verlässt uns, um wohnortnah arbeiten zu können, und auf befristete Stellen zur Vertretung bewirbt sich niemand«, schildert der Pfarrer die Lage.

Wie gehen die berufstätigen Eltern damit um? »Der größte Teil der Eltern zieht fantastisch mit, und im Erzieherinnenteam ist ein gutes Klima, sie machen ihre Arbeit fantastisch«, lobt Keßler ausdrücklich. Er macht sich allerdings Sorgen um das Personal. Es arbeite an der Belastungsgrenze und verschiebe sogar Urlaube, »das ist nicht gut für die Gesundheit der Erzieherinnen.« Auch für die Eltern sei dies alles sehr belastend.

Die Kita bietet drei Gruppen an: Eine Krippengruppe mit bis zu zehn Kindern ab einem Jahr, eine altersübergreifende Gruppe mit bis zu 22 Kindern und eine Gruppe mit bis zu 25 Kindern über drei Jahre. Momentan besuchen 53 Kinder die Arche.

Achim Keßler treibt die Frage um, woher er das Personal nehmen soll. »Auch Corona spielt eine Rolle, nicht wenige Kräfte haben den Arbeitsbereich gewechselt, denn unter diesen besonderen Bedingungen ist das Arbeiten wahnsinnig anstrengend.« Froh ist er darüber, dass »die meisten unserer Leute große Geduld haben und erfinderisch sind«. Kürzlich hatte er Einstellungsgespräche für die Vertretung der Leitung, »da gab es Bewerbungen, das ist schon toll.« Jedoch befürchtet der Pfarrer: »Das ist erst der Anfang des Fachkräftemangels im ganzen Kitabereich, es ist kein Ende in Sicht.«

Diese Befürchtung teilt auch Marc Gibcke, Geschäftsführer im Fachbereich Kindertageseinrichtungen im Evangelischen Dekanat Gießen. Mit 20 Kita-Einrichtungen, in denen insgesamt fast 400 Mitarbeitern in der Stadt und im Landkreis Gießen beschäftigt sind, ist das Dekanat einer der größten Träger in der Region. Zur Situation in der Kita »Arche« sagt Gibcke, dass es dort beim Personal »ganz, ganz zentriert« dazu kam, dass zeitgleich einige dauerhafte Erkrankungen, Schwangerschaft und Elternzeit zusammenkamen. »Theoretisch können dann Vertretungen helfen, aber das funktioniert zunehmend nicht mehr, und das gilt in allen unseren Einrichtungen in Stadt und Land.« Die Erzieherinnen hätten derzeit eine große Auswahl, ganz viele Stellen würden auch unbefristet angeboten. »Dadurch sind befristete Stellen hochgradig unattraktiv.« Gibcke bilanziert nüchtern: »Der Fachkräftemangel ist da.« Als das Dekanat zu Beginn des Jahres 2012 die Trägerschaft über die 20 Kitas übernommen hätte, habe man noch »den Luxus gehabt, Personen von A nach B umzusetzen, jetzt ist überall der Arche-Effekt zu spüren«.

Abgänge

Auch, dass viele aus der Generation der Baby-Boomer jetzt in den Ruhestand gingen, verschärfe das Problem. Außerdem sei die Mitbewerberschaft »viel deutlicher« geworden. »Wir bilden in jeder Kita auch aus, mit unterschiedlichen Modellen, das genügt aber nicht, um die vorhandenen Löcher zu stopfen«, berichtet der Geschäftsführer und bekennt: »Das macht mir absolute Bauchschmerzen.«

Die Städte müssten aufgrund des Gute-Kita-Gesetzes immer mehr Plätze anbieten, »aber wer füllt die Stellen?«, fragt Marc Gibcke.

In der Lang-Gönser Arche versuche das Team, alles möglich zu machen und gemeinsam diese schwierige Zeit durchzustehen. »Auf Dauer sind die Erzieherinnen aber fertig«, befürchtet er. In der Folge müssten dann ganze Gruppen zu machen, da sollte man sich auch immer bewusst sein, was dies für Eltern bedeute. »Es ist leider inzwischen eine tägliche Herausforderung, die Pandemie-Lage kommt verschärfend hinzu«, bedauert Gibcke. Er weist darauf hin, dass das aktuelle Problem schon vor zehn Jahren prognostiziert worden sei, unter anderem von der Bertelsmann-Stiftung. »Ein Gegensteuern hat es ganz wenig gegeben.« Auch das Hessische Kinderförderungsgesetz (KiföG), das 2014 in Kraft trat, hätte nicht gereicht, um die Lage in den Griff zu bekommen. »Wir kriegen ein absolutes Problem in der Gesamtversorgung«, ist sich der Geschäftsführer sicher.

Wie stellt sich die Situation in den sechs Kitas der Gemeinde Langgöns dar? Bürgermeister Marius Reusch (CDU) sagt: »Wir spüren den Fachkräftemängel auch, aber die Lage ist nicht ganz hoffnungslos.« Aktuell gebe es sechs offene Stellen und zwei bis drei längerfristig erkrankte Mitarbeiterinnen. Insgesamt hat die Gemeinde Langgöns 76 Stellen im Kita-Bereich. Nur in der Kita »Mäuseburg« im Ortsteil Lang-Göns sei die Lage »relativ kritisch«, dort habe es auch Abgänge gegeben, so hätten beispielsweise Mitarbeiterinnen zu einer wohnortnäheren Einrichtung gewechselt. Es gebe auch bei der Gemeinde Langgöns reduzierte Öffnungszeiten, dies sei allerdings den Corona-Regelungen geschuldet: »Das Stammgruppenprinzip erfordert einen erhöhten Personalaufwand, dadurch ergibt sich eine Reduzierung zwischen einer und anderthalb Stunden.«

Kompliziert sei es in Zeiten der Pandemie in eingruppigen Einrichtungen wie beispielsweise in der Kita »Regenbogen« in Cleeberg: »Wenn dort jemand Corona hat, dann ist immer gleich die Öffnung kritisch.«

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